Ein Weltstar kehrt zu seiner früheren Vertrauten zurück
Mother Mary gehört zu den erfolgreichsten Popstars ihrer Generation. Die sorgfältig konstruierte Kunstfigur besitzt Millionen von Anhängern, doch die Frau hinter dem Namen wirkt zunehmend erschöpft. Vor einem entscheidenden Comebackkonzert zieht sie sich in ein abgelegenes Haus zurück, um Sam Anselm wiederzusehen. Die renommierte Modedesignerin war einst nicht nur für Marys Bühnenkleidung verantwortlich, sondern auch ihre engste Freundin und kreative Partnerin. Ein schwerer Konflikt beendete ihre Zusammenarbeit.Nun soll Sam ein letztes Kleid für den großen Auftritt entwerfen. Die Bitte ist jedoch nur ein Vorwand für eine wesentlich schwierigere Auseinandersetzung. Zwischen den Frauen stehen unausgesprochene Vorwürfe, alte Machtverhältnisse und eine Nähe, deren genaue Natur sich nicht eindeutig benennen lässt. Mary möchte Vergebung, Kontrolle und Aufmerksamkeit zugleich. Sam versucht dagegen, ihre neu gewonnene Unabhängigkeit zu verteidigen, obwohl die Rückkehr ihrer früheren Muse Gefühle weckt, die sie längst überwunden glaubte.
Lowery konzentriert den größten Teil der Handlung auf dieses Wiedersehen. Wer eine schwungvolle Geschichte über die Musikindustrie oder zahlreiche Konzertsequenzen erwartet, dürfte deshalb überrascht werden. Mother Mary ist eher ein intimes Beziehungsdrama mit Elementen aus Gothic Horror, Melodram und surrealem Musikfilm. Die äußere Handlung bleibt überschaubar, während Blicke, Stoffe und rätselhafte Rituale eine zunehmende Bedeutung erhalten.
Anne Hathaway spielt die perfekte Oberfläche
Anne Hathaway verkörpert Mary als Frau, die selbst in privaten Momenten nicht vollständig mit der Selbstdarstellung aufhören kann. Jede Geste könnte Teil einer Choreografie sein, jede scheinbar ehrliche Aussage bereits für ein zukünftiges Publikum formuliert worden sein. Hathaway spielt diese Künstlichkeit sehr bewusst. Ihre Figur kann innerhalb weniger Augenblicke von verletzlicher Unsicherheit zu herrischer Überheblichkeit wechseln und lässt Dich ständig darüber nachdenken, welcher ihrer vielen Zustände überhaupt authentisch ist.Bei den Bühnenauftritten besitzt Hathaway die notwendige Präsenz, um Marys enorme Popularität glaubhaft zu machen. Sie kopiert dabei keinen bestimmten realen Popstar, obwohl Einflüsse moderner Stadiontourneen deutlich erkennbar bleiben. Interessanter ist ohnehin, was nach dem Verstummen der Musik passiert. Hinter der makellosen Erscheinung kommt eine Person zum Vorschein, die nicht mehr weiß, wo die öffentliche Figur endet und das private Selbst beginnt.
Michaela Coel liefert die kontrolliertere, aber nicht weniger eindrucksvolle Darbietung. Sam beobachtet Mary mit einer Mischung aus Faszination, Misstrauen und kaum unterdrücktem Zorn. Coel vermittelt diese widersprüchlichen Gefühle häufig ohne große Worte. Ihre Ruhe darf allerdings nicht mit Passivität verwechselt werden. Je länger die Begegnung dauert, desto deutlicher wird, dass auch Sam eigene Bedürfnisse, Geheimnisse und Formen der Manipulation besitzt.
Die Chemie zwischen Hathaway und Coel bildet das Zentrum des Films. Ihre Dialoge wirken stellenweise wie ein sorgfältig einstudiertes Theaterstück, entwickeln durch kleine Pausen und wechselnde Machtpositionen aber eine beachtliche Spannung. Hunter Schafer setzt als Sams Assistentin Hilda ebenfalls markante Akzente. Ihre Rolle bleibt kleiner, als es die prominente Besetzung vermuten lässt, erfüllt jedoch eine wichtige Funktion als Beobachterin und mögliche Nachfolgerin innerhalb dieses zerstörerischen kreativen Kreislaufs.
