Hell or High Water entstand aus fast 90 Songs
Bemerkenswert ist bereits die Entstehungsgeschichte. Rund acht Monate nahm sich Malmsteen für die Arbeit am Album Zeit. Dabei entstanden nach seinen Angaben etwa 80 bis 90 fertige Stücke, aus denen er schließlich neun auswählte. Diese konzentrierte Arbeitsweise hatte er während der Pandemie für sich entdeckt: Statt Album, Tour und anschließendem nächsten Album einem festen Kreislauf folgen zu lassen, wollte er ohne größere Ablenkungen komponieren.Das Ergebnis bringt es auf knapp 46 Minuten und folgt damit einem bewusst kompakten Albumgedanken. Hell or High Water soll als geschlossenes Werk funktionieren und nicht bloß als Ansammlung einzelner Streaming-Singles. Tatsächlich tut diese Begrenzung Malmsteens Musik gut, denn bei einem Musiker, dessen Finger gefühlt niemals eine Geschwindigkeitsbegrenzung akzeptiert haben, ist Konzentration durchaus eine Tugend.
Hell or High Water erreicht nicht die Strahlkraft von Malmsteens großen Achtziger-Werken, zeigt aber eindrucksvoll, dass der Mann an der Gitarre noch immer verdammt viel zu sagen hat.
Now Or Never macht die Richtung unmissverständlich klar
Der bereits vorab veröffentlichte Opener Now Or Never fasst ziemlich gut zusammen, was Dich erwartet. Kraftvolle Riffs treffen auf barock anmutende Gegenmelodien, rasante Soli und Malmsteens charakteristische Verbindung aus Heavy Metal und klassischer Harmonik. Einflüsse von Johann Sebastian Bach und Antonio Vivaldi sind dabei keine nette Verzierung. Sie gehören seit seinen frühen Soloalben fest zu seiner musikalischen DNA.Vier der neun Stücke besitzen Gesang, während der übrige Teil instrumental gehalten ist. Dadurch bekommt Hell or High Water trotz seiner klar definierten Stilrichtung genügend Abwechslung. Am Caprice/Hell Or High Water rückt die instrumentale Seite besonders deutlich in den Mittelpunkt. Malmsteen lässt Läufe, Arpeggien und klassische Motive ineinandergreifen, ohne auch nur für einen Moment Zweifel daran aufkommen zu lassen, wer hier das Zentrum der Aufnahme bildet.
(He Is) Living A Lie schlägt anschließend wieder eine stärker songorientierte Richtung ein, bevor Antikythera das Album kompakter weiterführt. Beyond Zeta Reticuli schafft später mehr Raum für ausgedehnte instrumentale Passagen und zeigt einmal mehr, dass Malmsteen seinen neoklassischen Ansatz keineswegs nur als nostalgische Erinnerung an frühere Erfolge versteht.
Die großen Achtziger werfen einen langen Schatten
Natürlich muss sich ein neues Yngwie-Malmsteen-Album zwangsläufig an einer außergewöhnlichen Vergangenheit messen lassen. Rising Force, Marching Out und Trilogy gehören zu jenen Werken, mit denen er seinen Stil nicht einfach nur perfektionierte, sondern den neoklassischen Metal entscheidend mitprägte. Diese Mischung aus Aufbruchsstimmung, kompositorischer Frische und damals geradezu verblüffender Gitarrentechnik lässt sich Jahrzehnte später kaum reproduzieren.Hell or High Water versucht das vernünftigerweise auch nicht. Trotzdem fehlt manchen der neuen Stücke jene unmittelbare Klasse, durch die seine Meisterwerke weit über die reine Demonstration technischer Fähigkeiten hinausgewachsen sind. Nicht jedes Motiv bleibt dauerhaft hängen und gelegentlich gewinnt die Virtuosität gegenüber dem eigentlichen Song die Oberhand.
Malmsteen muss 2026 niemandem mehr beweisen, wie schnell er spielen kann. Am stärksten ist Hell or High Water deshalb dort, wo aus all der Technik tatsächlich ein großer Song entsteht.
Er hat es noch immer drauf
Und dann wäre da natürlich die entscheidende Erkenntnis: Yngwie Malmsteen kann es noch. Seine Präzision, Geschwindigkeit und Kontrolle über das Instrument sind weiterhin beeindruckend. Gerade langjährige Fans dürften deshalb ziemlich genau das bekommen, was sie sich von einem neuen Album wünschen. Malmsteen verbiegt sich nicht, sucht keinen künstlichen modernen Anstrich und läuft aktuellen Rocktrends nicht hinterher.Das kann gleichzeitig Stärke und Schwäche sein. Überraschungen bleiben überschaubar und wer bislang keinen Zugang zu seinem maximalistischen Gitarrenspiel gefunden hat, wird durch Hell or High Water kaum bekehrt werden. Fans dagegen können sich darauf verlassen, dass hier niemand versucht, die eigene Vergangenheit halbherzig zu imitieren. Malmsteen lebt diesen Stil noch immer mit erstaunlicher Konsequenz.
Father sorgt für einen ungewöhnlich persönlichen Abschluss
Die größte emotionale Bedeutung besitzt schließlich Father. Mit 7:39 Minuten ist es nicht nur das längste Stück des Albums, sondern wurde Malmsteens im vergangenen Jahr verstorbenem Vater gewidmet. Nach all der technischen Demonstration bekommt Hell or High Water dadurch einen persönlichen Schlusspunkt. Gerade weil Malmsteen über weite Strecken wie der beinahe unantastbare Gitarrenvirtuose auftritt, bekommt dieser Hintergrund besonderes Gewicht.Hell or High Water ist kein zweites Rising Force und kein neues Trilogy - aber ein ziemlich überzeugender Beweis dafür, dass Yngwie Malmsteen auch 2026 noch lange nicht zum alten Eisen gehört.
Tracklist
- Now Or Never
- Am Caprice/Hell Or High Water
- (He Is) Living A Lie
- Antikythera
- (On The) Battlefield
- Beyond Zeta Reticuli
- Prestissimo In Bm/Adagio
- Eye For An Eye
- Father



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