Warum wir unbedingt die Kontrolle behalten wollen
Kontrolle vermittelt Sicherheit. Wenn Du das Gefühl hast, Dein Leben beeinflussen zu können, erscheint die Welt berechenbarer. Problematisch wird es, wenn die Realität diesem Bedürfnis nicht mehr folgt. Gesellschaftliche Krisen, berufliche Unsicherheit, persönliche Veränderungen und eine kaum endende Flut neuer Informationen lassen sich schließlich nicht vollständig beherrschen.Eva Asselmann beschreibt Kontrolle deshalb zunächst als etwas völlig Menschliches. Erst wenn der Versuch, Unsicherheit zu vermeiden, selbst immer mehr Energie verschlingt, beginnt ein problematischer Kreislauf. Wir organisieren noch genauer, versuchen uns weiter zu optimieren und beschäftigen uns gedanklich permanent mit Dingen, die möglicherweise passieren könnten. Das Ergebnis kann ausgerechnet noch mehr Überforderung sein.
„Too much“ stellt eine unangenehm treffende Frage: Was, wenn unser Versuch, alles im Griff zu behalten, selbst ein Teil des Problems geworden ist?
Eine Psychologin, die Wissenschaft verständlich macht
Eva Asselmann weiß, worüber sie schreibt. Die 1989 geborene Psychologin ist Professorin an der HMU Health and Medical University in Potsdam und beschäftigt sich wissenschaftlich unter anderem mit Persönlichkeitsentwicklung, Stressmanagement und Prävention. Forschungsaufenthalte führten sie auch an die University of California in Los Angeles. Bereits mit ihren früheren Büchern „Woran wir wachsen“ und „Easy Relax“ hat sie psychologische Forschung für ein breites Publikum aufbereitet.Das gelingt ihr auch in „Too much“. Das 256 Seiten umfassende Buch liest sich nicht wie eine verlängerte Universitätsvorlesung. Asselmann arbeitet mit Situationen, in denen Du Dich ziemlich leicht wiederfinden kannst, und verbindet diese mit psychologischen Erkenntnissen. Dadurch entsteht ein Ratgeber, der wissenschaftliche Grundlagen ernst nimmt, aber nicht permanent beweisen muss, wie wissenschaftlich er ist.
Das ist gerade bei einem Thema wie Überforderung angenehm. Wer ohnehin das Gefühl hat, dass ihm alles zu viel wird, möchte vermutlich nicht erst fünfzig Seiten Fachterminologie durcharbeiten, bevor die ersten praktischen Gedanken auftauchen.
Selbstoptimierung kann selbst zur Belastung werden
Besonders interessant ist Asselmanns Blick auf Selbstoptimierung. Unsere Möglichkeiten sind größer geworden, gleichzeitig wächst damit aber die Zahl der Entscheidungen. Wir können effizienter arbeiten, gesünder leben, produktiver sein, Beziehungen bewusster gestalten und unsere Freizeit möglichst sinnvoll nutzen. Selbst Entspannung kann irgendwann wie eine weitere Aufgabe auf der persönlichen To-do-Liste wirken.„Too much“ macht nachvollziehbar, warum mehr Möglichkeiten nicht automatisch mehr Freiheit bedeuten. Ständig auswählen und entscheiden zu können, kostet ebenfalls Kraft. Hinzu kommen gesellschaftliche Beschleunigung, Unsicherheit und Einsamkeit. Asselmann betrachtet Überforderung deshalb nicht ausschließlich als individuelles Problem, das sich mit etwas besserem Zeitmanagement beseitigen lässt.
Vielleicht brauchen wir nicht für jeden Bereich unseres Lebens eine bessere Strategie - manchmal müssen wir akzeptieren, dass nicht alles gleichzeitig optimiert werden kann.
Praktische Werkzeuge statt einfacher Glücksrezepte
Erfreulicherweise bleibt „Too much“ nicht bei der Diagnose stehen. Eva Asselmann integriert praktische Werkzeuge und Übungen, mit denen Du die beschriebenen Mechanismen auf Deinen eigenen Alltag übertragen kannst. Es geht um Selbstwirksamkeit, innere Stärke und darum, trotz äußerer Unsicherheit wieder handlungsfähig zu werden.Das Buch verspricht dabei keine wundersame Verwandlung in einen permanent entspannten Menschen. Gerade das macht seinen Ansatz glaubwürdig. Schließlich werden Nachrichtenlage, Termindruck oder persönliche Probleme nicht dadurch verschwinden, dass Du ein psychologisches Sachbuch gelesen hast. Entscheidend ist vielmehr, wie viel Aufmerksamkeit und Energie Du Dingen gibst, die sich überhaupt nicht beeinflussen lassen.
Die positive Rezeption des Buches lässt sich gut nachvollziehen. Besonders häufig überzeugen die verständliche Sprache, die lebensnahen Beispiele und die Verbindung zwischen Forschung und konkreten Handlungsmöglichkeiten. Gleichzeitig liegt darin auch eine Grenze. Wenn Du Dich bereits intensiv mit Resilienz, Stressbewältigung, Achtsamkeit und Selbstwirksamkeit beschäftigt hast, wird Dir nicht jeder Gedanke neu erscheinen. Asselmann erfindet die Psychologie des Umgangs mit Überforderung nicht neu. Sie bringt unterschiedliche Erkenntnisse aber überzeugend in einen aktuellen Zusammenhang.
Die eigentliche Stärke von „Too much“ besteht darin, Loslassen nicht als Kapitulation zu verkaufen, sondern als bewusste Entscheidung darüber, wofür wir unsere begrenzte Kraft einsetzen.



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