Grand Serpent Rising trägt bereits im Titel die monumentale Wirkung, die Dimmu Borgir seit Jahrzehnten kultivieren. Die Schlange steht dabei nicht allein für das Böse, sondern für Erneuerung, Wachstum, Erkenntnis und Befreiung. Dieses Motiv des Häutens passt hervorragend zu einer Band, die ihre Identität nicht ablegt, sich aber spürbar von Teilen ihrer jüngeren Vergangenheit lösen möchte.
Qualität muss immer wichtiger sein als Quantität. Die kraftvollste schwarze Kunst lässt sich nicht erzwingen, ohne dabei ihre Essenz zu verlieren.
Weniger Orchester schafft mehr Raum für die Härte
Der wichtigste Unterschied zu Eonian liegt im zurückhaltenderen Einsatz von Chören und orchestralen Elementen. Sie bleiben ein unverzichtbarer Bestandteil des Dimmu-Borgir-Sounds, dominieren diesmal aber nicht jede freie Stelle. Stattdessen treten Gitarren, Schlagzeug und Shagraths Stimme deutlicher in den Vordergrund. Wenn die großen symphonischen Flächen schließlich einsetzen, entfalten sie gerade aufgrund dieser Zurückhaltung erheblich mehr Wirkung.Wir haben die Chöre und die Orchestrierung etwas zurückgenommen. Diese Elemente gehören natürlich zu Dimmu Borgir, aber diesmal erscheinen sie nur dort, wo sie wirklich zusätzliche Kraft entfalten.
Nach dem bedrohlichen Auftakt Tridentium beginnt Ascent mit jener Mischung aus Aggression, Kälte und verdrehter Schönheit, die den besten Werken der Norweger ihren besonderen Charakter verleiht. Dieser Einstieg gibt die Richtung des Albums vor. Die Musik bleibt aufwendig, aber die Härte muss nicht mehr ständig gegen die Inszenierung ankämpfen.
Die Energie der frühen Jahre trifft auf jahrzehntelange Erfahrung
Dimmu Borgir versuchen nicht, den rohen Klang ihrer Anfangszeit künstlich nachzustellen. Grand Serpent Rising greift vielmehr die Energie der frühen Neunziger auf und verbindet sie mit dem kompositorischen Wissen, das die Band in mehr als drei Jahrzehnten gesammelt hat. Du hörst hier weder ein nostalgisches Black-Metal-Album noch eine konsequente Fortsetzung von Eonian. Die Platte sucht einen Mittelweg zwischen ursprünglicher Wildheit und späterer Größe.Gerade diese Verbindung macht das Album so überzeugend. Die Gitarren dürfen wieder schneiden und treiben, während Keyboards und Orchester für Atmosphäre und dramatische Tiefe sorgen. Die einzelnen Ebenen arbeiten häufiger miteinander, anstatt sich gegenseitig überbieten zu wollen. Dadurch besitzt die Musik trotz ihrer enormen Dichte eine überraschende Klarheit.
Produziert wurde Grand Serpent Rising erneut von Fredrik Nordström in Göteborg. Er hatte bereits an wichtigen Bandwerken wie Puritanical Euphoric Misanthropia, Death Cult Armageddon und In Sorte Diaboli mitgewirkt. Seine Rückkehr fühlt sich deshalb nicht wie ein Versuch an, vergangene Erfolge zu kopieren. Vielmehr knüpft die Produktion an eine Phase an, in der Dimmu Borgir Härte und orchestrale Größe besonders wirkungsvoll miteinander verbinden konnten.
Wir wollten, dass das Album wie Dimmu Borgir als live spielende Einheit klingt. Du hörst, was tatsächlich gespielt wurde: organisch und kraftvoll, ohne hyperquantisierte moderne Metal-Ästhetik und ohne Schreibmaschinen-Kickdrums.
Nach Galders Abschied kehren Silenoz und Shagrath zum Ursprung zurück
Der Abschied des langjährigen Gitarristen Galder im Jahr 2024 hätte eine empfindliche Lücke hinterlassen können. Stattdessen führte die personelle Veränderung dazu, dass Silenoz und Shagrath beim Schreiben wieder enger zusammenarbeiteten. In dieser Hinsicht erinnert der Entstehungsprozess an die frühen Jahre, als die beiden Musiker Ideen direkt miteinander austauschten und schneller entschieden, welche Ansätze tatsächlich zur Band passen.Weniger Beteiligte bedeuteten dabei nicht weniger musikalische Vielfalt, sondern weniger Kompromisse. Der Kern vieler Kompositionen entstand erneut zwischen Silenoz und Shagrath, wurde anschließend aber von Daray am Schlagzeug, Victor Brandt am Bass, Gerlioz an den Keyboards und Damage an der Gitarre weiterentwickelt. Grand Serpent Rising klingt deshalb keineswegs nach einem isolierten Zweierprojekt, sondern nach einer konzentrierten Bandarbeit.
