Ashes führt diesen Weg konsequent weiter. Tungsten bewegen sich irgendwo zwischen modernem Metal, Power Metal und melodischem Heavy Metal, ohne sich vollständig einer dieser Schubladen unterzuordnen. Elektronische Elemente und gelegentliche folkloristische Anklänge sorgen zusätzlich dafür, dass die Schweden nicht einfach wie die nächste klassische Power-Metal-Band klingen.
Dabei ist Ashes vor allem eines: ausgesprochen zugänglich.
Die Produktion ist druckvoll, die Gitarren stehen breit im Raum und über allem liegen Melodien, die häufig schon beim ersten Durchlauf funktionieren. Das klingt zunächst nach einer ziemlich sicheren Formel. Tungsten schaffen es aber meistens, genügend Ecken stehen zu lassen.
Ashes will Dich nicht mit technischer Komplexität beeindrucken. Tungsten setzen lieber auf Wucht, Atmosphäre und Refrains, die ziemlich schnell im Kopf bleiben.
Zwischen Tradition und Moderne
Die große Stärke von Tungsten liegt im Zusammenspiel unterschiedlicher Metal-Generationen. Anders Johansson bringt naturgemäß einen klassischen Hintergrund mit, während die jüngere Generation deutlich selbstverständlicher mit modernen Sounds, elektronischen Texturen und einer härteren Produktion umgeht.Das hört man Ashes an.
Immer wieder treffen klassische Heavy-Metal-Gitarren auf moderne Rhythmik. An anderer Stelle schieben sich Synthesizer unter die Riffs oder erzeugen atmosphärische Flächen, bevor das Schlagzeug den Song wieder nach vorne drückt. Gerade diese Wechsel verhindern, dass sich das Album ausschließlich auf große Power-Metal-Refrains verlässt.
Mike Andersson bildet mit seinem Gesang den Gegenpol zur instrumentalen Wucht. Seine Stimme besitzt genügend melodische Klarheit für die großen Refrains, kann aber auch deutlich kräftiger werden, wenn Tungsten das Tempo oder die Härte erhöhen.
Große Refrains ohne Zuckerguss
Ashes lebt stark von seinen Hooks. Tungsten schreiben Songs, die grundsätzlich für große Bühnen funktionieren. Die Refrains sind breit angelegt, häufig mehrstimmig gedacht und so konstruiert, dass man sie spätestens beim zweiten Durchlauf wiedererkennt.Das könnte schnell zu glatt werden. Glücklicherweise besitzt die Rhythmussektion genügend Gewicht, um dem entgegenzuwirken. Anders Johansson spielt nicht permanent spektakulär, sondern ausgesprochen songdienlich. Gerade seine Erfahrung macht sich darin bemerkbar, dass er nicht jede freie Stelle mit einem Fill versehen muss.
Auch die Gitarrenarbeit von Nick Johansson bleibt angenehm riffbetont. Natürlich gibt es melodische Leads und Soli, aber Tungsten verstehen sich nicht als Plattform für endlose instrumentale Selbstdarstellung.
Tungsten beherrschen die große Metal-Geste, ohne jeden Song zwanghaft in eine Hymne verwandeln zu wollen.
Atmosphäre statt Dauerfeuer
Interessant wird Ashes vor allem dann, wenn die Band etwas Raum zwischen den großen Gitarrenwänden lässt. Elektronische Elemente tauchen immer wieder auf, übernehmen aber selten vollständig die Kontrolle. Sie dienen eher dazu, den Songs zusätzliche Tiefe zu geben.Das unterscheidet Tungsten von vielen klassischen Power-Metal-Acts. Die Band orientiert sich zwar hörbar an traditionellen Strukturen, klingt aber nicht so, als hätte sie die letzten zwanzig Jahre musikalischer Entwicklung ignoriert.
Gelegentlich erinnert die Kombination aus schweren Riffs, eingängigen Melodien und elektronischen Akzenten an den modernen skandinavischen Metal, ohne dass Tungsten dabei ihre eigene Handschrift verlieren. Besonders stark sind jene Momente, in denen sich Härte und Melodie nicht gegenseitig ablösen, sondern gleichzeitig funktionieren.
Ashes besitzt dadurch eine angenehme Dynamik. Die Platte kann massiv klingen, ohne permanent maximal laut sein zu müssen.
Nicht jeder Refrain muss die Welt retten
Ganz ohne Schwächen kommt das Album trotzdem nicht davon. Die hohe melodische Dichte sorgt gelegentlich dafür, dass einzelne Songs beim ersten Durchlauf stärker ineinanderlaufen. Tungsten besitzen eine ziemlich klar definierte Klangsprache - und genau diese Konsequenz kann stellenweise auch zum Nachteil werden.Ein paar stärkere Ausbrüche aus der eigenen Komfortzone hätten Ashes deshalb gutgetan. Wenn die Band ungewöhnlichere Arrangements oder dunklere atmosphärische Passagen zulässt, wird sofort deutlich, wie viel Potenzial außerhalb der etablierten Formel steckt.
Das ist allerdings Kritik auf einem ziemlich komfortablen Niveau. Handwerklich gibt es wenig auszusetzen. Die Produktion drückt, die Instrumente bleiben klar voneinander getrennt und die Balance zwischen traditionellen und modernen Elementen funktioniert über weite Strecken hervorragend.
Vor allem wirkt nichts daran gezwungen.
Tungsten müssen niemandem mehr beweisen, dass sie trotz prominenter Familiengeschichte eine eigenständige Band sind. Ashes klingt selbstbewusst genug, um genau das gar nicht erst zum Thema zu machen.
Stattdessen konzentrieren sich die Schweden auf das, was inzwischen zu ihrer größten Stärke geworden ist: modernen melodischen Metal, der klassische Tugenden nicht als nostalgischen Ballast betrachtet.
Ashes verbindet zwei Metal-Generationen, ohne sich entscheiden zu müssen, welcher davon die Zukunft gehört.




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