Ein Königreich ohne Steuern und hungrige Bürger
TerraScape stammt vom Potsdamer Entwickler Bitfall Studios und erschien nach einer längeren Early-Access-Phase als vollständige PC-Version. Das Grundprinzip unterscheidet sich deutlich von klassischen Aufbauspielen. Zwar errichtest Du mittelalterliche Siedlungen mit Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Wohngebäuden und zahlreichen weiteren Strukturen, doch eine traditionelle Wirtschaftssimulation steckt nicht dahinter.Es gibt keine Bevölkerung, deren Bedürfnisse erfüllt werden müssen. Ressourcen werden nicht über komplexe Produktionsketten transportiert. Es gibt keine Armeen, keine feindlichen Königreiche und keinen Zeitdruck. Selbst Geld spielt nicht die übliche Rolle.
Stattdessen geht es um Punkte.
Zu Beginn platzierst Du Deinen Burgfried auf einer prozedural erzeugten Landschaft und wählst anschließend ein Gebäudedeck. Die darin enthaltenen Karten werden nach und nach auf der Karte platziert. Jedes Gebäude besitzt Bedingungen, durch die zusätzliche Punkte entstehen können. Ein Gebäude möchte beispielsweise in der Nähe bestimmter Landschaftsmerkmale stehen, während ein anderes von angrenzenden Gebäuden profitiert.
Damit verändert sich die zentrale Frage. Wir überlegen nicht, wie wir genügend Holz produzieren, sondern wo der nächste Holzfäller die meisten Punkte bringt. Das klingt zunächst simpel, entwickelt aber ziemlich schnell eine angenehme Puzzle-Dynamik.
TerraScape sieht aus wie ein Aufbauspiel, denkt aber wie ein Brettspiel.
Jedes Gebäude ist gleichzeitig ein Puzzleteil
Das Punktesystem bildet das Herz von TerraScape. Bevor Du eine Gebäudekarte platzierst, zeigt das Spiel an, wie viele Punkte die möglichen Positionen einbringen würden. Dadurch entsteht zunächst der Eindruck, man müsse lediglich nach der höchsten Zahl suchen und dort klicken.Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Eine kurzfristig optimale Platzierung kann später wertvolle Flächen blockieren. Gleichzeitig möchtest Du Gebäude so gruppieren, dass weitere Kombinationen möglich werden. Deshalb lohnt es sich, nicht ausschließlich den aktuellen Zug zu betrachten, sondern bereits einige Schritte vorauszudenken.
Besonders interessant sind die sogenannten Merged Buildings. Bestimmte Gebäude können bei richtiger Anordnung zu größeren Strukturen kombiniert werden. Dadurch entstehen nicht nur optisch auffälligere Bauwerke, sondern zusätzliche strategische Möglichkeiten. Mehr als 30 solcher Kombinationen wollen entdeckt werden.
Die verschiedenen Decks sorgen ebenfalls für Entscheidungen. Neue Karten erhältst Du nicht unbegrenzt. Erfolgreiche Platzierungen und erreichte Punkteschwellen bringen Nachschub und schalten weitere Möglichkeiten frei. Spielst Du ineffizient, kann Dir irgendwann schlicht das Material für den weiteren Ausbau ausgehen.
Der schönste Platz für ein Gebäude ist in TerraScape häufig nicht der beste - und genau daraus entsteht der Reiz.
Für Abwechslung sorgen mehrere Modi. Im Kingdom Mode wird gebaut, bis Punkte beziehungsweise verfügbare Gebäude ausgehen. Szenarien verändern Bedingungen und Ziele. Puzzle Terras geben feste Gebäudesätze vor und verlangen möglichst optimale Lösungen. Wöchentliche Herausforderungen verbinden diese Puzzle-Idee zusätzlich mit Bestenlisten.
Wer überhaupt keinen Leistungsdruck möchte, bekommt mit dem Creative Mode die Möglichkeit, einfach nach Lust und Laune zu bauen. Das passt hervorragend zum grundsätzlich entspannten Charakter des Spiels.
Besonders erfreulich ist der Mehrspielermodus. Bis zu vier Spieler können im Koop gemeinsam an einem Königreich arbeiten oder im Versus-Modus gegeneinander antreten. Gerade kooperativ entstehen interessante Diskussionen darüber, ob ein Gebäude nun tatsächlich an die vermeintlich perfekte Position gehört oder man sich damit vielleicht eine spätere Kombination verbaut.
Trotzdem besitzt das Konzept Grenzen. Wer sich vor allem für komplexe Wirtschaftssysteme interessiert, wird schnell feststellen, dass TerraScape genau diese bewusst nicht bietet. Es gibt keine Bevölkerungssimulation, kein klassisches Ressourcenmanagement und keine großen Produktionsketten. Das ist kein fehlendes Feature, sondern eine bewusste Designentscheidung. Trotzdem entscheidet genau diese Frage darüber, ob TerraScape langfristig zum eigenen Geschmack passt.
