Eve verliert bereits als Kind ihren Vater und findet anschließend bei der Ruska Roma eine neue Heimat. Dort lernt sie nicht nur Ballett, sondern auch jene deutlich blutigeren Fähigkeiten, für die John Wick berüchtigt ist. Jahre später führt eine Spur aus ihrer Vergangenheit die junge Auftragskillerin auf einen gefährlichen Rachefeldzug. Inhaltlich ist das, zugegeben, kein besonders origineller Ausgangspunkt. Immerhin weiß der Film ziemlich genau, weshalb wir eingeschaltet haben – und liefert nach einer etwas geduldigen Anlaufphase die erwartete Action.
Die Handlung spielt zwischen „John Wick: Kapitel 3“ und „John Wick: Kapitel 4“.
Vorkenntnisse helfen deshalb dabei, verschiedene Figuren, Regeln und Organisationen einzuordnen. Komplett verloren sind Neulinge allerdings nicht. Eves Geschichte bleibt verständlich und funktioniert grundsätzlich auch ohne vorheriges Studium der gesamten Killerchronik.
Ana de Armas kämpft mit Köpfchen statt Unverwundbarkeit
Ana de Armas hatte bereits in „James Bond 007: Keine Zeit zu sterben“ bewiesen, wie überzeugend sie elegante Garderobe und knallharte Nahkämpfe miteinander verbinden kann. Als Eve bekommt sie nun endlich eine vollständige Actionrolle. Dabei versucht der Film erfreulicherweise nicht, aus ihr lediglich einen weiblichen John Wick zu machen.Eve ist weniger erfahren, körperlich häufig unterlegen und muss im Kampf improvisieren. Sie nutzt ihre Umgebung, greift zu ungewöhnlichen Hilfsmitteln und steckt dabei ordentlich ein. Dadurch wirken die Auseinandersetzungen trotz aller Übertreibungen erstaunlich greifbar. Ana de Armas verkauft sowohl die Erschöpfung als auch den unbeugsamen Willen ihrer Figur glaubwürdig. Ihre eher zurückhaltende Darstellung passt außerdem gut in eine Welt, in der ohnehin lieber mit Schusswaffen als mit langen Dialogen argumentiert wird.
Ganz erreicht Eve die faszinierende Präsenz von Keanu Reeves zwar noch nicht. Dafür fehlt ihrer Persönlichkeit stellenweise eine markante Eigenheit, die über Trauer, Zorn und Entschlossenheit hinausgeht. De Armas holt aus dem recht einfachen Drehbuch aber spürbar viel heraus und empfiehlt sich mühelos für weitere Einsätze.
Wenn Feuer auf Feuer trifft, brennt die Leinwand
Regisseur Len Wiseman braucht eine Weile, bis „Ballerina“ sein volles Tempo erreicht. Die erste Hälfte widmet sich ausführlich Eves Ausbildung und ihrer Suche nach Antworten. Einige dieser Szenen hätten durchaus etwas straffer ausfallen dürfen. Sobald der Film seine Heldin jedoch von der Leine lässt, entwickelt er genau jene wilde Energie, die Fans der Reihe erwarten.Die Actionchoreografien verbinden präzise Schusswechsel, harte Nahkämpfe und schwarzen Humor. Besonders gelungen ist der kreative Einsatz alltäglicher Gegenstände. Selbst wenn die Gegnerzahlen irgendwann jede Vernunft sprengen, bleiben die einzelnen Kämpfe gut lesbar. Der Höhepunkt ist ein geradezu enthemmtes Duell mit Flammenwerfern, das seine irrwitzige Idee konsequent ausreizt. Subtil ist daran natürlich überhaupt nichts, aber verdammt unterhaltsam sieht es aus.
Visuell orientiert sich der Film eng an den Hauptteilen. Kaltes Blau, kräftiges Rot, luxuriöse Innenräume und verschneite Schauplätze verleihen dem Gemetzel erneut einen beinahe märchenhaften Glanz. Der druckvolle Sound lässt jeden Treffer schmerzhaft wirken, während die Musik zuverlässig für Tempo sorgt.
Mehr als ein Gastauftritt, weniger als John Wick 4.5
Bekannte Gesichter wie Winston, die Direktorin und Charon sorgen für eine glaubwürdige Verbindung zur etablierten Welt. Auch John Wick selbst mischt mit. Keanu Reeves ist dabei kein bloßes Werbeversprechen, übernimmt den Film aber ebenso wenig. Sein Auftritt gibt Eve den nötigen Raum und liefert dennoch einige Momente, auf die Fans vermutlich gehofft haben.Weniger überzeugend fällt der Bösewicht aus. Gabriel Byrne bringt zwar eine angenehm frostige Autorität mit, doch seine Figur bleibt in ihren Beweggründen und Beziehungen ziemlich oberflächlich. Das gilt leider auch für einige Nebenfiguren, die eher als Bausteine für kommende Kämpfe denn als echte Menschen funktionieren. Das Worldbuilding ist erneut spannend, beginnt aber allmählich, sich selbst zu wiederholen. Hinter jeder Tür scheint noch ein Geheimbund mit eigenen Regeln zu warten.



Noch keine Kommentare. Starte die Diskussion!