Ein Jugendlicher trägt plötzlich die Verantwortung
Ahmet ist 15 Jahre alt und lebt mit seinem Vater sowie seinem jüngeren Bruder Naim in einem kleinen Dorf in Nordmazedonien. Seine Mutter ist gestorben, der Vater versinkt zunehmend in seiner Trauer und Naim hat seit dem Verlust kein Wort mehr gesprochen. Weil sich jemand um die Schafe und den Haushalt kümmern muss, soll Ahmet die Schule verlassen. Während Gleichaltrige lernen, Freundschaften pflegen und ihre Zukunft planen, wird sein Tagesablauf von Arbeit und familiären Pflichten bestimmt.Seine große Leidenschaft ist elektronische Musik. Sobald Ahmet Kopfhörer aufsetzt und den Alltag für einige Augenblicke ausblendet, öffnet sich ihm eine vollkommen andere Welt. Musik bedeutet für ihn nicht bloß Unterhaltung. Sie ist ein Freiraum, in dem er sich ein Leben jenseits der engen Grenzen des Dorfes vorstellen kann.
Unkovski zeigt Ahmets Alltag ohne unnötiges Mitleid. Der Jugendliche beschwert sich kaum und stellt seine Familie nicht grundsätzlich infrage. Trotzdem wird deutlich, wie viel ihm abverlangt wird. Er muss Verantwortung übernehmen, obwohl er selbst noch Orientierung, Zuneigung und die Möglichkeit bräuchte, eigene Fehler zu machen.
Eine Schafherde stürmt den Rave
Die vielleicht einprägsamste Szene des Films beginnt mit einem Missgeschick. Ahmets Schafe brechen aus und geraten mitten in einen illegalen Rave. Zwischen tanzenden Menschen, pulsierenden Beats und bunten Lichtern versucht der völlig überforderte Hirte, seine Tiere wieder einzufangen. Jemand filmt das ungewöhnliche Schauspiel, und plötzlich wird Ahmet durch ein im Internet verbreitetes Video zur kleinen Berühmtheit.Die Szene bringt die wichtigsten Gegensätze des Films spielerisch zusammen. Auf der einen Seite stehen das traditionelle Dorfleben, die tägliche Arbeit und die scheinbar unveränderlichen Erwartungen der älteren Generation. Auf der anderen Seite wartet eine moderne Welt aus Smartphones, sozialen Netzwerken und elektronischer Musik, die selbst in die entlegensten Regionen vordringt.
DJ Ahmet macht daraus keinen einfachen Kampf zwischen Rückständigkeit und Fortschritt. Das Dorf wird weder als idyllischer Ort noch als Ansammlung engstirniger Menschen dargestellt. Seine Bewohner folgen Regeln, die seit Generationen bestehen, können diese aber durchaus hinterfragen. Einige Situationen wirken komisch, ohne dass sich der Film über Religion, Bräuche oder die Menschen selbst lustig macht.
Aya tanzt gegen eine fremdbestimmte Zukunft
Eine besondere Rolle in Ahmets Leben spielt Aya. Die junge Frau hat einige Zeit in Deutschland verbracht und kehrt ins Dorf zurück, weil ihre Familie sie mit einem Mann verheiraten möchte, den sie kaum kennt und nicht liebt. Aya träumt vom Tanzen und versucht, gemeinsam mit ihren Freundinnen heimlich für einen Auftritt zu üben. Dafür benötigt sie Musik - und Ahmet erkennt seine Gelegenheit, ihr näherzukommen.Kurzerhand stattet er einen Traktor mit Lautsprechern aus und wird zum DJ der kleinen Tanzgruppe. Die improvisierte Anlage ist zugleich komisch und wunderbar erfinderisch. Sie verkörpert Ahmets Fähigkeit, mit den begrenzten Mitteln seines Alltags etwas Eigenes zu erschaffen. Der Traktor bleibt ein Werkzeug der Landwirtschaft, verwandelt sich aber für einige Stunden in eine fahrende Diskothek.
Zwischen Ahmet und Aya entwickelt sich eine zurückhaltende erste Liebe. Beide Darsteller vermeiden große romantische Gesten. Ihre Nähe entsteht aus kurzen Gesprächen, unsicheren Blicken und gemeinsamen Momenten, die für Außenstehende unbedeutend erscheinen könnten. Gerade diese Schlichtheit macht die Beziehung glaubwürdig. Ahmet sieht in Aya nicht nur ein unerreichbares Mädchen, sondern einen Menschen, der ebenso wie er zwischen familiären Erwartungen und eigenen Wünschen feststeckt.
Arif Jakup überzeugt mit leiser Natürlichkeit
Arif Jakup trägt den Film mit einer angenehm unaufdringlichen Darstellung. Sein Ahmet ist schüchtern, pflichtbewusst und manchmal herrlich unbeholfen. Jakup versucht nicht, jede Emotion deutlich sichtbar auszustellen. Häufig reichen seine Körperhaltung oder ein vorsichtiges Lächeln aus, um zu zeigen, was in der Figur vorgeht.Auch Dora Akan Zlatanova spielt Aya mit großer Natürlichkeit. Sie vermittelt gleichzeitig Selbstbewusstsein und Unsicherheit. Aya kennt durch ihren Aufenthalt in Deutschland ein anderes Leben, besitzt aber keineswegs die Freiheit, sich einfach über die Erwartungen ihrer Familie hinwegzusetzen. Ihre geplante Heirat erzeugt deshalb eine ernste Bedrohung, ohne dass der Film in ein schweres Sozialdrama umschlägt.
