2026 bis 2028: KI wird vom Werkzeug zum Kollegen
In den kommenden zwei Jahren dürfte sich zunächst verändern, wie wir künstliche Intelligenz verwenden. Bislang funktioniert KI meistens noch nach einem einfachen Prinzip: Du stellst eine Frage oder erteilst einen konkreten Auftrag und bekommst ein Ergebnis. KI-Agenten gehen einen entscheidenden Schritt weiter. Ihnen wird nicht mehr jede einzelne Aufgabe vorgegeben, sondern ein Ziel. Anschließend können sie selbstständig mehrere Arbeitsschritte planen und ausführen.Das könnte beispielsweise bedeuten, dass ein KI-Agent eingehende Unterlagen prüft, Informationen zusammenträgt, fehlende Angaben erkennt, einen Vorgang vorbereitet und einem Menschen nur noch diejenigen Fälle vorlegt, bei denen tatsächlich eine Entscheidung erforderlich ist. Besonders Verwaltungsarbeit, Buchhaltung, Kundenservice, Recherche, Marketing, Programmierung, Personalwesen, Versicherungen und juristische Tätigkeiten bieten dafür zahlreiche Ansatzpunkte.
Die unmittelbare Folge dürfte allerdings keine gewaltige Entlassungswelle sein. Wahrscheinlicher ist zunächst ein wesentlich unspektakulärerer Prozess: Frei werdende Stellen werden nicht mehr vollständig nachbesetzt. Wenn drei Mitarbeiter in den Ruhestand gehen, werden möglicherweise nur noch ein oder zwei neue Beschäftigte eingestellt. KI fängt den Rest der Arbeit auf.
Die erste große Rationalisierungswelle besteht deshalb wahrscheinlich nicht aus Entlassungen, sondern aus Stellen, die schlicht nicht mehr nachbesetzt werden.
2028 bis 2030: Weniger Menschen erledigen mehr Arbeit
Gegen Ende des Jahrzehnts dürfte die Automatisierung vollständiger Arbeitsabläufe erheblich wichtiger werden. Dann geht es nicht mehr darum, mit künstlicher Intelligenz einzelne Texte zu verfassen oder Informationen zusammenzufassen. KI-Systeme könnten zunehmend komplette Prozesse bearbeiten und lediglich außergewöhnliche Fälle an Menschen weiterreichen.Dadurch geraten insbesondere standardisierte Büroberufe unter Druck. Einfache Sachbearbeitung, Callcenter, Teile der Buchhaltung, juristische Vorarbeiten, Übersetzungen, Standardtexte oder einfache Programmierarbeiten könnten wesentlich weniger Personal benötigen. Gleichzeitig steigt die Produktivität derjenigen Beschäftigten, die Fachwissen mit leistungsfähiger KI kombinieren können.
Ein Rechtsanwalt wird deshalb nicht zwangsläufig durch künstliche Intelligenz ersetzt. Eine Kanzlei könnte allerdings deutlich weniger Assistenzpersonal benötigen. Ähnliches gilt für Softwareunternehmen, Versicherungen oder Verwaltungen. Fünf Mitarbeiter könnten mithilfe von KI möglicherweise Arbeit erledigen, für die früher zehn oder fünfzehn Menschen notwendig waren.
Fünf Mitarbeiter könnten mithilfe von KI möglicherweise Arbeit erledigen, für die früher zehn oder fünfzehn Menschen notwendig waren.
Wie sammelst Du Erfahrung und wirst zum Experten, wenn genau diejenigen Tätigkeiten verschwinden, mit denen früher berufliche Erfahrung aufgebaut wurde?
2030 bis 2032: Die Automatisierung wird körperlich
Anfang der 2030er-Jahre könnte die Robotik zunehmend sichtbar werden. Deutschland verfügt bereits heute über eine stark automatisierte Industrie. Neu wäre allerdings, dass intelligente Roboter flexibler eingesetzt werden können und nicht mehr ausschließlich dieselben fest programmierten Bewegungen an einem bestimmten Arbeitsplatz ausführen.Dabei müssen nicht zwangsläufig überall menschenähnliche Roboter herumlaufen. Für viele Aufgaben werden spezialisierte Maschinen wirtschaftlicher bleiben. Trotzdem könnten humanoide Systeme dort interessant werden, wo Arbeitsplätze und Gebäude ursprünglich für Menschen konzipiert wurden. Treppen, Türen, Regale, Werkzeuge und Fahrzeuge sind schließlich auf den menschlichen Körper abgestimmt.
Logistik, Lagerhaltung, Produktion, Landwirtschaft, Reinigung, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Großküchen, Bauwirtschaft und Einzelhandel könnten dadurch zunehmend automatisiert werden. Gleichzeitig beginnt das autonome Fahren, bestimmte Transportaufgaben zu verändern. Robotaxis und autonome Lieferfahrzeuge könnten zunächst in klar begrenzten Gebieten zum Alltag gehören.
Für Deutschland kommt dabei ein entscheidender Faktor hinzu: die demografische Entwicklung. Millionen Beschäftigte erreichen in diesen Jahren das Rentenalter. KI und Robotik könnten deshalb zunächst nicht vorhandene zukünftige Arbeitnehmer ersetzen, sondern einen Teil der entstehenden Arbeitskräftelücke schließen. Gerade Deutschland könnte dadurch wesentlich sanfter durch die Automatisierungswelle kommen als Länder mit einer jungen und wachsenden Erwerbsbevölkerung.
