Turmion Kätilöt - Resodance Review

Finnlands Industrial-Metal-Exzentriker verwandeln Härte, Elektronik und Chaos erneut in Tanzmusik



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Foto: Marc Sabat. Mehr zum Thema Transparenz.

Bei Turmion Kätilöt war die Grenze zwischen Metal-Konzert und völlig enthemmter Industrial-Disco schon immer erstaunlich dünn. Seit ihrer Gründung 2003 haben die Finnen einen Stil entwickelt, bei dem massive Gitarren, aggressive Stimmen und elektronische Beats nicht gegeneinander arbeiten, sondern gemeinsam Richtung Tanzfläche marschieren. Resodance ist bereits das zwölfte Studioalbum der Band und erscheint am 23. Oktober 2026 über Nuclear Blast Records. Nach Reset von 2024 geht die Reise damit erstaunlich schnell weiter - und erneut gilt: Stillstehen ist bei dieser Musik eigentlich keine Option.

Resodance macht aus zwölf Songs einen Kreislauf

Hinter dem Album steckt diesmal ein ungewöhnlich konsequenter konzeptioneller Gedanke. Die zwölf Songs stehen sinnbildlich für zwölf Stunden. Jeder Titel soll dabei seine eigene Farbe und seinen eigenen Charakter besitzen, während das Gesamtwerk einen geschlossenen Kreislauf bildet. Sänger MC Raaka Pee zieht dazu das Bild des Ouroboros heran, jener Schlange, die ihren eigenen Schwanz verschlingt und damit für einen ewigen Zyklus steht.

Das klingt zunächst reichlich philosophisch für eine Band, die Dich musikalisch gerne mit elektronischen Beats und brachialen Riffs gegen die Wand drückt. Tatsächlich funktioniert dieser Gegensatz aber ziemlich gut. Resodance besitzt einerseits die unmittelbare Energie eines Clubabends, versucht darunter jedoch immer wieder eine zweite Ebene aus Dunkelheit, Veränderung und Wiederholung einzuziehen.
Resodance ist gleichzeitig Metal-Album und finstere Tanzveranstaltung - und Turmion Kätilöt fühlen sich genau zwischen diesen beiden Welten am wohlsten.

Industrial Metal mit eingebautem Bewegungszwang

Nostajat eröffnet den Zyklus, bevor Kunnioita und das herrlich sperrig betitelte Pöytäviinaa Ja Pimeitä Naisia weiter in jene eigenartige Klangwelt hineinführen, die Turmion Kätilöt längst unverwechselbar macht. Die elektronischen Elemente sind keine Hintergrunddekoration. Sie übernehmen immer wieder selbst die Führung und drücken die Gitarren zeitweise bewusst an den Rand.

Amon-Ra demonstriert diesen Ansatz besonders effektiv. Harte Metal-Riffs treffen auf einen geradezu unerbittlichen elektronischen Puls. Das Stück besitzt genügend Aggression für den Moshpit und gleichzeitig einen Rhythmus, der auch in einem ziemlich düsteren Nachtclub funktionieren würde. Genau diese Kombination gehört weiterhin zu den größten Stärken der Finnen.

Mit Hallelujah! und Näe Minut setzt Resodance den Wechsel aus Härte, Melodie und Elektronik fort. Die beiden Sänger MC Raaka Pee und Shag-U können dabei zwischen aggressiven und eingängigeren Momenten wechseln, ohne dass die Musik plötzlich zahm wirkt. Hinter der teilweise überdrehten Inszenierung steckt erstaunlich viel Gespür für Hooks.

Lunastakaa verbindet Tanzbarkeit mit unbequemen Themen

Lunastakaa gehört zu den unmittelbarsten Nummern des Albums. Elektronische Beats treiben das Stück voran, während die Gitarren für das notwendige Gewicht sorgen. Inhaltlich steckt dahinter allerdings ein deutlich ernsteres Thema. Ausgangspunkt waren Berichte über Machtmissbrauch und Ausbeutung sowie die Frage, was solche Erfahrungen mit Menschen anrichten und ob dafür überhaupt jemals wirkliche Gerechtigkeit hergestellt werden kann.

Gerade dieser Gegensatz ist typisch für Turmion Kätilöt. Du kannst Dich von der Musik zunächst einfach mitreißen lassen, doch unter der Oberfläche wartet häufig wesentlich mehr Dunkelheit, als der beinahe euphorische Rhythmus vermuten lässt.
Bei Turmion Kätilöt darf ein Song gleichzeitig verstören und zum Tanzen zwingen - Resodance macht aus diesem Widerspruch erneut eine erstaunlich wirkungsvolle Kunstform.
Karma und Levolle Laske führen diesen Ansatz fort, bevor Teloitus das letzte Drittel einleitet. Produziert wurde Resodance von Mikko Tegelman gemeinsam mit der Band. Dabei stand ausdrücklich die Energie der Live-Auftritte im Mittelpunkt. Das Ergebnis wirkt entsprechend druckvoll und unmittelbar. Elektronik und Gitarren sind massiv, ohne dass die vielen Bestandteile zu einem undurchsichtigen Klangbrei verschmelzen.

