Ein grausiger Fund mitten im Herzen der Polizei
London im Jahr 1889. Die Metropolitan Police soll ein neues Hauptquartier bekommen, doch ausgerechnet auf der Baustelle des späteren Scotland Yard wartet eine makabre Überraschung. In einem Paket wird der verstümmelte Körper einer Frau entdeckt. Der Kopf fehlt. Schnell steht eine unangenehme Frage im Raum: Hat dieser Fund etwas mit Jack the Ripper zu tun oder ist in London ein anderer Täter unterwegs?Thorsten Schleif belässt es natürlich nicht bei einer Leiche. Weitere menschliche Überreste tauchen auf, und nach und nach entwickelt sich aus dem grausigen Fund ein Fall, der weit über eine gewöhnliche Mordermittlung hinausgeht. Die Gesellschaftsdame Irene Adams und William Berger, ehemaliger Polizist und mittlerweile Leibwächter, beginnen auf ihre eigene Art nach Antworten zu suchen.
Du musst den Vorgänger „Killing Red Jack“ übrigens nicht gelesen haben, um der Geschichte folgen zu können. Die Figuren haben zwar eine gemeinsame Vergangenheit, der eigentliche Kriminalfall steht aber für sich. Wer Irene Adams und William Berger bereits kennt, bekommt natürlich etwas mehr Wiedererkennungswert und kann ihre Beziehung besser einordnen.
Die stärkste Idee von „Four Heads Missing“ ist gleichzeitig die einfachste: Ein ungelöster historischer Kriminalfall lässt genau den Raum, den ein Thriller-Autor für seine eigene Wahrheit braucht.
True Crime trifft auf historischen Thriller
Besonders reizvoll ist der reale Hintergrund. Die sogenannten Thames Torso Murders gehören zu jenen historischen Mordserien, bei denen bis heute entscheidende Fragen offen sind. Zwischen den späten 1880er-Jahren wurden in London und entlang der Themse zerstückelte menschliche Überreste entdeckt. Die Ereignisse überschnitten sich zeitlich teilweise mit den berühmten Whitechapel-Morden, ohne dass eine eindeutige Verbindung zu Jack the Ripper nachgewiesen werden konnte.Genau diese Unsicherheit nutzt Thorsten Schleif. Er muss keinen historisch belegten Täter in eine erfundene Geschichte pressen, sondern darf dort weitererzählen, wo die historischen Akten keine eindeutige Antwort mehr liefern. Das funktioniert erstaunlich gut, weil „Four Heads Missing“ seine historischen Grundlagen nicht wie Unterrichtsstoff präsentiert. Die Fakten bilden vielmehr das Gerüst, auf dem der Thriller seine eigene Version der Ereignisse errichtet.
Hinzu kommt Schleifs beruflicher Hintergrund. Der Autor ist Richter im Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen und hat neben Sachbüchern bereits die humorvolle Krimireihe um Richter Siggi Buckmann geschrieben. Seine Beschäftigung mit Strafjustiz und Kriminalfällen ist deshalb mehr als bloß ein literarisches Interesse. In „Four Heads Missing“ zeigt sich das vor allem darin, wie Ermittlungen, Verdachtsmomente und unterschiedliche Perspektiven miteinander verzahnt werden.
Irene Adams und William Berger ermitteln wieder
Das Ermittlerduo sorgt dafür, dass der Roman nicht zur bloßen historischen Rekonstruktion wird. Irene Adams bewegt sich durch gesellschaftliche Kreise, zu denen klassische Polizeiarbeit nicht ohne Weiteres Zugang bekommt, während William Berger seine Erfahrungen als ehemaliger Polizist einbringt. Gerade diese unterschiedlichen Ausgangspositionen machen die beiden interessant.Schleif erzählt zudem nicht ausschließlich aus ihrer Perspektive. Wechselnde Schauplätze, Zeitebenen und Figuren erzeugen anfangs eine gewisse Unruhe. Du musst deshalb gerade auf den ersten Seiten etwas Aufmerksamkeit mitbringen, um die verschiedenen Fäden richtig einzuordnen. Sobald sich das Geflecht sortiert hat, zahlt sich diese Konstruktion jedoch aus und der Thriller gewinnt deutlich an Zug.
Besonders wirkungsvoll sind Passagen, in denen die Geschichte näher an den Täter heranrückt, ohne vorschnell dessen Identität offenzulegen. Dadurch entsteht eine unangenehme Nähe zu den Verbrechen, während das zentrale Rätsel erhalten bleibt.
Schleif erzählt nicht einfach von einem historischen Serienmörder, sondern lässt Dich durch ein London laufen, in dem niemand wissen konnte, welche Erklärung sich hinter den grausamen Funden verbarg.
Das viktorianische London als heimlicher Hauptdarsteller
Atmosphärisch kann „Four Heads Missing“ seine historische Kulisse gut ausspielen. London befindet sich im Wandel, gleichzeitig existieren bitterste Armut und gesellschaftlicher Wohlstand nebeneinander. Dazu kommt eine Polizei, die mit Methoden arbeiten muss, die aus heutiger Sicht beinahe erschreckend begrenzt wirken. DNA-Analysen, digitale Spuren oder moderne Datenbanken existieren natürlich nicht. Beobachten, befragen, kombinieren und manchmal schlicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein - daraus entsteht die Ermittlungsarbeit.Das verleiht dem Thriller einen angenehm klassischen Charakter. Gleichzeitig hält Schleif das Erzähltempo vergleichsweise hoch. Kurze Abschnitte und Perspektivwechsel verhindern, dass die historische Kulisse die eigentliche Handlung überlagert. Lediglich die Vielzahl an Figuren und Handlungsfäden kann gerade am Anfang etwas bremsen.
„Four Heads Missing“ ist dann am besten, wenn historische Wirklichkeit und Fiktion so eng zusammenrücken, dass Du unwillkürlich wissen möchtest, was davon tatsächlich passiert ist.



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