Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass hier etwas anderes versucht wird. FBI-Agent John Jones gerät nach einem Anschlag in eine Situation, die seine Realität vollständig zerlegt. Stimmen, Visionen, Erinnerungen und Wahrnehmungen verschwimmen zunehmend miteinander. Ist er traumatisiert? Verrückt? Oder existiert tatsächlich ein fremdes Bewusstsein in seinem Kopf? Die Geschichte beantwortet diese Fragen nicht sofort – und manchmal vielleicht auch bewusst gar nicht eindeutig.
Das macht den Comic faszinierend, aber eben auch fordernd.
Ein visueller Stil, der sich ins Gedächtnis brennt
Was sofort ins Auge fällt, ist die unglaubliche visuelle Gestaltung von Javier Rodríguez. Dieser Comic sieht stellenweise aus wie ein fieberhafter Traum zwischen Retro-Science-Fiction, Psychedelic Art und emotionalem Horrortrip. Farben explodieren regelrecht auf den Seiten, Perspektiven brechen auseinander und manche Panels wirken eher wie Kunstwerke als klassische Comicseiten.Gerade diese kreative Freiheit macht „Absolute Martian Manhunter“ so besonders. Selbst Leser, die mit der Handlung vielleicht kämpfen, dürften immer wieder an einzelnen Seiten hängen bleiben. Der Comic entwickelt einen ganz eigenen Rhythmus aus Formen, Farben und Symbolen. Man merkt schnell: Hier wurde nicht einfach eine Standard-Superheldengeschichte illustriert. Das gesamte Werk lebt davon, Atmosphäre und Gefühle visuell zu transportieren.
Und tatsächlich funktioniert genau das hervorragend. Die Verwirrung, Isolation und emotionale Überforderung der Hauptfigur werden nicht nur erzählt, sondern regelrecht sichtbar gemacht. Dadurch entsteht eine intensive Nähe zu John Jones, obwohl die Geschichte selbst oft distanziert und analytisch wirkt.
Zwischen Identitätskrise und außerirdischem Bewusstsein
Inhaltlich setzt Autor Deniz Camp weniger auf klassische Action und deutlich stärker auf Psychologie, Wahrnehmung und Identität. Das dürfte nicht jedem gefallen. Wer einen geradlinigen DC-Comic mit klaren Heldenszenen erwartet, könnte hier relativ schnell frustriert werden.„Wahrheit gegen Wahn“ verlangt Aufmerksamkeit. Viele Dialoge wirken bewusst kryptisch, manche Szenen erschließen sich erst später und andere bleiben offen für Interpretation. Statt konkreter Antworten gibt es häufig emotionale Fragmente, Gedankenfetzen und philosophische Ansätze über Menschlichkeit, Isolation und Selbstverständnis.
Genau darin liegt aber auch die Stärke des Comics. Denn obwohl vieles abstrakt erscheint, entwickelt die Geschichte einen seltsamen Sog. Die wenigen klaren Handlungsmomente reichen aus, um neugierig zu bleiben. Man möchte verstehen, was hier eigentlich passiert – selbst dann, wenn man zwischenzeitlich komplett die Orientierung verliert.
Fans der Figur Martian Manhunter dürften zusätzlich interessant finden, wie nah diese Neuinterpretation trotz aller Experimente am Kern der Figur bleibt. Auch hier steht letztlich ein Außenseiter im Mittelpunkt, der versucht, die Menschheit zu verstehen und gleichzeitig seinen eigenen Platz zwischen zwei Welten zu finden. Die Verpackung ist anders, der emotionale Kern aber erstaunlich vertraut.
Kein Comic für nebenbei
Man sollte allerdings ehrlich sein: Dieser Band ist keine leichte Unterhaltung für zwischendurch. Manche Leser werden den Comic vermutlich lieben, andere komplett daran abprallen. Dafür ist das Ganze einfach zu speziell und zu verkopft angelegt.Teilweise wirkt die Geschichte fast absichtlich sperrig. Manche Seiten verlangen mehrfaches Lesen, einzelne Bildfolgen muss man regelrecht analysieren. Wer sich darauf einlässt, entdeckt aber eine kreative Tiefe, die man im Mainstream-Superheldenbereich nur selten findet.
Dabei hilft es enorm, dass DC direkt mehrere Ausgaben gesammelt veröffentlicht hat. Die Story braucht Zeit, um Wirkung zu entfalten. Einzelhefte hätten viele Leser vermutlich verloren. In dieser Form entwickelt sich jedoch ein stärkeres Gesamtbild, das nach und nach greifbarer wird.



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