Stattdessen geht es zurück zum Anfang.
Leadgitarrist Paul Sayer beschreibt die Herangehensweise selbst als Rückkehr zu den Ursprüngen. Die Musiker gingen gemeinsam in einen Raum und spielten live auf Band. Produziert und gemischt wurde New Promise Land Incorporated von Ethan Johns, der unter anderem mit Kings of Leon, Laura Marling und Ray LaMontagne gearbeitet hat. Das Ziel war entsprechend nicht Perfektion um jeden Preis, sondern möglichst viel von jener Energie einzufangen, die The Temperance Movement auf der Bühne auszeichnet.
Das hört man.
New Promise Land Incorporated klingt nicht wie das Ergebnis von acht Jahren Grübelei. Es klingt wie eine Band, die endlich wieder gemeinsam in einem Raum steht.
Shadows und die Kunst, nicht sofort alles zu verraten
Shadows eröffnet das Album mit einer leicht psychedelischen Grundstimmung. Statt direkt mit dem größten Riff durch die Tür zu brechen, bauen The Temperance Movement zunächst Atmosphäre auf. Schon hier fällt auf, wie organisch die Produktion wirkt. Gitarren besitzen Raum, das Schlagzeug klingt körperlich und Phil Campbells Stimme sitzt nicht klinisch sauber über der Musik, sondern mitten darin.Mit Eat You Alive wird anschließend deutlich mehr Druck aufgebaut. Der Song besitzt jene Mischung aus Blues, Soul und britischem Rock, die The Temperance Movement schon auf ihren früheren Alben ausgezeichnet hat. Campbell singt rau, leidenschaftlich und gelegentlich beinahe so, als müsse er die Worte aus sich herauspressen.
Inhaltlich entstand Eat You Alive aus seinen Reisen zum Songwriting mit der Band und dem Gegensatz zwischen der Landschaft Somersets und seinem urbanen Alltag in Glasgow. Dahinter steckt allerdings noch mehr. Campbell beschäftigt sich mit einer zunehmend kontrollierten gesellschaftlichen Atmosphäre und dem Gefühl, für falsche Entscheidungen oder unbequeme Positionen regelrecht verschlungen werden zu können.
Blues ohne Museumsstaub
Silverlight Blues macht seinem Namen alle Ehre, ohne sich in einer nostalgischen Bluesübung zu verlieren. Genau das ist eine der Qualitäten von The Temperance Movement. Ihre musikalischen Wurzeln liegen offensichtlich in einer Ära, die lange vor der Band selbst existierte. The Faces, The Rolling Stones oder The Black Crowes sind als Orientierungspunkte kaum zu überhören.Trotzdem klingt New Promise Land Incorporated nicht wie eine Retro-Show.
Love Kicks bringt mehr unmittelbare Rockenergie hinein, während Scars wieder stärker von Campbells Stimme getragen wird. Die Produktion von Ethan Johns erweist sich dabei als ausgesprochen gute Entscheidung. Statt jede kleine Unsauberkeit wegzupolieren, darf die Musik atmen.
Hier knarzt, schiebt und scheppert es an genau den richtigen Stellen. The Temperance Movement klingen dadurch nicht altmodisch, sondern lebendig.
Die leisen Momente sind mindestens genauso wichtig
Mongrels gehört zu den Songs, die zunächst weniger spektakulär erscheinen. Gerade deshalb wächst das Stück mit jedem Durchlauf. The Temperance Movement müssen nicht permanent den großen Rockgestus bemühen. Wenn die Instrumentierung zurückgenommen wird, bleibt genug Platz für Campbells emotionalen Gesang und die kleinen Details innerhalb des Arrangements.Hometown Kings & Queens schlägt anschließend wieder eine etwas andere Richtung ein und passt hervorragend zum zentralen Gefühl dieser Platte. New Promise Land Incorporated handelt zwar nicht ausdrücklich von der Wiedervereinigung einer Band, trotzdem schwingt dieses Motiv ständig mit. Menschen finden wieder zusammen, betrachten ihre Vergangenheit aus größerer Entfernung und stellen fest, dass manche Verbindungen die Zeit erstaunlich gut überstehen.
Always Been Love trägt diese Wärme besonders deutlich. Nach all den Jahren, Brüchen und Veränderungen klingt der Song beinahe wie eine Erinnerung daran, weshalb diese Musiker überhaupt wieder gemeinsam angefangen haben.
Und dann kommt Saving Grace.
Hier zeigt sich vielleicht am deutlichsten, warum The Temperance Movement mehr sind als eine gute Classic-Rock-Band. Das Stück lebt nicht vom großen Riff, sondern von emotionaler Spannung. Campbell liefert eine seiner überzeugendsten Gesangsleistungen des Albums und macht deutlich, dass Verletzlichkeit im Rock keineswegs automatisch Balladenkitsch bedeuten muss.
Zehn Songs ohne unnötigen Ballast
Let It All Out beendet das Album passend. Der Titel könnte fast als Arbeitsanweisung für die gesamte Produktion verstanden werden. The Temperance Movement halten wenig zurück und verzichten gleichzeitig darauf, ihre Rückkehr künstlich größer erscheinen zu lassen, als sie ohnehin ist.Natürlich besitzt New Promise Land Incorporated eine gewisse nostalgische Komponente. Wer grundsätzlich nichts mit bluesgetränktem Rock anfangen kann, wird auch dieses Album nicht plötzlich als Offenbarung empfinden. Außerdem bewegen sich einige Songs sehr bewusst innerhalb vertrauter Strukturen. Experimentelle Überraschungen stehen hier nicht auf dem Programm.
Aber genau das wäre vermutlich ohnehin die falsche Erwartung.
The Temperance Movement wollten offenbar kein Album aufnehmen, das beweist, wie sehr sie sich in acht Jahren verändert haben. Sie wollten herausfinden, ob jene Chemie noch vorhanden ist, die die Band ursprünglich besonders gemacht hat.
Die Antwort fällt ziemlich eindeutig aus.
New Promise Land Incorporated besitzt Wärme, Groove und vor allem Persönlichkeit. Man hört Musiker, die aufeinander reagieren, statt einzelne perfekt aufgenommene Spuren übereinanderzulegen. Gerade in einer Zeit, in der sich Rockproduktionen technisch nahezu beliebig perfektionieren lassen, wirkt diese Unmittelbarkeit beinahe erfrischend modern.
The Temperance Movement mussten sich für ihr Comeback nicht neu erfinden. Sie mussten sich nur daran erinnern, warum diese Band ursprünglich so gut funktioniert hat.
Tracklist
- Shadows
- Eat You Alive
- Silverlight Blues
- Love Kicks
- Scars
- Mongrels
- Hometown Kings & Queens
- Always Been Love
- Saving Grace
- Let It All Out



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