Chip Zdarsky erzählt damit keine weitere ausführliche Entstehungsgeschichte. Du musst also nicht erneut dabei zusehen, wie aus dem schmächtigen Steve Rogers ein Supersoldat wird. Stattdessen fragt der Autor, was unmittelbar nach seiner Rückkehr geschah und wie ein Mann mit erstaunlich klaren moralischen Überzeugungen auf eine Zeit reagierte, in der sich selbst seine Verbündeten nicht mehr eindeutig auf Gut und Böse festlegen lassen.
Ein Mann aus der Vergangenheit trifft auf eine neue Welt
Steve Rogers kennt Krieg, Propaganda und politische Manipulation. Trotzdem ist er auf die moderne Welt kaum vorbereitet. Smartphones, veränderte Umgangsformen und eine beschleunigte Nachrichtenkultur sind dabei noch seine kleinsten Probleme. Viel schwerer wiegt, dass sich das Verständnis von Sicherheit verschoben hat. Geheimdienste operieren mit zweifelhaften Methoden, militärische Entscheidungen werden hinter verschlossenen Türen getroffen und patriotische Symbole lassen sich für sehr unterschiedliche Ziele vereinnahmen.Captain America reagiert darauf nicht mit nostalgischer Verklärung. Steve behauptet keineswegs, früher sei alles besser gewesen. Er versucht vielmehr herauszufinden, welchen Prinzipien er unter veränderten Bedingungen treu bleiben kann. Genau darin liegt die Stärke von Zdarskys Interpretation. Dieser Captain America verteidigt keine Regierung und keinen Präsidenten, sondern eine Vorstellung von Freiheit, Menschenwürde und Verantwortung. Wenn staatliche Interessen mit diesen Werten kollidieren, beginnt sein eigentlicher Kampf.
Doctor Doom wird zum politischen Prüfstein
Der erste große Auftrag führt Steve nach Latveria. Dort beginnt Victor von Doom seinen Aufstieg und entwickelt sich zu jener mächtigen Figur, die Marvel-Leser längst kennen. Für den gerade zurückgekehrten Captain America ist Doom jedoch noch kein vertrauter Superschurke mit jahrzehntelanger Vorgeschichte. Er begegnet einem ambitionierten Machthaber in einem instabilen Land und muss entscheiden, ob ein militärisches Eingreifen wirklich der richtige Weg ist.Diese Konstellation funktioniert ausgesprochen gut, weil Zdarsky nicht einfach den nächsten Kampf zwischen Schild und Metallrüstung vorbereitet. Doom besitzt politische Ziele, Rückhalt und eine eigene Vorstellung von Ordnung. Steve wiederum erkennt, dass eine Anweisung seiner Regierung nicht automatisch moralisch richtig sein muss. Du bekommst dadurch ein Abenteuer, das klassische Superhelden-Action mit Fragen über Souveränität, Intervention und persönliche Verantwortung verbindet.
Zwei Captains und zwei Vorstellungen von Heldentum
Neben Steve rückt Dave Colton ins Zentrum der Handlung. Auch er trägt den Titel Captain, verkörpert aber eine andere Generation amerikanischer Soldaten. Während Steve durch den Zweiten Weltkrieg geprägt wurde, steht Colton für eine militärische Realität nach dem 11. September. Seine Erlebnisse und Entscheidungen verleihen dem Comic eine deutlich dunklere Ebene.Die Gegenüberstellung der beiden Männer gehört zu den spannendsten Elementen des Bandes. Steve hält trotz seiner Kriegserfahrung an der Hoffnung fest, dass ein Held Grenzen setzen und Menschen schützen kann. Colton bewegt sich dagegen in einem System, in dem Befehle, nationale Interessen und moralische Verantwortung immer schwerer voneinander zu trennen sind. Der Comic erklärt Dir nicht vorschnell, welche Haltung die richtige ist. Stattdessen zeigt er, wie unterschiedliche historische Erfahrungen das Verständnis von Pflicht verändern.
Dabei geht die Geschichte stellenweise erstaunlich weit. Gewalt wird nicht bloß als spektakuläre Kulisse verwendet, sondern hinterlässt psychische Spuren. Besonders Coltons Entwicklung macht deutlich, was geschieht, wenn patriotischer Idealismus auf die Realität moderner Konflikte trifft. Diese Passagen sind unangenehm, verleihen Captain America aber jene politische Schärfe, die der Figur besonders gut steht.
Valerio Schiti liefert kraftvolle Superheldenbilder
Valerio Schiti setzt die Geschichte dynamisch und zugleich erfreulich klar in Szene. Seine Action besitzt Tempo, ohne dass die räumliche Orientierung verloren geht. Steve wirkt körperlich mächtig, aber nicht unverwundbar. Gerade in ruhigeren Momenten gelingt es Schiti zudem, dessen Fremdheit und Unsicherheit sichtbar zu machen. Ein Blick oder eine zurückhaltende Körperhaltung sagt manchmal mehr als ein ausführlicher innerer Monolog.Die kühle Farbgestaltung unterstützt das Gefühl einer Welt, die Steve noch nicht als seine eigene empfindet. Rückblicke, Tagebucheinträge und wechselnde Schauplätze sind optisch gut voneinander unterscheidbar. Doctor Doom erhält die notwendige imposante Präsenz, ohne dass seine Auftritte den menschlichen Kern der Geschichte überdecken. Insgesamt entsteht ein moderner Marvel-Comic, der große Bilder liefert, seine politischen und emotionalen Momente aber nicht der nächsten Actionszene opfert.
Ein hervorragender Neustart mit knappem Umfang
Die enthaltenen drei US-Ausgaben bilden einen starken Auftakt, wirken als deutscher Einzelband jedoch recht kurz. Gerade als die verschiedenen Ebenen ineinandergreifen und der Konflikt an Gewicht gewinnt, endet die Sammlung. Das sorgt für einen wirksamen Cliffhanger, lässt aber auch das Gefühl zurück, lediglich den ersten Akt einer größeren Geschichte gelesen zu haben.Die bisherige Rezeption der Serie fällt dennoch überwiegend sehr positiv aus. Besonders hervorgehoben werden die charakterstarke Darstellung von Steve Rogers, der politische Unterbau und die zunehmend intensive Entwicklung von Dave Colton. Vereinzelt wurde der Einstieg als etwas konstruiert oder zurückhaltend empfunden. Spätestens im dritten Kapitel zeigt sich jedoch, wie sorgfältig Zdarsky seine Konflikte vorbereitet hat. Captain America erhält damit einen Neustart, der seine Geschichte respektiert und zugleich eine bislang kaum beleuchtete Phase sinnvoll ergänzt.



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