Im Mittelpunkt steht Jewa, eine eigenwillige Biologin, die gefährdete Schneckenarten vor dem Aussterben bewahren möchte. Ihr besonderes Sorgenkind ist Lefty, das letzte bekannte Exemplar seiner Art. Seinen Namen verdankt das Tier seinem ungewöhnlich linksgewundenen Gehäuse. Damit sich Lefty fortpflanzen kann, müsste Jewa allerdings einen passenden Partner finden. Ihre wissenschaftliche Arbeit finanziert sie auf eine wenig gewöhnliche Weise: Bei sogenannten Romantikreisen spielt sie Männern aus dem Westen eine potenzielle ukrainische Ehefrau vor.
Eine Schneckenforscherin zwischen Wissenschaft und Heiratsmarkt
Jewa betrachtet die Veranstaltungen mit nüchterner Distanz. Sie benötigt das Geld, interessiert sich aber weder für die Männer noch für die ihr zugedachte Rolle. Gerade daraus entwickelt Maria Reva eine scharf beobachtete Satire über westliche Vorstellungen von ukrainischen Frauen. Die Teilnehmer suchen vermeintlich natürliche, fügsame Partnerinnen, treffen jedoch auf selbstbewusste Frauen, die ihre Erwartungen genau kennen und für ihre eigenen Zwecke bedienen.Bei einer solchen Veranstaltung begegnet Jewa den Schwestern Nastja und Sol. Beide wollen gegen die ausbeuterische Heiratsindustrie vorgehen und zugleich das aktivistische Werk ihrer verschwundenen Mutter fortsetzen. Ihr Plan ist ebenso waghalsig wie grotesk: Die angereisten Junggesellen sollen entführt und im Wald ausgesetzt werden, um internationale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Jewas Transporter mit dem mobilen Schneckenlabor erscheint dafür als passendes Fahrzeug.
Diese erste Romanhälfte lebt von absurden Situationen, lebendigen Dialogen und Figuren, deren Motive zunehmend ineinandergreifen. Reva lässt ihre Heldinnen keineswegs immer vernünftig handeln. Gerade ihre Widersprüche machen sie jedoch glaubwürdig. Zwischen wissenschaftlicher Besessenheit, politischem Aktivismus und persönlichen Verlusten entsteht eine Zweckgemeinschaft, die chaotisch wirkt, aber einen überraschend warmherzigen Kern besitzt.
Als der Krieg beginnt, zerbricht auch der Roman
Dann erreicht der 24. Februar 2022 die Geschichte. Russland beginnt seinen groß angelegten Angriff auf die Ukraine, und ausgerechnet die Wirklichkeit vollzieht die radikalste Wendung des Romans. Maria Reva hatte mit der Arbeit an Ein Königreich für eine Schnecke bereits vor dem Überfall begonnen. Statt den Krieg nachträglich in eine unverändert funktionierende Handlung einzubauen, macht sie die Erschütterung zum Bestandteil der Form.Der Roman bricht auf, wechselt seine Perspektiven und lässt seine Autorin selbst hervortreten. Erzählpassagen treffen auf Nachrichten, Gespräche, Anträge, Protokolle und Reflexionen über den Schreibprozess. Reva fragt offen, mit welchem Recht sie aus sicherer Entfernung über einen Krieg schreiben kann, den Familienmitglieder und Freunde unmittelbar erleben. Damit wird das Buch nicht nur zu einer Geschichte über die Ukraine, sondern auch zu einer Untersuchung darüber, was Literatur angesichts realer Gewalt überhaupt leisten darf.
Dieser formale Einschnitt ist mutig, wird aber nicht jedem Leser gleichermaßen gefallen. Wenn du eine geradlinige Handlung erwartest, kann sich die zweite Hälfte zunächst wie ein Verlust an Orientierung anfühlen. Manche Motive werden unterbrochen, andere erscheinen in völlig verändertem Licht. Das wirkt gelegentlich überladen und verlangt Aufmerksamkeit. Gerade diese Unruhe bildet jedoch überzeugend ab, wie ein Krieg Pläne, Erzählungen und ganze Lebensläufe zerreißt.
Schwarzer Humor begegnet einer brutalen Wirklichkeit
Bemerkenswert ist, dass Maria Reva ihren Humor trotz des zunehmenden Ernstes nicht aufgibt. Die Komik verharmlost den Krieg nicht, sondern zeigt, wie absurd Menschen selbst in existenziellen Situationen handeln können. Besonders bitter sind jene Momente, in denen die westlichen Besucher Explosionen und militärische Bewegungen zunächst lieber als harmlose Inszenierung missverstehen. Was nicht in ihr vorbereitetes Weltbild passt, wird einfach passend erklärt.Gleichzeitig bewahrt Reva ihre Figuren davor, zu bloßen Symbolen zu werden. Jewas Einsatz für eine einzelne Schnecke wirkt angesichts menschlicher Not zunächst beinahe unangemessen. Doch gerade darin liegt ein zentraler Gedanke des Romans. Lefty ist ein sogenannter Endling, das letzte lebende Exemplar einer Art. Sein mögliches Verschwinden steht für den unwiederbringlichen Verlust von Leben, Wissen und Geschichte. Dadurch verbindet das Buch Artensterben, Krieg und kulturelle Vernichtung, ohne diese unterschiedlichen Erfahrungen einfach gleichzusetzen.
Maria Reva erzählt auch von ihrer eigenen Zerrissenheit
Die in der Ukraine geborene und in Kanada aufgewachsene Autorin kennt das Gefühl, gleichzeitig Teil einer Geschichte zu sein und außerhalb von ihr zu stehen. Diese Spannung prägt Ein Königreich für eine Schnecke. Reva schreibt nicht so, als könne sie den Krieg aus sicherer Entfernung vollständig erklären. Sie macht ihre Zweifel, ihre familiären Verbindungen und die Grenzen ihrer Perspektive sichtbar.Das unterscheidet den Roman von konventionellen Kriegserzählungen. Zugleich besteht darin sein größtes Risiko. Die metafiktionalen Ebenen schaffen intellektuelle Tiefe, drängen sich aber gelegentlich vor die Figuren, die zu Beginn so viel Aufmerksamkeit erhalten haben. Nicht jede eingeschobene Form besitzt dieselbe emotionale Wirkung, und im Mittelteil verliert die Geschichte vorübergehend an Zugkraft.
Dennoch fügt sich das scheinbare Chaos am Ende zu einem erstaunlich stimmigen Gesamtbild. Ein Königreich für eine Schnecke erzählt von Menschen, die retten wollen, obwohl sie nicht wissen, was noch zu retten ist. Es geht um Arten und Geschichten, um Heimat und Identität, aber eben auch um die Frage, ob Humor in einer Katastrophe erlaubt ist. Revas Antwort lautet nicht einfach Ja. Sie zeigt vielmehr, dass Humor manchmal die letzte Möglichkeit bleibt, einer unerträglichen Wirklichkeit etwas Menschliches entgegenzusetzen.



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