KI und Robotik könnten deshalb zunächst nicht vorhandene zukünftige Arbeitnehmer ersetzen, sondern einen Teil der entstehenden Arbeitskräftelücke schließen.
2032 bis 2034: Wem gehört der Produktivitätsgewinn?
Spätestens danach dürfte eine gesellschaftliche Frage immer stärker in den Mittelpunkt rücken. Wenn Unternehmen mit weniger Beschäftigten mehr produzieren können, entsteht zusätzlicher Wohlstand. Entscheidend ist jedoch, wie dieser verteilt wird.Wenn Unternehmen mit weniger Beschäftigten mehr produzieren können, entsteht zusätzlicher Wohlstand. Entscheidend ist jedoch, wie dieser verteilt wird.
Gleichzeitig dürfte die Diskussion über die Finanzierung des Sozialstaats an Bedeutung gewinnen. Das heutige deutsche System basiert stark auf Erwerbsarbeit und den daraus entstehenden Steuern und Sozialabgaben. Wenn künftig ein größerer Anteil der Wertschöpfung durch Kapital, Software und Maschinen entsteht, muss möglicherweise auch die Finanzierung gesellschaftlicher Aufgaben stärker an diese Wertschöpfung angepasst werden.
Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist dabei nur eine denkbare Variante. Ebenso vorstellbar sind höhere Grundsicherungen, negative Einkommensteuern, Erwerbszuschüsse, Bürgerdividenden oder andere Beteiligungsmodelle. Entscheidend wird letztlich die Frage sein, wie Menschen am Produktivitätsgewinn einer hochautomatisierten Wirtschaft beteiligt werden.
Vielleicht wird die entscheidende Frage der 2030er-Jahre deshalb nicht mehr lauten, wie wir genügend Arbeit schaffen, sondern wie wir die Gewinne aus immer weniger notwendiger menschlicher Arbeit verteilen.
2034 bis 2036: Arbeit verliert ihre heutige Bedeutung
Bis 2036 könnte Deutschland deshalb auf den ersten Blick erstaunlich normal aussehen und trotzdem grundlegend verändert sein. Unternehmen beschäftigen möglicherweise wesentlich weniger Menschen pro produzierter Einheit. KI-Agenten gehören zum Arbeitsalltag wie heute E-Mail, Smartphone und Suchmaschine. Fabriken und Logistikzentren können zeitweise mit sehr wenigen Beschäftigten betrieben werden. In Verwaltungen übernehmen intelligente Systeme große Teile standardisierter Vorgänge.Trotzdem muss daraus keine Massenarbeitslosigkeit entstehen. Der demografische Wandel reduziert gleichzeitig die Zahl verfügbarer Arbeitskräfte. Deutschland könnte deshalb in eine ungewöhnliche Situation geraten: Während bestimmte Berufe nahezu verschwinden, werden in anderen Bereichen weiterhin Mitarbeiter gesucht.
Auch Europa dürfte sich verändern. Der internationale Wettbewerb um künstliche Intelligenz, Halbleiter, Energie, Cloud-Infrastruktur und Robotik erhöht den Druck auf die Europäische Union, wirtschaftlich stärker zusammenzuarbeiten. Gegenüber den großen Technologieunternehmen der USA und den industriellen Kapazitäten Chinas sind viele einzelne europäische Märkte zu klein. Gemeinsame Kapitalmärkte, europäische KI-Infrastruktur und eine stärker koordinierte Industriepolitik könnten deshalb erheblich wichtiger werden.
Über all diesen Entwicklungen schwebt allerdings eine große Unbekannte: die mögliche Entwicklung einer allgemeinen oder sogar übermenschlichen künstlichen Intelligenz. Wann und ob eine solche Superintelligenz entsteht, lässt sich derzeit nicht seriös vorhersagen. Sollte ein KI-System jedoch irgendwann selbstständig Forschung auf höchstem menschlichem Niveau betreiben und die Entwicklung neuer KI-Systeme beschleunigen können, könnten sämtliche langfristigen Zeitpläne hinfällig werden. Fortschritte in Medizin, Materialwissenschaft, Energie, Robotik und Softwareentwicklung könnten sich dann erheblich beschleunigen.
Der wahrscheinlichere Verlauf für Deutschland bleibt zunächst weniger spektakulär. KI wird Menschen nicht über Nacht vollständig ersetzen. Stattdessen werden immer weniger Beschäftigte immer größere Leistungen erbringen können. Gleichzeitig verlassen Millionen ältere Arbeitnehmer den Arbeitsmarkt. Automatisierung und Demografie könnten sich dadurch zumindest zeitweise gegenseitig ausgleichen.
Langfristig führt diese Entwicklung jedoch zu einer Frage, die weit über Technik hinausgeht. Wenn Maschinen und künstliche Intelligenz einen immer größeren Anteil unserer Arbeit übernehmen können, müssen wir entscheiden, was wir mit der gewonnenen Produktivität anfangen.
Wir können versuchen, mit KI und Robotik immer mehr in immer kürzerer Zeit zu produzieren. Oder wir nutzen den technischen Fortschritt irgendwann tatsächlich dafür, weniger arbeiten zu müssen.
Vielleicht besteht die größte Revolution durch künstliche Intelligenz gar nicht darin, dass Maschinen unsere Arbeit übernehmen, sondern darin, dass wir neu darüber nachdenken müssen, welchen Stellenwert Arbeit überhaupt noch in unserem Leben haben soll.


Noch keine Kommentare. Starte die Diskussion!