Inszeniert wurde Silver Star - Alles oder nichts von Lola Bessis und Ruben Amar, die gemeinsam auch das Drehbuch geschrieben haben. Nach seiner Festivalpremiere 2024 fand der Film schrittweise seinen Weg zum internationalen Publikum. Mit 102 Minuten bleibt die Geschichte angenehm kompakt und konzentriert sich fast vollständig auf ihre beiden Hauptfiguren. Dabei interessiert sich das Regieduo deutlich weniger für die Mechanik eines Bankraubs als für die seltsame Beziehung, die während der anschließenden Flucht entsteht.
Aus einer Geiselnahme wird ein ungewöhnlicher Roadtrip
Billie und Franny könnten zunächst kaum unterschiedlicher sein. Troy Leigh-Anne Johnson spielt Billie als verschlossene junge Frau, die gelernt hat, ihre Umgebung lieber mit Misstrauen zu betrachten. Grace Van Dien gibt Franny dagegen eine impulsive, manchmal beinahe irritierend unbekümmerte Energie. Dass ausgerechnet eine hochschwangere Geisel nicht unbedingt so reagiert, wie ihre Entführerin erwartet, gehört zu den interessanteren Einfällen des Films.Dadurch verändert sich auch die Dynamik der Geschichte. Silver Star - Alles oder nichts ist zwar weiterhin ein Kriminalfilm, besitzt aber immer wieder humorvolle und erstaunlich warme Momente. Die Flucht wird zur gemeinsamen Reise durch amerikanische Landschaften, heruntergekommene Orte und eine Gesellschaft, in der beide Frauen auf unterschiedliche Weise ihren Platz suchen. Die Polizei im Rücken ist dabei irgendwann fast weniger interessant als die Frage, warum Billie und Franny überhaupt dort angekommen sind, wo wir sie kennenlernen.
Grace Van Dien und Troy Leigh-Anne Johnson tragen den Film
Dass dieses Konzept funktioniert, liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellerinnen. Troy Leigh-Anne Johnson verleiht Billie eine glaubwürdige Mischung aus Härte, Unsicherheit und Verantwortungsgefühl. Sie ist keine souveräne Berufsverbrecherin, sondern eine junge Frau, deren Entscheidungen häufig aus Verzweiflung entstehen. Johnson lässt immer wieder erkennen, dass hinter Billies abweisender Haltung deutlich mehr steckt.Grace Van Dien bildet dazu einen bewusst starken Gegenpol. Ihre Franny ist spontan, eigenwillig und schwer vorhersehbar. Gelegentlich überzieht der Film diese Eigenschaften etwas, doch Van Dien besitzt genügend Charisma, um selbst einige der exzentrischeren Momente ihrer Figur zu tragen. Gerade im Zusammenspiel der beiden Darstellerinnen entwickelt Silver Star - Alles oder nichts seinen größten Reiz. Aus Misstrauen entsteht langsam Verständnis, ohne dass der Film die bizarre Ausgangssituation vollkommen vergessen würde.
Amerika abseits der großen Postkartenmotive
Auch visuell hält sich der Film angenehm weit von Hochglanzbildern entfernt. Lola Bessis und Ruben Amar interessieren sich für Straßen, Motels und Orte, an denen Menschen vorbeikommen, ohne lange zu bleiben. Das Amerika von Silver Star - Alles oder nichts wirkt gleichzeitig weit und beengend. Die offene Straße verspricht Freiheit, während die Lebensumstände der Figuren ständig daran erinnern, wie begrenzt ihre tatsächlichen Möglichkeiten sind.Darin steckt eine gesellschaftliche Ebene, die der Film glücklicherweise nicht permanent unterstreicht. Geldnot, familiäre Verpflichtungen, soziale Herkunft und fehlende Perspektiven begleiten die Reise, ohne aus dem Roadmovie plötzlich eine Vorlesung zu machen. Manches bleibt dabei allerdings etwas oberflächlich. Der Film streift mehrere interessante Themen, ohne jedes davon wirklich auszuarbeiten. Gerade Billies familiärer Hintergrund hätte noch mehr emotionale Tiefe vertragen.
Zwischen Crime-Thriller und Außenseitergeschichte
Überhaupt schwankt Silver Star - Alles oder nichts gelegentlich etwas unentschlossen zwischen seinen Genres. Die Ausgangssituation verspricht Spannung, während der Mittelteil stärker auf Figuren, Humor und zwischenmenschliche Momente setzt. Wer einen konsequenten Thriller erwartet, könnte deshalb vom vergleichsweise lockeren Rhythmus überrascht werden. Gleichzeitig besitzt die Geschichte nicht immer genügend Tiefe, um ausschließlich als Charakterdrama zu überzeugen.Das Regieduo findet aber immer wieder kleine Szenen, die diese Unebenheiten auffangen. Vor allem die Chemie zwischen Johnson und Van Dien hält die Reise zusammen. Du willst irgendwann weniger wissen, wie spektakulär die Flucht weitergeht, sondern was aus diesen beiden Menschen wird. Das ist für einen Film, der mit einem missglückten Banküberfall und einer Geiselnahme beginnt, vermutlich das schönste Kompliment.



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