Wenn Schönheit und Schmerz denselben Raum teilen
Blondshell hat es offenbar eilig. Erst 2023 erschien das selbstbetitelte Debüt von Sabrina Teitelbaum, 2025 folgte If You Asked For A Picture und nun liegt mit Violins bereits Album Nummer drei vor. Nach Schnellschuss klingt das erstaunlicherweise überhaupt nicht. Im Gegenteil: Teitelbaum wirkt auf diesen elf Songs so fokussiert wie selten zuvor. Sie weiß inzwischen ziemlich genau, wie groß eine Gitarre klingen darf, wann eine Melodie Raum braucht und wann ein Song einfach explodieren muss.Produziert wurde Violins erneut von Yves Rothman. Die Zusammenarbeit zahlt sich aus, denn das Album bewahrt die für Blondshell typische Nähe zum Alternative Rock und Grunge der Neunziger, erweitert die Klangpalette aber spürbar. Gang of Four, Teenage Fanclub oder The Go-Betweens lassen sich als entfernte Orientierungspunkte heraushören, ohne dass Violins deshalb zur nostalgischen Zeitreise wird.
Blondshell klingt auf Violins nicht wie jemand, der die Neunziger kopieren möchte, sondern wie eine Künstlerin, die verstanden hat, warum deren Gitarrenmusik bis heute funktioniert.
Gitarren dürfen wieder richtig groß klingen
Der eröffnende Titelsong macht sofort klar, wohin die Reise geht. Violins baut Spannung auf, lässt Gitarren anschwellen und verbindet eine beinahe intime Gesangsleistung mit einer Produktion, die im richtigen Moment enorme Ausmaße annimmt. Heart Has To Work So Hard setzt diesen Ansatz fort und gehört zu den eingängigsten Songs des Albums. Unter der melodischen Oberfläche steckt allerdings keine klassische Liebesgeschichte, sondern eine komplizierte Freundschaft, die emotional mehr Kraft kostet, als sie eigentlich geben sollte.Das ist überhaupt eine wichtige Veränderung. Blondshell kreist diesmal weniger ausschließlich um romantische Beziehungen. Freundschaften, Körperlichkeit, Religion, Vergänglichkeit und Heilung rücken stärker in den Mittelpunkt. Teitelbaum erklärt Dir dabei nicht mehr jede Zeile. Bilder bleiben stehen, Gedanken dürfen widersprüchlich sein und manche Geschichte endet bewusst ohne eindeutige Auflösung.
Lucky wirkt zunächst leichter und beinahe sonnig, trägt unter seiner Oberfläche aber wieder jene Melancholie, die Blondshell besonders gut beherrscht. Sea Legs wird musikalisch komplexer, während New Shape zeigt, wie wirkungsvoll Teitelbaum Lautstärke zurücknehmen kann. Die Platte braucht nicht permanent verzerrte Gitarrenwände, um intensiv zu sein.
Stone Fruit und die Kunst der Gegensätze
Mit Stone Fruit erreicht Violins einen seiner stärksten Momente. Der Song verbindet körperliche Bilder mit emotionaler Unsicherheit und zeigt exemplarisch, worum es auf dieser Platte immer wieder geht: Wo endet eigentlich das Körperliche und wo beginnt das Gefühl? Blondshell versucht gar nicht erst, darauf eine saubere Antwort zu liefern.Two Fried hält das Album anschließend in Bewegung, ehe New Age Trojan Horse mit einer fast beiläufigen Direktheit Themen aufgreift, die in Rocktexten noch immer erstaunlich selten selbstverständlich behandelt werden. Genau hier liegt eine große Qualität von Teitelbaums Songwriting. Persönliches wird nicht künstlich dramatisiert, sondern darf manchmal unbequem, manchmal banal und manchmal sogar ein bisschen komisch sein.
Violins ist dann am stärksten, wenn Blondshell gleichzeitig verletzlich und ziemlich laut sein darf.
Kein perfektes Album - aber ein bemerkenswert geschlossenes
Natürlich funktioniert nicht jede Idee gleich gut. Gerade im Mittelteil ähneln sich einige Dynamiken, und wer mit Teitelbaums Wechsel zwischen zurückhaltender Intimität und plötzlich aufbrechenden Gitarren bereits auf den Vorgängern wenig anfangen konnte, wird durch Violins kaum bekehrt. Auch manche melodische Wendung fühlt sich beim dritten Blondshell-Album inzwischen vertraut an.Doch diese Schwächen wiegen vergleichsweise wenig, weil das Songwriting insgesamt enorm sicher geworden ist. Violins wirkt nicht wie ein Album, das zwanghaft beweisen möchte, wie sehr sich seine Urheberin weiterentwickelt hat. Die Entwicklung passiert stattdessen in Details: Texte werden offener, Arrangements selbstbewusster und die Gegensätze zwischen Schönheit und Härte ausgeprägter.
Mit Fur Elise endet die Platte schließlich überraschend atmosphärisch. Statt eines großen finalen Knalls entscheidet sich Blondshell für Nachdenklichkeit und eine vorsichtige Form von Hoffnung. Nach all den schwierigen Freundschaften, körperlichen Unsicherheiten und Gedanken über eine ziemlich widersprüchliche Welt fühlt sich das beinahe wie ein notwendiger Ruhepunkt an.
Am Ende bleibt nicht der Eindruck einer Künstlerin, die ihre Antworten gefunden hat, sondern einer, die gelernt hat, mit offenen Fragen ziemlich gute Songs zu schreiben.
Tracklist
- Violins
- Heart Has To Work So Hard
- Lucky
- Sea Legs
- New Shape
- Stone Fruit
- Two Fried
- New Age Trojan Horse
- Knotted
- Reinstall
- Fur Elise



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