Raivotarjonta treibt den elektronischen Wahnsinn auf die Spitze

Besonders interessant ist Raivotarjonta. Der bereits vorab veröffentlichte Song arbeitet mit unruhigen Rhythmen und vergleichsweise reduzierten Harmonien. Einflüsse kalter elektronischer Musik der späten Neunziger und frühen Nullerjahre treffen hier auf die typische Härte der Band. Statt sich ständig weiter aufzuschichten, lebt der Song stark von Spannung, Wiederholung und Gewicht.

Das verdeutlicht zugleich, warum Turmion Kätilöt nach mehr als zwanzig Jahren noch immer relevant wirken. Die grundlegende Formel ist längst etabliert, wird aber nicht einfach Album für Album kopiert. Resodance verschiebt den Schwerpunkt wieder stärker in Richtung elektronischer Extreme, ohne den Metal-Anteil zu opfern.

Ganz ohne Ermüdungserscheinungen funktioniert das nicht. Zwölf Stücke mit dieser permanent hohen Intensität können durchaus fordernd sein. Manchmal ähneln sich die Mechanismen aus elektronischem Aufbau, massivem Gitarreneinsatz und aggressivem Gesang stärker, als es das ambitionierte Konzept vermuten lässt. Etwas mehr Dynamik und gelegentlich auch Mut zur Ruhe hätten einzelnen Momenten zusätzliche Wirkung verliehen.

Zwölf Uhr - und der Kreis beginnt von vorne

In Our Dreams (to be continued 1) beendet schließlich den zwölfteiligen Zyklus. Schon der Zusatz im Titel deutet darauf hin, dass dieser Abschluss nicht zwingend als endgültiger Schlusspunkt verstanden werden möchte. Das passt hervorragend zum Ouroboros-Gedanken des Albums: Nach der zwölften Stunde beginnt schließlich wieder die erste.
Resodance erfindet Turmion Kätilöt nicht neu, verdichtet aber ziemlich überzeugend alles, was diese Band so eigenartig und gleichzeitig faszinierend macht.
Im direkten Vergleich mit früheren Veröffentlichungen wirkt Resodance elektronisch selbstbewusst und konzeptionell geschlossen. Nicht jede der zwölf Stationen bleibt gleichermaßen hängen, doch als Gesamtwerk entwickelt das Album einen bemerkenswerten Sog. Vor allem Fans bekommen genau jene Mischung aus Härte, schwarzem Humor, Melodie, elektronischer Ekstase und kontrolliertem Chaos, die Turmion Kätilöt zu einer der eigenwilligsten Metal-Bands Finnlands gemacht hat.

Tracklist

  1. Nostajat
  2. Kunnioita
  3. Pöytäviinaa Ja Pimeitä Naisia
  4. Amon-Ra
  5. Hallelujah!
  6. Näe Minut
  7. Lunastakaa
  8. Karma
  9. Levolle Laske
  10. Teloitus
  11. Raivotarjonta
  12. In Our Dreams (to be continued 1)

FAZIT

Resodance ist ein konsequentes Turmion-Kätilöt-Album und gleichzeitig ein weiterer kleiner Schritt in Richtung elektronischer Eskalation. Die Mischung aus Industrial Metal, harten Gitarren, aggressiven Vocals und beinahe unwiderstehlich tanzbaren Beats funktioniert weiterhin erstaunlich gut. Amon-Ra, Lunastakaa und Raivotarjonta zeigen besonders deutlich, wie souverän die Finnen Metal und elektronische Musik inzwischen miteinander verschmelzen. Das Konzept der zwölf Stunden verleiht dem Album zusätzlich einen interessanten Rahmen, auch wenn nicht jeder Song innerhalb dieses Kreislaufs gleichermaßen markant ausfällt. Über die komplette Spielzeit kann die permanente Intensität außerdem etwas ermüden. Trotzdem bleibt Resodance ein kraftvolles, eigenwilliges Album einer Band, die nach mehr als zwanzig Jahren noch immer praktisch mit niemandem verwechselt werden kann. Für Fans ist das eine ziemlich sichere Angelegenheit - und für Industrial-Metal-Hörer mit einer Schwäche für die Tanzfläche ohnehin.

Captain (Spielemagazin.de)

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Finnlands Industrial-Metal-Exzentriker verwandeln Härte, Elektronik und Chaos erneut in Tanzmusik

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