Willkommen im Arbeitsmarkt der Zukunft
Entwickelt und veröffentlicht wurde Drink Human Beans von Last Dissent. Im Mittelpunkt steht ein namenloser Protagonist, dessen Alltag zunächst schon reichlich trostlos erscheint. Die Wohnung ist eng, die Welt wirkt kalt und der Mitbewohner verhält sich zunehmend merkwürdig. Dann kommt eine berufliche Möglichkeit ins Spiel, die selbstverständlich überhaupt nicht verdächtig klingt.Mysterious Fulfillment Complexes verwandeln Menschen in virtuelle Produkte. Ein Unternehmen namens Y.AI Corp. spielt dabei eine entscheidende Rolle und bereits die Art, wie Drink Human Beans seine Arbeitswelt präsentiert, macht ziemlich deutlich, wohin die Reise geht. Menschen sind Ressourcen, Persönlichkeit wird zur verwertbaren Eigenschaft und selbst Emotionen scheinen nur noch dann eine Existenzberechtigung zu besitzen, wenn irgendein Konzern daraus Value generieren kann.
Das klingt düster, ist aber gleichzeitig ausgesprochen komisch. Drink Human Beans besitzt einen sehr schwarzen Humor und überzeichnet die Sprache moderner Unternehmen bis zur vollkommenen Absurdität. Hinter den Witzen steckt allerdings eine erstaunlich klare Kritik an Arbeitsmarkt, Selbstoptimierung, künstlicher Intelligenz und einer Gesellschaft, in der nahezu jeder Bestandteil des Lebens kommerzialisiert werden kann.
Dabei erzählt das Spiel seine Geschichte bewusst kryptisch. Vieles ergibt zunächst überhaupt keinen Sinn. Situationen wechseln unvermittelt zwischen alltäglich, grotesk und bedrohlich. Erst nach und nach beginnen einzelne Elemente zusammenzupassen.
Drink Human Beans wirkt manchmal wie ein Bewerbungsgespräch, das während eines Fiebertraums von einer künstlichen Intelligenz geführt wird.
Kaffee kochen, Pakete holen und langsam durchdrehen
Spielerisch ist Drink Human Beans ein First-Person-Walking-Simulator mit verschiedenen interaktiven Aufgaben. Du bewegst Dich durch die Umgebung, benutzt Dein Smartphone, interagierst mit Gegenständen und versuchst herauszufinden, was das Spiel eigentlich gerade von Dir möchte.Bemerkenswert ist, wie viele Objekte tatsächlich angefasst, bewegt oder herumgeworfen werden können. Dadurch besitzt die ansonsten eher statische Umgebung eine gewisse physische Qualität. Gleichzeitig besteht ein erheblicher Teil des Spielablaufs aus erstaunlich banalen Tätigkeiten.
Geschirr spülen, Kaffee zubereiten, Pakete abholen, Gegenstände transportieren oder kleine physikbasierte Aufgaben lösen - Drink Human Beans macht aus monotonem Alltag einen zentralen Bestandteil seines Horrors. Das ist thematisch clever. Wenn das Spiel zeigen möchte, wie Menschen innerhalb eines vollkommen entmenschlichten Systems auf repetitive Tätigkeiten reduziert werden, ergibt es durchaus Sinn, genau diese Langeweile auch spielerisch erfahrbar zu machen.
Das Problem ist nur: Absichtlich monotones Gameplay bleibt eben trotzdem monotones Gameplay.
Die Wiederholungen passen perfekt zur Botschaft von Drink Human Beans - nur werden sie dadurch nicht automatisch unterhaltsamer.
Gelegentlich bricht Drink Human Beans aus diesem Alltag aus. Surreale Sequenzen, kleine Rätsel und sogar gewalttätige Abschnitte sorgen für Abwechslung. Manche dieser Elemente wirken allerdings bewusst wie Fremdkörper und besitzen spielerisch nicht genügend Tiefe, um das Grundprinzip wesentlich zu verändern.
Das ist schade, denn die Geschichte motiviert durchaus. Gerade weil man lange nicht genau versteht, was eigentlich vor sich geht, möchte man weiterspielen. Entscheidungen und mehrere mögliche Enden verstärken diesen Reiz zusätzlich. Drink Human Beans besitzt damit einen interessanten Konflikt: Die Erzählung zieht uns nach vorne, während das Gameplay gelegentlich auf die Bremse tritt.
Dreckig, kalt und genau deshalb passend
Grafisch versucht Drink Human Beans nicht, besonders schön zu sein. Das wäre angesichts des Szenarios vermutlich sogar kontraproduktiv. Die Welt soll unangenehm wirken und genau das gelingt ihr ziemlich gut.Dunkle Räume, kalte Architektur und eine insgesamt etwas schmutzige Bildästhetik erzeugen eine Umgebung, in der wir uns niemals wirklich wohlfühlen. Selbst vermeintlich normale Räume besitzen etwas Steriles und Abweisendes. Besonders gut funktioniert das, weil das Spiel immer wieder visuelle Elemente moderner digitaler Lebenswelten einsetzt. Smartphone, Werbung, Unternehmenskommunikation und andere Bildschirme wirken nicht wie Dekoration, sondern wie Bestandteile einer Welt, die ihre Bewohner permanent mit Informationen und Aufforderungen bombardiert.
