Willkommen in Axel Rudi Pells Ghost Town
Nach dem atmosphärischen The Regicide (Intro) eröffnet Guillotine Walk das Album richtig. Inhaltlich begleitet der Song einen zum Tode Verurteilten auf seinem letzten Weg, während dieser auf sein Leben zurückblickt. Interessanterweise verzichtet Pell in den Strophen bewusst auf eines seiner sonst so charakteristischen Gitarrenriffs. Dadurch bekommt Johnny Gioeli mehr Raum, die melancholische Geschichte zu tragen. Sobald die Gitarren stärker einsetzen, bist Du dann aber endgültig wieder in der vertrauten Pell-Welt angekommen.Ghost Town erfindet Axel Rudi Pell nicht neu - es zeigt vielmehr, warum diese musikalische Formel seit Jahrzehnten erstaunlich zuverlässig funktioniert.
Ghost Town lebt von einer eingespielten Band
Der Titelsong gehört zu den unmittelbareren Nummern des Albums. Ghost Town besitzt einen kräftigen Groove, eine griffige Melodieführung und natürlich jene Gitarrenarbeit, die Pell seit Jahrzehnten unverkennbar macht. Holy Water setzt diesen klassischen Ansatz fort, bevor mit The Enemy Within einer der interessantesten Songs wartet.Hier verlässt Pell seine Komfortzone zumindest ein kleines Stück. Schwere, beinahe doomige Passagen treffen auf melodischen Hard Rock und einige ungewöhnlich moderne Klangfarben. Gleichzeitig bleibt genügend Rainbow-DNA erhalten, um den Song fest im Pell-Kosmos zu verankern. Inhaltlich geht es um den Kampf mit den eigenen inneren Dämonen, und gerade die dunklere Grundstimmung passt hervorragend dazu.
The Enemy Within zeigt, dass Axel Rudi Pell durchaus noch überraschen kann, ohne dafür seine musikalische Identität über Bord werfen zu müssen.
Zwischen Hurricane und großen Gefühlen
Hurricane erhöht das Tempo und zeigt die Band von ihrer energischeren Seite. Sanity schlägt anschließend wieder melodischere Töne an und entwickelt sich zu einer jener typischen Pell-Nummern, bei denen Härte und große Melodien Hand in Hand gehen. Revolutionär ist das alles natürlich nicht. Handwerklich funktioniert es dafür ausgesprochen zuverlässig.Towards The Shore übernimmt anschließend die traditionelle Rolle der Ballade. Ferdy Doernbergs Klavierbegleitung gibt Johnny Gioeli viel Platz und sorgt für einen deutlichen Kontrast zu den härteren Stücken. Dass Balladen bei Axel Rudi Pell keine lästige Pflichtübung darstellen, sondern seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil seiner musikalischen Identität sind, hört man auch hier.
Mit Steps Of Stone und dem ausgedehnteren Higher Call geht Ghost Town schließlich auf die Zielgerade. Gerade der Abschluss gibt Pell und seiner Band noch einmal genügend Raum, die melodisch-epische Seite auszuspielen.
Beständigkeit als Stärke und Schwäche
Produziert wurde Ghost Town von Axel Rudi Pell selbst. Die Aufnahmen entstanden in den Blind Guardian Studios in Grefrath, wo Tommy Geiger als Engineer beteiligt war und auch den Mix übernahm. Das Album klingt entsprechend druckvoll und sauber, ohne den klassischen Hard-Rock-Charakter künstlich zu modernisieren.Genau an diesem Punkt liegt allerdings auch die entscheidende Frage bei Ghost Town. Wer die Diskografie von Axel Rudi Pell gut kennt, wird vieles in ähnlicher Form schon einmal gehört haben. Bestimmte Songstrukturen, Gitarrenfiguren, Keyboardflächen und Spannungsbögen gehören längst zum festen Vokabular. Das Album besitzt dadurch sofort Wiedererkennungswert, aber eben auch relativ wenige Momente, die wirklich überraschen.
Pells größte Stärke ist gleichzeitig seine größte Begrenzung: Kaum jemand klingt so zuverlässig nach sich selbst - allerdings weißt Du dadurch häufig schon vorher, wohin der nächste Weg führt.
Ghost Town ist deshalb kein Album, das die Geschichte des melodischen Hard Rock neu schreiben wird. Es ist vielmehr ein weiteres solides bis stellenweise sehr gutes Kapitel einer bemerkenswert beständigen Karriere. Fans dürften damit ziemlich genau das bekommen, was sie sich wünschen - inklusive einiger kleiner Überraschungen innerhalb eines ansonsten sehr vertrauten Rahmens.
Tracklist
- The Regicide (Intro)
- Guillotine Walk
- Breaking Seals (feat. Udo Dirkschneider)
- Ghost Town
- Holy Water
- The Enemy Within
- Hurricane
- Sanity
- Towards The Shore
- Steps Of Stone
- Higher Call



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