Sugar On Blackstone führt zurück nach Providence
Der Albumtitel verweist auf die Blackstone Street beziehungsweise den Blackstone Boulevard und damit auf einen langen Weg durch Providence, der für Kristin Hersh zum Sinnbild einer inneren Wanderung geworden ist. Die Rückkehr in ihre Heimatstadt konfrontierte sie nicht nur mit den Schatten ihrer Kindheit. Während der Entstehungszeit wurde ein enger Freund im Alter von nur 38 Jahren in der Nähe erschossen. Die unmittelbare Erfahrung des Verlustes durchzieht das Album, ohne es vollständig zu beherrschen. „Sugar On Blackstone“ ist deshalb keine reine Trauerarbeit. Es geht ebenso darum, wie Menschen trotz Verletzungen weiterleben und kleine Mengen von Trost miteinander teilen.Hersh formuliert diese Gedanken nicht in geraden Erzählungen. Ihre Texte setzen sich aus Bildern, flüchtigen Beobachtungen und scheinbar zufällig wiederkehrenden Gegenständen zusammen. Sonnenlicht in einem Park, vorbeifahrende Autos, Nachtwäsche unter Verandalampen oder ein Vogel aus der Kindheit erhalten eine beinahe übernatürliche Bedeutung. Du musst nicht jedes Bild entschlüsseln, um seine emotionale Wirkung zu verstehen. Gerade das Unvollständige macht die Platte faszinierend, kann aber auch Distanz erzeugen, wenn Du von einem Album klare Geschichten und leicht greifbare Refrains erwartest.
Raue Stimme trifft auf Cello und reduzierte Arrangements
Aufgenommen wurde „Sugar On Blackstone“ in den Stable Sound Studios in Rhode Island. An Hershs Seite stehen zwei vertraute Musiker: Rob Ahlers von 50 Foot Wave übernimmt das Schlagzeug, während Pete Harvey die Stücke mit seinem Cello erweitert. Die Besetzung bleibt überschaubar, doch daraus entsteht keine klangliche Leere. Vielmehr nutzt Kristin Hersh den freien Raum, um ihre kantigen Gitarrenfiguren, die unruhige Rhythmik und ihre charakteristische Stimme stärker hervortreten zu lassen.Diese Stimme ist weiterhin das Zentrum ihrer Musik. Hersh singt nicht makellos im klassischen Sinne, sondern wechselt zwischen spröder Intimität, rauem Flüstern und plötzlich aufbrechender Kraft. Dadurch wirken selbst stille Passagen angespannt, als könne unter der Oberfläche jederzeit etwas hervorbrechen. Das Cello dient dabei nicht als sentimentale Verzierung. Es legt dunkle Linien unter die Songs, widerspricht gelegentlich der Gitarre und verstärkt jene Mischung aus Wärme und Unbehagen, die das gesamte Album trägt.
Elf Songs über Kindheit, Verlust und das Weiterleben
Bereits „Dark Eyed Junco“ führt tief in Hershs Kindheit zurück. Der titelgebende Vogel wird mit Erinnerungen an ihren Bruder und an gemeinsame Basketballspiele verbunden, die möglichst lange dauern sollten, weil das Zuhause seinen Schutz verloren hatte. Der Song ist zurückgenommen, aber keineswegs friedlich. Seine Stärke liegt in der Reibung zwischen melodischer Schönheit und dem Wissen, dass hinter der Szene eine schmerzhafte Familiengeschichte wartet.„Moths“ greift das vertraute Bild der Motten auf, die sich vom Licht anziehen lassen. Bei Kristin Hersh bedeutet diese Bewegung jedoch nicht zwangsläufig Selbstzerstörung. Sie kann ebenso für die Entscheidung stehen, trotz aller Gefahren nach Helligkeit zu suchen. „101 Run“ bringt anschließend mehr Bewegung in das Album und erinnert an Hershs rastloses Leben zwischen Tourneen, Highways und wiederholten Heimkehrten. Die Musik scheint voranzudrängen, während die Gedanken immer wieder nach Providence zurückgezogen werden.
Besonders eindringlich erscheint „Dom In Orange“, das die Erinnerung an den getöteten Freund nicht auf den Moment seines Todes reduziert. Stattdessen bewahrt Kristin Hersh ihn in Farbe, Bewegung und Musik. „Pink Nightgowns“ und „Sundial“ richten den Blick wiederum auf Frauen, Nachbarschaft und das empfindliche Gleichgewicht von Licht und Schatten. Das abschließende „Samson“ verdichtet schließlich die Idee, dass Verletzlichkeit keine Schwäche sein muss, sondern überhaupt erst Nähe ermöglicht.
Nicht jeder Übergang sitzt vollkommen. Die bewusst karge Produktion und Hershs verschachtelte Bildsprache sorgen stellenweise dafür, dass die Stücke ineinanderfließen. Einzelne melodische Motive könnten zudem etwas mehr Raum zur Entfaltung vertragen. Gerade in der Mitte verlangt „Sugar On Blackstone“ deshalb Konzentration und Geduld. Als geschlossenes Werk ergibt diese Sperrigkeit allerdings Sinn: Das Album möchte Dich nicht bequem durch eine fremde Lebensgeschichte führen, sondern lässt Dich zwischen ihren Bruchstücken umhergehen.
Tracklist
- Dark Eyed Junco
- Moths
- Ticking
- Silver Beach
- Pink Nightgowns
- 101 Run
- Sundial
- Snow White Lies
- Dom In Orange
- '72 Stingray
- Samson



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