Besonders berührend ist Agush Agushev als Naim. Ahmets kleiner Bruder spricht seit dem Tod der Mutter nicht mehr und zieht sich zunehmend in seine eigene Welt zurück. Der Film behandelt sein Schweigen nicht als dramaturgisches Rätsel, das möglichst spektakulär gelöst werden muss. Naim wird vielmehr zum stillen Ausdruck einer Familie, die ihre Trauer nicht miteinander teilen kann.
Die jugendlichen Darsteller wurden überwiegend in der Region gefunden und standen zuvor nicht als professionelle Schauspieler vor der Kamera. Das trägt wesentlich zur Authentizität bei. Ihre Dialoge wirken selten einstudiert, und selbst humorvolle Momente behalten etwas Spontanes.
Tradition und Moderne teilen sich dasselbe Dorf
Georgi M. Unkovski interessiert sich besonders für jene Situationen, in denen unterschiedliche Lebenswelten unmittelbar aufeinandertreffen. Smartphones gehören längst zum Alltag, gleichzeitig bestimmen familiäre Hierarchien und religiöse Regeln weiterhin das Zusammenleben. Die Jugendlichen sehen über soziale Netzwerke, welche Möglichkeiten anderswo existieren, können ihre eigene Umgebung aber nicht einfach verlassen.Der Film kritisiert vor allem patriarchale Strukturen. Aya soll verheiratet werden, obwohl ihre Wünsche bekannt sind. Ahmet wiederum darf als Junge zwar freier auftreten, wird aber früh in die Rolle des verantwortlichen Mannes gedrängt. Sein Vater erwartet Stärke und Gehorsam, obwohl er selbst kaum in der Lage ist, mit dem Tod seiner Frau umzugehen. Tradition belastet in DJ Ahmet somit nicht nur die jungen Frauen, sondern verhindert auch, dass Männer offen über Angst, Trauer und Überforderung sprechen.
Trotzdem verweigert sich der Film einer einfachen Einteilung in gute Jugendliche und rückständige Erwachsene. Selbst der technisch heillos überforderte Muezzin wird nicht zur bloßen Witzfigur. Die älteren Dorfbewohner können sich verändern, wenn auch langsam und manchmal erst nach erheblichen Widerständen. Diese Großzügigkeit gegenüber seinen Figuren gibt dem Film eine Wärme, die ihn von vielen ähnlich gelagerten Geschichten unterscheidet.
Farben und Musik öffnen den Blick in eine andere Welt
Kameramann Naum Doksevski fängt die karge Landschaft Nordmazedoniens in sorgfältig komponierten Bildern ein. Trockene Felder, schmale Straßen und die umliegenden Berge vermitteln ein starkes Gefühl räumlicher Abgeschiedenheit. Gleichzeitig arbeitet der Film mit kräftigen Farben, die besonders während der Tanz- und Musikszenen aufleuchten.Die Kamera romantisiert das Dorfleben nicht, entdeckt darin aber immer wieder eine eigene Schönheit. Tiere, landwirtschaftliche Maschinen und moderne Technik stehen selbstverständlich nebeneinander. Dadurch fühlt sich die Umgebung bewohnt und glaubwürdig an, statt nur als exotische Kulisse für ein westliches Festivalpublikum zu dienen.
Die Musik von Alen und Nenad Sinkauz verbindet elektronische Rhythmen mit der emotionalen Entwicklung der Figuren. Techno wird nicht lediglich eingesetzt, um die Szenen moderner oder lebendiger erscheinen zu lassen. Die Beats stehen für Bewegung in einem Umfeld, das seine Jugendlichen zum Stillstand zwingen möchte. Wenn Ahmet Musik auflegt, verändert sich nicht nur die Stimmung. Für kurze Zeit werden andere Regeln möglich.
Ein vorhersehbarer Weg mit ungewöhnlich viel Herz
In seiner grundlegenden Struktur folgt DJ Ahmet bekannten Mustern. Ein schüchterner Außenseiter entdeckt seine Begabung, verliebt sich und muss sich gegen die Erwartungen seiner Umgebung behaupten. Einige Wendungen lassen sich deshalb früh erahnen. Besonders im letzten Drittel rückt der klassische Handlungsbogen stärker in den Vordergrund und verdrängt teilweise jene beiläufigen Beobachtungen, die den Beginn so besonders machen.Auch manche Nebenfigur bleibt eher ein Bestandteil der Handlung als ein vollständig ausgearbeiteter Mensch. Ayas vorgesehener Ehemann und einige Familienmitglieder erfüllen vor allem die Funktion, den Druck auf das junge Paar zu erhöhen. Der Film löst einzelne Konflikte zudem etwas einfacher, als es sein ansonsten genauer Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse erwarten ließe.
Diese Schwächen wiegen jedoch nicht besonders schwer, weil Unkovski niemals den Kontakt zu seinen Figuren verliert. Das Finale setzt auf einen großen, emotionalen Moment, der durchaus berechenbar ist und dennoch funktioniert. Es ist die Art von Szene, bei der Du ziemlich genau weißt, worauf alles hinausläuft, Dich aber trotzdem gerne von der Musik und der wachsenden Hoffnung mitreißen lässt.
DJ Ahmet feierte seine Premiere beim Sundance Film Festival und erhielt dort sowohl den Publikumspreis der Sektion World Cinema Dramatic als auch einen Sonderpreis der Jury für seine kreative Vision. Diese Kombination passt bemerkenswert gut zum Film. Er besitzt genügend Eigenständigkeit für das internationale Festivalkino, bleibt dabei aber zugänglich, humorvoll und ehrlich unterhaltsam.



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