Silvertomb - The Interpretation Of Nightmares Review

Doom Metal zwischen Sucht, Albträumen und der schweren Vergangenheit von Kenny Hickey



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Sieben Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Als Silvertomb 2019 mit Edge Of Existence ihr Debüt veröffentlichten, schien die Zukunft der Band um die ehemaligen Type-O-Negative-Mitglieder Kenny Hickey und Johnny Kelly eigentlich vorgezeichnet. Eine Tour mit Monster Magnet war geplant, die Band nahm Fahrt auf - und dann kam die Pandemie. Bei Hickey gesellten sich persönliche Probleme hinzu, allen voran seine Alkoholsucht. The Interpretation Of Nightmares ist deshalb weit mehr als einfach nur das zweite Silvertomb-Album. Es ist die musikalische Verarbeitung einer Phase, in der es zeitweise tatsächlich um Leben oder Tod ging.

Silvertomb kehren nach sieben schwierigen Jahren zurück

Neben Sänger und Gitarrist Kenny Hickey und Schlagzeuger Johnny Kelly gehören Gitarrist Joe James, Bassist Hank Hell sowie Gitarrist und Keyboarder Aaron Joos zur aktuellen Besetzung. Diese Herkunft hört man The Interpretation Of Nightmares durchaus an. Die enorme Schwere von Type O Negative schwebt immer wieder über der Musik, doch Silvertomb sind längst mehr als eine Fortsetzung alter Zeiten.

Brain Matter / No God macht das bereits zum Einstieg erschreckend deutlich. Hickey schrieb das Stück als ersten Song für das neue Album und verarbeitet darin einen Albtraum aus der Zeit seines Entzugs. Darin glaubte er, die tödliche Kugel in seinem eigenen Schädel tatsächlich spüren zu können. Entsprechend bedrückend fällt die Atmosphäre aus. Schwere Gitarren, schleppendes Tempo und psychedelische Elemente erzeugen einen Sound, der sich nicht bloß düster gibt, sondern tatsächlich unangenehm nahekommt.
The Interpretation Of Nightmares klingt nicht nach erfundener Dunkelheit - hier verarbeitet Kenny Hickey Erfahrungen, bei denen der Abgrund erschreckend real geworden war.

Black Sabbath trifft auf Pink Floyd und psychedelische Abgründe

Musikalisch bewegen sich Silvertomb auf einem bemerkenswert breiten Fundament. Die rohe Schwere früher Black Sabbath trifft auf atmosphärische und progressive Einflüsse, während immer wieder psychedelische Farben durch die massiven Gitarrenwände dringen. Hickey selbst nennt unter anderem Pink Floyds The Wall und T. Rex als Bezugspunkte. Das ist auf The Interpretation Of Nightmares tatsächlich nachvollziehbar, ohne dass die Platte wie eine bloße Zusammenstellung ihrer Vorbilder klingt.

Ascension erweitert den bedrückenden Einstieg und zeigt, dass die Band nicht ausschließlich auf möglichst schwere Doom-Riffs setzt. Melodie und Atmosphäre besitzen mindestens den gleichen Stellenwert. Das gilt noch stärker für Graves In The Sky. Eine dunkle Klavierlinie bildet das Fundament eines Songs, dessen Einflüsse eher bei John Lennon, Yoko Ono und Roger Waters liegen als beim klassischen Doom Metal.

Inhaltlich wird es trotzdem nicht leichter. Hickey verarbeitet darin seine Konfrontation mit dem Tod während seiner Alkoholabhängigkeit. Irgendwann, so beschreibt er es rückblickend, stand die Entscheidung im Raum, gegen die Sucht vorzugehen oder sich ihr vollständig zu überlassen. Dieses Wissen verändert die Wahrnehmung des Songs erheblich.

Autobiografie statt künstlicher Doom-Romantik

Überhaupt besitzt The Interpretation Of Nightmares eine Intensität, die weniger aus inszenierter Finsternis als aus autobiografischer Offenheit entsteht. You Know und Prayer For The Paranoid führen diesen Ansatz fort. Gerade bei den langsameren Passagen funktioniert das Album besonders gut, weil Silvertomb der Musik Zeit geben. Riffs dürfen ausklingen, Keyboards schaffen zusätzliche Räume und Hickeys Stimme trägt jene Schwere, die man nicht künstlich produzieren kann.
Silvertomb brauchen keine Horror-Fantasien, um bedrohlich zu klingen - die Realität hinter diesen acht Songs ist dunkel genug.
Das bedeutet allerdings nicht, dass The Interpretation Of Nightmares ausschließlich in Zeitlupe stattfindet. Distorted verschiebt die Dynamik erneut, während No Way To Live sogar bewusst als schnellerer Gegenpol zu den überwiegend schleppenden Nummern angelegt wurde. Inhaltlich geht es hier um die Ablehnung durch Hickeys Vater, die ihn nicht als Kind, sondern erst später im Leben traf. Auch dieser Song fügt sich dadurch in den ausgesprochen persönlichen Charakter des Albums ein.

