Wegen massiven selbstverletzenden Verhaltens wird sie für vier Wochen in eine spezielle Kureinrichtung geschickt. Doch wer glaubt, dass mit der Ankunft in der Klinik sofort die Heilung einsetzt, der irrt sich gewaltig. Lara ist voller Wut, fühlt sich unverstanden und schottet sich zunächst komplett ab. Der Panzer, den sie sich über die Jahre hinweg aufgebaut hat, scheint absolut undurchdringlich zu sein. Sie schmuggelt sogar heimlich Rasierklingen ein, um ihre alten Gewohnheiten fortzusetzen, weil die Klingen für dieses Narbenmädchen eine vertraute, wenn auch zerstörerische Art der Bewältigung darstellen.
Zwischen starren Regeln und der Suche nach echter Hilfe
Die therapeutischen Maßnahmen vor Ort, insbesondere die klassischen Gruppensitzungen und die Gespräche mit der zuständigen Psychologin, bewirken bei Lara anfangs leider überhaupt nichts. Das Ganze nervt sie einfach nur und die Ratschläge der Erwachsenen wirken auf sie wie leeres Gerede, das völlig an ihrer Realität vorbeigeht. Dieses Gefühl der Isolation kennen vermutlich viele Jugendliche, die sich in einer Krise befinden. Man fühlt sich unverstanden, missverstanden und vom System allein gelassen. Doch genau an diesem Tiefpunkt wendet sich das Blatt im Buch Narbenmädchen auf eine sehr feinfühlige Weise.Es sind nämlich nicht die starren klinischen Strukturen oder die gut gemeinten Ratschläge des medizinischen Personals, die eine Veränderung anstoßen. Stattdessen sind es die Begegnungen mit Gleichgesinnten, die Laras festgefügtes Weltbild langsam ins Wanken bringen. Sie lernt Neo und Finn kennen, zwei andere Teenager, die ebenfalls in der Einrichtung untergebracht sind und mit ihren ganz eigenen, schweren Schicksalen kämpfen. Zwischen den dreien entsteht eine ganz besondere Dynamik, die auf Augenhöhe stattet und ohne die typische Herablassung von Erwachsenen auskommt.
Die unschätzbare Kraft von echter Verbundenheit
In den gemeinsamen Gesprächen abseits der offiziellen Therapiestunden beginnen die Jugendlichen, sich einander zu öffnen. Hier müssen sie sich nicht verstellen oder für ihre Narben schämen. Neo und Finn schaffen es durch ihre ehrliche, direkte Art, Laras emotionalen Schutzwall Stück für Stück abzubauen. Das beweist wieder einmal, wie wichtig zwischenmenschliche Beziehungen und echte Freundschaften sind, wenn es darum geht, Krisen zu bewältigen. Die Entwicklung, die das Narbenmädchen Lara im Laufe dieser vier Wochen durchmacht, ist ungemein berührend und wird von der Autorin mit einer bemerkenswerten Mischung aus emotionaler Tiefe und auflockernder Selbstironie geschildert.Obwohl die Thematik in Narbenmädchen unbestreitbar düster und stellenweise extrem harter Tobak ist, schafft es die Erzählung immer wieder, durch lakonische Momente und einen feinen Humor etwas Licht in die Dunkelheit zu bringen. Man leidet mit den Figuren mit, hält unwillkürlich den Atem an und hofft einfach inständig, dass es für diese gezeichneten Seelen einen Ausweg gibt. Dieses Buch regt definitiv zum Nachdenken an und hallt noch lange nach.



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