Mary Jane Watson ist Venom
Die wichtigste Veränderung funktioniert erstaunlich gut. Mary Jane ist nicht einfach Eddie Brock mit einer anderen Biografie. Ihre Beziehung zum Symbionten besitzt eine eigene emotionale Dynamik. Die enorme Macht, die ihr die Verbindung verleiht, steht permanent neben der Frage, wie viel Kontrolle sie darüber tatsächlich besitzt.Gerade die Rückblicke auf die Entstehung dieser ungewöhnlichen Symbiose gehören zu den interessanteren Momenten. Sie geben Mary Janes neuer Rolle ein Fundament und verhindern, dass die Idee lediglich wie ein kurzfristiger Gimmick wirkt. Ihre Persönlichkeit bleibt dabei erkennbar. Sie wird nicht plötzlich zu einer vollkommen anderen Figur, nur weil schwarze Symbiontenmasse ihren Körper umschließt.
Der spannendste Aspekt von „Venom 2 - Dunkles Schicksal“ ist nicht Mary Janes neue Macht, sondern die Frage, wie viel Mary Jane innerhalb dieser Macht noch Mary Jane bleibt.
S.C.A.R. macht Jagd auf die Symbionten
Für äußeren Druck sorgt die Regierungsorganisation S.C.A.R. Sie hat es auf Symbionten abgesehen und macht aus deren Existenz ein politisches und militärisches Problem. Dadurch bekommt die Handlung eine zusätzliche Ebene. Die Symbionten sind nicht länger ausschließlich außerirdische Wesen, mit denen einzelne Helden und Schurken ihre persönlichen Konflikte austragen. Sie werden zu einem Sicherheitsrisiko, das staatliche Stellen kontrollieren wollen.Das passt gut zu Venom. Schließlich begleitet den Symbionten seit seinen frühen Auftritten die Frage, ob er Monster, Waffe, eigenständiges Lebewesen oder Partner ist. S.C.A.R. liefert darauf eine ausgesprochen einfache Antwort: potenzielle Gefahr. Dass ausgerechnet ein alter Gegner Spider-Mans im Hintergrund eine Verbindung zur Organisation besitzt, sorgt zusätzlich für Misstrauen.
Al Ewing ist für komplexe Superheldengeschichten bekannt und hat unter anderem mit seiner Arbeit an „Immortal Hulk“ gezeigt, wie tief sich bekannte Marvel-Figuren neu interpretieren lassen. Auch seine Venom-Geschichten denken den Mythos längst größer als die ursprüngliche Beziehung zwischen Eddie Brock und einem außerirdischen Organismus. Das ist faszinierend, macht den Einstieg aber nicht unbedingt leichter.
Anti-Venom, Dylan Brock, Sleeper und Toxin mischen mit
Denn „Venom 2 - Dunkles Schicksal“ ist alles andere als ein isoliertes Abenteuer. Flash Thompson als Anti-Venom spielt ebenso eine Rolle wie Dylan Brock, Sleeper, Toxin und Paul. Wer mit der jüngeren Geschichte der Symbionten vertraut ist, bekommt dadurch ein dichtes Geflecht bekannter Figuren und Beziehungen.Neue Leser könnten dagegen gelegentlich das Gefühl bekommen, mitten in eine Unterhaltung geraten zu sein, die bereits seit Stunden läuft. Der Band vermittelt zwar genügend Informationen, um der grundlegenden Handlung folgen zu können, doch das volle Gewicht einzelner Beziehungen erschließt sich besser mit entsprechendem Vorwissen.
Je tiefer Du bereits im modernen Venom-Kosmos steckst, desto mehr Spaß macht das Wiedersehen mit Figuren, deren Geschichten längst miteinander verwachsen sind.
Carlos Gómez lässt den Symbionten von der Leine
Visuell kann Carlos Gómez vor allem dann auftrumpfen, wenn die Geschichte eskaliert. Symbionten sind für Comics dankbare Figuren. Körper können ihre Form verändern, Tentakel schießen durch Panels und aus einem menschlichen Gesicht kann innerhalb eines Augenblicks ein monströses Gebiss werden. Gómez nutzt diese Möglichkeiten für dynamische Actionszenen, ohne die menschlichen Figuren dazwischen zu vergessen.Gerade Mary Janes Mimik ist wichtig, weil ein großer Teil ihrer Geschichte von Kontrolle und innerem Konflikt handelt. Die Zeichnungen müssen deshalb mehr transportieren als spektakuläre Monster. Diese Balance gelingt insgesamt überzeugend.
Auch die düstere Atmosphäre passt hervorragend zum Stoff. „Venom 2 - Dunkles Schicksal“ wird allerdings nicht zu einem vollkommen humorlosen Horrorcomic. Zwischen den bedrohlichen Situationen bleibt genügend von jener überzeichneten Energie erhalten, die zu Marvels Symbiontenwelt gehört.
Ein Perspektivwechsel mit echten Konsequenzen
Besonders positiv ist, dass Mary Janes Rolle nicht wie ein bloßer Marketingeinfall behandelt wird. Der Perspektivwechsel eröffnet neue Möglichkeiten für eine Figur, die über Jahrzehnte häufig vor allem über ihre Beziehung zu Peter Parker definiert wurde. Hier darf sie selbst im Mittelpunkt eines ziemlich großen Konflikts stehen.Nicht jede Wendung überrascht dabei gleichermaßen und angesichts des großen Ensembles bleiben manche Figuren zwangsläufig oberflächlicher, als man es sich wünschen würde. Auch die fortlaufende Mythologie verlangt dem Leser einiges ab. Al Ewing schreibt keinen simplen Superheldencomic, den Du nach jahrelanger Marvel-Abstinenz völlig unbelastet aufschlägst.
Mary Jane als Venom funktioniert gerade deshalb, weil der Comic sie nicht in eine bekannte Rolle zwängt, sondern untersucht, was diese Verbindung mit ihrer eigenen Identität macht.



Noch keine Kommentare. Starte die Diskussion!