Im Mittelpunkt steht Jo Mullein, die in ihre Heimatstadt Evergreen in Nevada zurückkehrt. Dort ist zuvor ein gewaltiges außerirdisches Gebilde erschienen, das die Stadt und ihre Bewohner nachhaltig verändert hat. Was genau geschehen ist, bleibt zunächst bewusst unklar. Die Handlung beginnt bei den Folgen der Katastrophe und nähert sich ihren Ursachen erst nach und nach. Al Ewing erzählt also kein geradliniges Superheldenabenteuer, sondern ein kosmisches Rätsel, bei dem Aussagen, Erinnerungen und Beobachtungen nicht immer zuverlässig wirken.
Ein Kleinstadt-Mysterium aus dem All
Absolute Green Lantern setzt stark auf die bedrückende Stimmung einer isolierten Kleinstadt. Die Menschen kennen sich, beobachten einander und tragen ihre persönlichen Konflikte mit sich herum. Über allem schwebt jedoch die Frage, was das fremde Licht mit Evergreen gemacht hat. Dadurch erinnert der Band stellenweise stärker an eine Science-Fiction-Mysteryserie oder kosmischen Horror als an einen klassischen DC-Comic.Bekannte Namen wie Hal Jordan, John Stewart und Guy Gardner tauchen trotzdem auf. Sie bilden aber keine eingeschworene Heldengruppe, sondern erscheinen wie Menschen, die zufällig in eine Situation geraten sind, deren Regeln niemand versteht. Besonders Hal Jordan wird ungewöhnlich interpretiert. Seine Verbindung zur Schwarzen Hand gehört zu den zentralen Geheimnissen des Bandes und verleiht einer eigentlich vertrauten Figur eine bedrohliche Unberechenbarkeit. Auch Abin Sur ist nicht länger bloß der sterbende außerirdische Vorgänger, der seinen Ring weiterreicht. Diese Version erscheint vielmehr als fremdartige Instanz, deren Motive sich menschlichen Maßstäben entziehen.
Al Ewing denkt das grüne Licht neu
Al Ewing nutzt die Freiheiten des Absolute-Universums konsequent. Der britische Autor, der für komplexe Superheldengeschichten mit philosophischen und kosmischen Themen bekannt ist, interessiert sich hier weniger für einzelne Kräfte als für die Ideen dahinter. Licht, Erkenntnis, Handeln und Verantwortung werden Bestandteile eines größeren Systems. Das bekannte emotionale Spektrum der Green-Lantern-Mythologie verwandelt sich dabei in etwas, das eher an verschiedene Stufen der Wahrnehmung und geistigen Entwicklung erinnert.Das klingt anspruchsvoll, und tatsächlich verlangt Absolute Green Lantern Aufmerksamkeit. Viele Informationen bleiben zunächst fragmentarisch. Zeitsprünge und Perspektivwechsel sorgen dafür, dass Du Dir die Zusammenhänge selbst erschließen musst. Wer schnelle Erklärungen und klar definierte Superkräfte erwartet, könnte den Einstieg als sperrig empfinden. Gleichzeitig entsteht genau aus dieser Unsicherheit ein großer Teil der Spannung. Der Band behandelt das Unbekannte wirklich als etwas Unbekanntes und nicht nur als Gegner, dessen Schwachstelle nach wenigen Seiten gefunden wird.
Zwischen Manhwa-Eindruck und kosmischem Albtraum
Jahnoy Lindsays Zeichnungen geben dem Comic eine auffällige Identität. Figuren, Gesichter und Bewegungen können durch ihre elegante Inszenierung stellenweise an moderne südkoreanische Comics erinnern, während Seitenaufbau und Erzählrhythmus klar im westlichen Comic verwurzelt bleiben. Die häufig gedämpften Farben und die beinahe gemalte Wirkung der Bilder schaffen eine entrückte Atmosphäre. Wenn das außerirdische Licht in den Alltag einbricht, fühlt sich das gleichermaßen schön und beunruhigend an.Allerdings kann die visuelle Zurückhaltung manche Actionszene weniger unmittelbar wirken lassen. Der Band setzt häufiger auf Stimmung und irritierende Einzelbilder als auf spektakuläre Schlagabtausche. Das passt zur Geschichte, dürfte aber Leser enttäuschen, die von Green Lantern vor allem leuchtende Konstrukte und große Weltraumschlachten erwarten.
Ein mutiger Auftakt mit Geduldsprobe
Die sechs enthaltenen Kapitel geben der langsam aufgebauten Handlung genug Raum, um erste Zusammenhänge sichtbar zu machen. Vollständig aufgelöst wird das Mysterium jedoch nicht. Absolute Green Lantern versteht sich deutlich als Auftakt zu einer größeren Erzählung. Die ergänzende Geschichte Absolute Evil erweitert den Blick auf das gemeinsame Absolute-Universum. Inhaltlich liefert sie interessantes Verbindungsmaterial, wirkt neben dem konzentrierten Evergreen-Handlungsstrang aber ein wenig wie ein angehängter Ausblick.Gerade diese Eigenwilligkeit hat zu einer geteilten Aufnahme des Comics geführt. Die einen schätzen den Mut, Green Lantern als atmosphärischen Science-Fiction-Horror neu aufzubauen. Andere vermissen Tempo, Orientierung und den direkten emotionalen Zugang der bekannten Abenteuer. Beide Eindrücke sind nachvollziehbar: Absolute Green Lantern ist faszinierend, aber eben kein besonders bequemer Einstieg.



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