Aus Hexfeldern wächst ein hübsches kleines Königreich
Grafisch versteht TerraScape sehr gut, welchen Reiz ein entspanntes Aufbauspiel besitzen muss. Zu Beginn liegt vor uns eine weitgehend unberührte Landschaft. Einige Zeit später stehen dort Felder, Häuser, Produktionsgebäude und größere Komplexe. Dieses sichtbare Wachstum erzeugt einen erheblichen Teil der Motivation.Die isometrische Perspektive vermittelt einen guten Überblick und gleichzeitig lassen sich die Gebäude weit genug heranzoomen, um ihre Details zu betrachten. Besonders die größeren kombinierten Bauwerke sorgen dafür, dass sich erfolgreiche Planung auch optisch bemerkbar macht.
Der Stil bleibt farbenfroh und freundlich. TerraScape möchte keine historisch realistische mittelalterliche Welt darstellen, sondern eine idyllische Modelllandschaft, die beinahe wie ein aufwendig gestaltetes Brettspiel wirkt.
Eine erfolgreiche Runde TerraScape hinterlässt nicht nur viele Punkte, sondern meistens auch eine Landschaft, die man sich gerne noch einmal in Ruhe anschaut.
Technisch ist TerraScape natürlich kein Grafikmonster. Die Anforderungen bleiben entsprechend überschaubar und spektakuläre Effekte wären für diese Art Spiel ohnehin unnötig. Stattdessen konzentriert sich Bitfall Studios auf einen stimmigen, sauberen und sympathischen Look.
Gerade nach längeren Partien kann die Bebauung naturgemäß etwas dichter und damit unübersichtlicher werden. Insgesamt gelingt die Balance zwischen hübscher Modellwelt und strategischer Übersicht allerdings sehr gut.
Ein Klick kann über Hunderte Punkte entscheiden
Die Bedienung von TerraScape ist erfreulich unkompliziert. Karte auswählen, geeignete Position suchen und Gebäude platzieren - die grundlegenden Abläufe sind schnell verstanden. Maus und Tastatur eignen sich naturgemäß hervorragend für das Hexfeldsystem.Besonders hilfreich ist die unmittelbare Vorschau der Punktwerte. Während Du ein Gebäude über verschiedene Felder bewegst, erkennst Du, welche Platzierung besonders lukrativ wäre. Dadurch musst Du die zahlreichen Nachbarschaftsregeln nicht permanent im Kopf berechnen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass TerraScape sämtliche Entscheidungen übernimmt. Die angezeigte Zahl verrät nur, wie gut die aktuelle Platzierung unmittelbar ist. Ob Du dadurch einen wichtigen Platz für ein späteres Gebäude blockierst oder eine geplante Kombination unmöglich machst, musst Du weiterhin selbst berücksichtigen.
Genau dadurch funktioniert die Benutzeroberfläche so gut. Sie liefert genügend Informationen, um unnötige Rechenarbeit zu vermeiden, nimmt uns aber nicht die eigentliche strategische Entscheidung ab.
Controller werden ebenfalls unterstützt. Für ein Spiel, bei dem präzises Platzieren und das Betrachten zahlreicher Hexfelder im Mittelpunkt stehen, bevorzugen wir zwar Maus und Tastatur, grundsätzlich lässt sich TerraScape aber auch anders komfortabel bedienen.
Sehr erfreulich ist zudem die vollständige deutsche Benutzeroberfläche. Da die Regeln und Gebäudeeffekte entscheidend für erfolgreiche Kombinationen sind, erleichtert das den Einstieg zusätzlich.
Entschleunigung gibt es auch für die Ohren
TerraScape möchte entspannen und entsprechend zurückhaltend präsentiert sich die akustische Seite. Statt dramatischer Orchesterstücke begleitet ein ruhiger Soundtrack den Aufbau des Königreichs. Die Musik drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern bildet einen angenehmen Hintergrund für längere Puzzle-Sessions.Das passt ausgezeichnet zum Spieltempo. Es gibt schließlich keine gegnerische Armee, die plötzlich die Stadtgrenze überschreitet, und keinen Countdown, der uns zu hektischen Entscheidungen zwingt. Man kann sich Zeit nehmen, die Karte betrachten und überlegen, wo das nächste Gebäude den größten Nutzen bringt.
Auch die Soundeffekte bleiben angenehm dezent. Platzierte Gebäude und Benutzeroberfläche liefern klares Feedback, ohne dass TerraScape jeden erfolgreichen Zug mit übertriebener akustischer Belohnung kommentieren müsste.
Eine Sprachausgabe gibt es nicht und sie wird auch nicht benötigt. TerraScape erzählt keine klassische Geschichte und besitzt keine Figuren, die umfangreiche Dialoge führen müssten.
Gerade gemeinsam mit der idyllischen Grafik entsteht dadurch jene entspannte Atmosphäre, die für das gesamte Konzept entscheidend ist. Der Soundtrack wird vielleicht nicht unbedingt außerhalb des Spiels in Erinnerung bleiben, erfüllt innerhalb einer Partie aber ziemlich genau seine Aufgabe: Er lässt uns in Ruhe puzzeln.




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