Technisch ist Drink Human Beans natürlich kein grafisches Schwergewicht. Modelle, Animationen und Umgebungen können mit großen Produktionen nicht konkurrieren und gelegentlich wirken Objektinteraktionen etwas unbeholfen. Gerade bei einem kleinen Indie-Projekt stört uns das allerdings kaum.
Viel wichtiger ist die visuelle Identität. Und die besitzt Drink Human Beans definitiv. Manche Szenen wirken bewusst surreal und verändern ihre Ästhetik so drastisch, dass man erneut hinterfragt, was innerhalb dieser Welt überhaupt real ist.
Drink Human Beans sieht nicht schön aus - aber es sieht ziemlich genau so unangenehm aus, wie diese Welt aussehen sollte.
Ein Smartphone als Bedienungsanleitung fürs eigene Leben
Die Steuerung von Drink Human Beans bleibt grundsätzlich unkompliziert. Du bewegst Dich aus der Ego-Perspektive durch die Umgebung, untersuchst Objekte und benutzt Dein Smartphone als wichtiges Interface zur Spielwelt.Gerade das Telefon ist clever integriert. Nachrichten und Anweisungen erscheinen nicht bloß in einem abstrakten Questmenü, sondern werden über ein Gerät vermittelt, das ohnehin längst unseren realen Alltag bestimmt. Dadurch wirkt die permanente digitale Fremdsteuerung erstaunlich glaubwürdig.
Objekte können aufgenommen und teilweise physisch manipuliert werden. Das funktioniert meistens ordentlich, erreicht aber nicht die Präzision einer ausgewachsenen Physiksimulation. Gelegentlich muss man etwas genauer positionieren oder ausprobieren, welche Interaktion das Spiel gerade erwartet.
Das größere Problem der Bedienung ist allerdings erneut das Tempo. Der Protagonist bewegt sich eher gemächlich durch die Umgebung und wenn dieselben Wege mehrfach zurückgelegt werden müssen, fällt das entsprechend stärker auf. Ein Weg, der beim ersten Mal zur Atmosphäre beiträgt, kann beim fünften Durchgang schlicht nerven.
Positiv ist wiederum, dass Drink Human Beans nicht permanent erklärt, was zu tun ist. Manchmal muss man tatsächlich experimentieren und die Logik einer Situation selbst verstehen. Das passt hervorragend zur grundsätzlich verwirrenden Atmosphäre. Nicht jede Lösung ist sofort offensichtlich, doch gerade dieses Gefühl, innerhalb eines Systems nach dessen Regeln suchen zu müssen, gehört zur Identität des Spiels.
Wenn die Maschine plötzlich zu Dir spricht
Akustisch funktioniert Drink Human Beans vor allem über Atmosphäre. Einen Soundtrack, den wir anschließend unbedingt außerhalb des Spiels hören möchten, sollte man nicht erwarten. Stattdessen setzt Last Dissent auf Umgebungsgeräusche, digitale Signale, Stimmen und gezielt eingesetzte akustische Irritationen.Besonders effektiv sind jene Momente, in denen scheinbar normale Geräusche plötzlich von Stimmen oder anderen Klängen unterbrochen werden. Mit Kopfhörern kann das ausgesprochen unangenehm werden. Das Spiel braucht dafür nicht ständig einen Gegner, der aus einem Schrank springt. Oft reicht die Vermutung, dass gerade irgendetwas nicht stimmt.
Auch Smartphone-Benachrichtigungen, Werbung und maschinelle Ansagen tragen zur Atmosphäre bei. Sie vermitteln das Gefühl einer Welt, die niemals wirklich still ist. Irgendjemand oder irgendetwas möchte ständig Deine Aufmerksamkeit, Deine Arbeitskraft oder schlicht Deine Zustimmung.
Genau dadurch ergänzt der Sound die gesellschaftliche Satire ziemlich gut. Die Technik begleitet den Menschen nicht mehr, sondern fordert permanent etwas von ihm.
Eine Einschränkung gibt es allerdings für deutschsprachige Spieler: Drink Human Beans bietet keine deutsche Lokalisierung. Oberfläche, Untertitel und Sprachausgabe sind auf Englisch. Da das Spiel stark von Texten, Nachrichten, Unternehmenssprache und Wortwitz lebt, sind entsprechend solide Englischkenntnisse notwendig. Wer damit keine Schwierigkeiten hat, bekommt eine akustisch zwar nicht spektakuläre, atmosphärisch aber sehr wirkungsvolle Inszenierung.



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