Gerade diese Verbindung aus musikalischer Schwere und konkreten Erfahrungen verhindert, dass The Interpretation Of Nightmares zu einem bloßen Genre-Album wird. Die Platte besitzt etwas zu erzählen. Du musst nicht jede biografische Ebene kennen, um die Songs zu verstehen, doch mit diesem Hintergrund bekommen viele Passagen zusätzliche Bedeutung.

Kein zweites Type O Negative - und das ist gut so

Natürlich ist es beinahe unmöglich, Kenny Hickey und Johnny Kelly gemeinsam auf einem düsteren, schweren Album zu hören, ohne gelegentlich an Type O Negative zu denken. Silvertomb versuchen allerdings klugerweise nicht, diese Vergangenheit künstlich wiederzubeleben. Dafür sind die psychedelischen, progressiven und teilweise beinahe klassischen Rockeinflüsse zu präsent.

Auch Joe James, Hank Hell und Aaron Joos sorgen dafür, dass die Band eine eigene Identität besitzt. Gerade die Keyboards spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie schaffen Atmosphäre, ohne die Gitarren ihrer massiven Wirkung zu berauben. Statt permanenter maximaler Lautstärke lebt das Album von Spannungswechseln und einer gewissen Unberechenbarkeit.

When Will You Learn? setzt schließlich den Schlusspunkt unter ein Album, das mit nur acht Songs erstaunlich konzentriert ausfällt. Hier gibt es keine offensichtlich notwendigen Füllstücke, nur um eine bestimmte Anzahl von Titeln zu erreichen. Trotzdem fordert die permanent bedrückende Stimmung einiges vom Hörer. The Interpretation Of Nightmares ist keine Platte, die Du mal eben nebenbei beim Frühstück laufen lässt - zumindest nicht, wenn Du besonders fröhlich in den Tag starten möchtest.
The Interpretation Of Nightmares ist schwere Kost im besten Sinne: unbequem, persönlich und musikalisch massiv, aber nie einfach nur düster um der Dunkelheit willen.
Auch das Artwork fügt sich in diesen Ansatz ein. Als Inspiration diente Johann Heinrich Füsslis berühmtes Gemälde Der Nachtmahr aus dem 18. Jahrhundert. Damit schließt sich der Kreis zwischen Albtraum, persönlicher Erfahrung und musikalischer Verarbeitung. Vor allem aber zeigt The Interpretation Of Nightmares eine Band, die nach sieben Jahren Unterbrechung nicht einfach dort weitermacht, wo sie aufgehört hat. Silvertomb klingen fokussierter, persönlicher und in den stärksten Momenten auch eindringlicher als auf ihrem Debüt.

Tracklist

  1. Brain Matter / No God
  2. Ascension
  3. Graves In The Sky
  4. You Know
  5. Prayer For The Paranoid
  6. Distorted
  7. No Way To Live
  8. When Will You Learn?

FAZIT

The Interpretation Of Nightmares ist ein bemerkenswert persönliches Doom-Album, dessen Schwere nicht allein aus tief gestimmten Gitarren und schleppenden Rhythmen entsteht. Kenny Hickey verarbeitet Sucht, Entzug, Todesangst und familiäre Ablehnung und gibt den acht Songs dadurch eine Glaubwürdigkeit, die sich kaum künstlich herstellen lässt. Musikalisch verbinden Silvertomb die rohe Wucht frühen Doom Metals mit psychedelischen, progressiven und atmosphärischen Elementen. Natürlich erinnert manches an Hickeys und Johnny Kellys Vergangenheit bei Type O Negative, doch das Album besitzt genügend eigene Ideen, um nicht von dieser Geschichte abhängig zu sein. Gelegentlich wird die konsequent bedrückende Stimmung etwas anstrengend und nicht jeder Song hinterlässt denselben Eindruck. Die Höhepunkte wie Brain Matter / No God, Graves In The Sky und No Way To Live wiegen das jedoch locker auf. Ein starkes, erwachsenes und erfreulich kompromissloses zweites Album.

Captain (Spielemagazin.de)

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Doom Metal zwischen Sucht, Albträumen und der schweren Vergangenheit von Kenny Hickey

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