Haute Couture trifft auf dunkle Rituale
David Lowery erzählt die Beziehung nicht ausschließlich über Gespräche. Das Kleid, an dem Sam arbeitet, wird zum Ausdruck gemeinsamer Vergangenheit und zum beinahe lebendigen Objekt. Roter Stoff zieht sich wie eine offene Wunde durch die Bilder. Schneiderpuppen, Spiegel und halbfertige Kleidungsstücke verleihen dem Atelier eine unwirkliche Atmosphäre. Wiederholt nähert sich der Film dem Übernatürlichen an, ohne eindeutig festzulegen, ob tatsächlich fremde Kräfte am Werk sind oder die Figuren ihren inneren Konflikten eine mystische Form geben.Das jahrhundertealte Gebäude, in dem große Teile des Films entstanden, ist mehr als eine schöne Kulisse. Seine schweren Holzkonstruktionen und abgeschiedenen Räume verwandeln Sams Werkstatt in einen Ort außerhalb der gewöhnlichen Welt. Produktionsdesignerin Francesca Di Mottola verbindet die rustikale Architektur mit geometrisch angeordneten Arbeitsflächen, Stoffbahnen und beweglich erscheinenden Figuren. Dadurch entsteht ein Raum, der zugleich Atelier, Zuflucht und Ritualkammer ist.
Die Kameraleute Andrew Droz Palermo und Rina Yang setzen einen deutlichen Kontrast zwischen dieser intimen Welt und Marys monumentalen Auftritten. Auf der Bühne dominieren Licht, Bewegung und riesige Bildflächen. Im Atelier rücken Gesichter, Hände und Materialien in den Mittelpunkt. Manche Einstellungen besitzen die opulente Wirkung eines Modefilms, ohne dabei bloß dekorativ zu bleiben. Kostüme werden nicht nur vorgeführt, sondern erzählen von Identität, Besitzansprüchen und der schmerzhaften Arbeit, die hinter einer scheinbar mühelosen Ikone steckt.
Die Musik zwischen Hit und Selbstenthüllung
Die eigens für den Film geschriebenen Songs entstanden unter Beteiligung von FKA twigs, Charli xcx, Jack Antonoff und weiteren Künstlern. Sie erfüllen damit überzeugend den Anspruch, aus Mary einen international erfolgreichen Popstar zu machen. Eingängige Melodien treffen auf experimentelle Klangflächen und Texte, die sich zunehmend wie Kommentare zu Marys emotionalem Zustand anhören.Besonders gelungen ist die Verbindung zwischen den Songs und Daniel Harts atmosphärischer Filmmusik. Konzert, Erinnerung und gegenwärtige Handlung scheinen gelegentlich ineinanderzufließen. Die Musik dient nicht nur als Begleitung, sondern als weiterer Raum, in dem Mary ihre Gefühle gleichzeitig offenbart und verbirgt. Hathaway besitzt genügend stimmliche Ausdruckskraft, um diese Ambivalenz zu tragen, auch wenn die Inszenierung stärker an der Wirkung einer Performance als an klassischer Gesangsvirtuosität interessiert ist.
Trotz der Bezeichnung als Pop-Oper fallen die musikalischen Darbietungen vergleichsweise konzentriert aus. Das kann enttäuschen, wenn Du einen vollwertigen Musikfilm erwartest. Lowery setzt sie als emotionale Höhepunkte ein und kehrt anschließend immer wieder in die beklemmende Stille des Ateliers zurück. Gerade dieser Gegensatz verleiht dem Film seine unverwechselbare Stimmung.
Faszinierend, aber bewusst unzugänglich
Mother Mary lässt viele Fragen offen und arbeitet lieber mit Symbolen als mit eindeutigen Erklärungen. Diese Haltung passt zu einem Film über Menschen, die ihre Gefühle durch Kunst ausdrücken, kann aber auch anstrengend wirken. Nicht jedes Motiv fügt sich zu einem klaren Gesamtbild zusammen. Einige Dialoge kreisen so lange um dieselben Verletzungen, dass die anfängliche Spannung zeitweise nachlässt. Die Nebenfiguren erscheinen zudem überwiegend als Erweiterungen der beiden Hauptrollen und erhalten kaum ein eigenes Leben.Auch die bewusst theatralische Spielweise wird nicht jeden erreichen. Lowery möchte keine realistische Abrechnung mit dem Popgeschäft erzählen, sondern eine moderne Legende über zwei Frauen erschaffen, die einander als Freundin, Muse, Schöpferin und Gegnerin benötigen. Wer sich auf diese Überhöhung einlässt, entdeckt eine vielschichtige Auseinandersetzung mit weiblicher Kreativität und der Frage, wem eine gemeinsam geschaffene Identität eigentlich gehört.
Das Finale steigert die religiösen und übernatürlichen Anspielungen noch einmal erheblich. Es besitzt starke Bilder und bleibt emotional konsequent, löst die zuvor aufgebauten Konflikte jedoch nicht auf konventionelle Weise. Mother Mary hinterlässt deshalb weniger ein Gefühl abgeschlossener Erkenntnis als einen Nachhall aus Musik, Stoff, Begehren und gegenseitiger Abhängigkeit. Das ist nicht in jeder Hinsicht befriedigend, aber entschieden interessanter als eine gewöhnliche Geschichte über den Preis des Ruhms.



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