Der schwedische Action-Thriller von Regisseur Richard Holm trägt im Original den Titel Vi dör i natt und setzt auf ein bewährtes Belagerungsszenario. Statt das Konzept unnötig aufzublasen, konzentriert sich We Die Tonight auf einen überschaubaren Schauplatz und eine Gruppe von Menschen, die unter enormem Druck Entscheidungen treffen muss. Das erinnert zwangsläufig an klassische Siege-Thriller, funktioniert aber gerade deshalb erstaunlich schnell: Türen werden verriegelt, draußen wächst die Bedrohung und drinnen beginnt die eigentliche Zerreißprobe.
Ein Supermarkt wird zur letzten Zuflucht
Im Mittelpunkt stehen unter anderem Ellie, gespielt von Amanda Lindh, und Francki, dargestellt von Christian Magdu. Francki ist neu im Laden und hat durchaus persönliche Gründe, warum ihm die neue Arbeitsstelle gefällt. Viel Zeit für alltägliche Annäherungsversuche bleibt allerdings nicht. Mit dem Auftauchen der Verletzten verändert sich die Stimmung schlagartig. Die Angreifer draußen wollen ihre Opfer zurück, während die Menschen im Geschäft entscheiden müssen, wie weit sie bereit sind, für vollkommen Fremde zu gehen.Genau hier besitzt We Die Tonight seine interessanteste Idee. Die Gefahr lauert zwar sichtbar vor den Türen, doch mindestens ebenso wichtig ist die zunehmende Unsicherheit innerhalb des Gebäudes. Ist es moralisch vertretbar, das eigene Leben und das Leben anderer zu riskieren? Oder wäre es noch schlimmer, zwei Menschen wissentlich ihren Verfolgern auszuliefern? Richard Holm lässt diese Frage durch die Gruppe wandern und erzeugt daraus Konflikte, Misstrauen und schließlich offene Konfrontationen.
Spannung entsteht vor allem zwischen den Eingeschlossenen
Mit Amanda Lindh, Christian Magdu, Kristoffer Joner und Emilia Roosmann verfügt We Die Tonight über ein Ensemble, das den Film durch seine knapp bemessene Laufzeit trägt. Gerade weil der Schauplatz begrenzt ist, hängt viel davon ab, ob die Figuren glaubwürdig miteinander funktionieren. Das gelingt nicht durchgehend. Einige Entscheidungen wirken eher so, als müssten sie getroffen werden, damit die Handlung weiter eskalieren kann, und gelegentlich möchtest Du den Beteiligten durchaus zurufen, doch bitte einen Moment länger nachzudenken.Das ist zugleich eine der größten Schwächen des Films. Das Drehbuch von Christin Magdu und Robin Sherlock Holm hat eine starke Grundidee, behandelt seine Figuren aber nicht immer mit derselben Sorgfalt. Manche Konflikte entstehen etwas zu bequem und nicht jede Reaktion auf die extreme Situation erscheint vollkommen nachvollziehbar. Dadurch verliert We Die Tonight zwischendurch Spannung, obwohl die räumliche Ausgangslage eigentlich hervorragende Voraussetzungen für ein intensives Kammerspiel bietet.
Wenn aus dem Thriller ein harter Überlebenskampf wird
Zurückhaltend bleibt der Film trotzdem nicht. Sobald die Situation endgültig eskaliert, wird We Die Tonight deutlich körperlicher und unangenehmer. Die deutsche FSK-18-Freigabe überrascht angesichts einiger härterer Momente entsprechend wenig. Holm nutzt Gewalt dabei weniger als permanentes Spektakel, sondern als Konsequenz einer Situation, die immer weiter außer Kontrolle gerät. Gerade in der späteren Phase besitzt der Thriller deshalb einige Szenen, die wesentlich wirkungsvoller ausfallen als die eher konventionellen Passagen zuvor.Visuell profitiert der Film von seinem begrenzten Schauplatz. Regisseur Holm und Kameramann Andreas Wessberg machen aus Regalen, Eingängen, Fenstern und den verschiedenen Bereichen des Geschäfts eine kleine Arena. Natürlich kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Produktion eher kompakt dimensioniert ist. Statt großer Actionkulissen bekommst Du einen bodenständigen europäischen Genrefilm, der seine Spannung aus Nähe, Dunkelheit und der permanenten Gefahr eines Eindringens beziehen möchte.
Bekannte Zutaten mit skandinavischem Einschlag
Völlig neue Wege geht We Die Tonight dabei nicht. Wer bereits einige Belagerungsfilme gesehen hat, dürfte viele Mechanismen schnell erkennen. Eine eingeschlossene Gruppe, eine zahlenmäßig oder zumindest psychologisch überlegene Bedrohung draußen und die Frage, ob die Menschen im Inneren überhaupt zusammenhalten können: Das Genre-Rezept ist bekannt. Richard Holm versucht gar nicht erst, daraus etwas revolutionär Neues zu machen.Das ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits kommt der Film schnell zur Sache und hält sich nicht lange mit unnötigen Nebenhandlungen auf. Andererseits bleibt das Gefühl, dass aus dieser moralisch durchaus reizvollen Ausgangssituation noch deutlich mehr herauszuholen gewesen wäre. Besonders die Figuren hätten zusätzliche Tiefe vertragen. Trotzdem funktioniert We Die Tonight als kompakter, rauer Action-Thriller ordentlich, wenn Du keine ausgeklügelte Neuerfindung des Genres erwartest.



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