Über Jahre sammelten sich mehr Ideen an, als auf einem einzelnen Album Platz finden konnten. Zeitweise stand sogar genügend starkes Material für eine Doppelveröffentlichung bereit. Die eigentliche Herausforderung bestand daher nicht darin, neue Riffs zu schreiben, sondern lieb gewonnene Einfälle auszusortieren, die innerhalb eines vollständigen Songs nicht überzeugend genug funktionierten.
Das Ergebnis ist fokussierter, als die lange Laufzeit zunächst vermuten lässt. Die einzelnen Stücke besitzen klar erkennbare Identitäten und verbinden rasende Passagen, majestätische Mittelteile und atmosphärische Übergänge zu einem weitgehend geschlossenen Gesamtwerk.
Die Schlange wird zum Symbol innerer Verwandlung
Textlich folgt das Album einer spirituellen Entwicklung, ohne sich als starres Konzeptwerk zu verstehen. Transformation, die Auflösung des eigenen Egos und das Erwachen verborgener Kräfte ziehen sich als wiederkehrende Motive durch die Texte. Silenoz greift dabei auf esoterische Vorstellungen und die alchemistische Idee zurück, den bisherigen Zustand zu überwinden und das eigene Potenzial freizulegen.Eine zentrale Rolle spielt die Kundalini, die auch als Schlangenkraft bezeichnet wird. Sie steht für eine schlummernde spirituelle Energie, die durch Disziplin, Meditation und Selbsterkenntnis geweckt werden kann. Die aufsteigende Schlange wird dadurch zum Sinnbild eines Menschen, der alte Begrenzungen abstreift und sich immer wieder neu erschafft.
Diese Gedanken passen zur Musik, die gleichermaßen körperlich und überhöht wirkt. Grand Serpent Rising richtet sich nicht nach außen gegen einen bestimmten Gegner, sondern häufig nach innen. Die Dunkelheit dient weniger als bloße Provokation denn als Raum für Erkenntnis, Veränderung und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst.
Einige Stücke werden erstmals seit längerer Zeit wieder auf Norwegisch vorgetragen. Besonders Ulvgjeld & Blodsodel profitiert von der Härte und dem natürlichen Rhythmus der Muttersprache. Inhaltlich beschäftigt sich das Stück mit Herkunft, Blutlinie und der Frage, was an kommende Generationen weitergegeben wird. Die Rückkehr zur norwegischen Sprache verstärkt das Gefühl, dass Dimmu Borgir auf diesem Album Teile ihrer eigenen Vergangenheit neu erschließen.
Grand Serpent Rising verlangt Zeit und Aufmerksamkeit
Mit einer Laufzeit von rund 69 Minuten ist das Album allerdings kein leichtes Zwischendurchvergnügen. Die Musik ist dicht, detailreich und nahezu permanent auf Wirkung ausgerichtet. Selbst mit reduzierter Orchestrierung bleiben Dimmu Borgir eine Band, die selten in kleinen Dimensionen denkt. Das kann über die gesamte Spielzeit durchaus ermüdend wirken.Vor allem im letzten Drittel hätte eine noch strengere Auswahl die Wirkung gesteigert. Nicht jeder Abschnitt entwickelt eine ebenso einprägsame Identität wie die stärksten Stücke, und gelegentlich trägt die monumentale Produktion mehr als das eigentliche Songwriting. Einige Minuten weniger hätten Grand Serpent Rising vermutlich noch unmittelbarer und schlagkräftiger gemacht.
Trotzdem verliert sich das Album nur selten vollständig in seinem eigenen Aufwand. Dafür sind die rhythmischen Wechsel, die Gitarrenarbeit und Shagraths Präsenz zu stark. Mehrere Durchläufe sind notwendig, um die zahlreichen Details und wiederkehrenden Motive zu erfassen. Grand Serpent Rising wächst dadurch mit der Zeit, verlangt von Dir aber auch die Bereitschaft, Dich auf seine enorme Dichte einzulassen.
Das stärkste Dimmu-Borgir-Album seit vielen Jahren
Grand Serpent Rising ist keine Rückkehr zum unverfälschten Black Metal der frühen Bandjahre. Dimmu Borgir bleiben eine große, filmisch denkende und bisweilen maßlos wirkende Formation. Doch auf diesem Album stimmt das Verhältnis zwischen Härte, Atmosphäre und Orchestrierung deutlich besser als zuletzt.Die erneute Zusammenarbeit mit Fredrik Nordström, die engere kreative Verbindung zwischen Silenoz und Shagrath sowie der bewusst organischere Klang verleihen der Platte eine erneuerte Identität. Sie blickt zurück auf Puritanical Euphoric Misanthropia und Death Cult Armageddon, ohne deren Wirkung einfach nachbauen zu wollen.
Die lange Spielzeit und einige überladene Momente verhindern den vollkommenen Triumph. Dennoch ist Grand Serpent Rising ein eindrucksvolles Comeback und eines der stärksten Werke der späteren Bandgeschichte. Dimmu Borgir haben ihre Haut abgestreift, ohne darunter eine fremde Gestalt zum Vorschein zu bringen. Die große Schlange ist noch immer dieselbe - aber sie bewegt sich wieder gefährlicher als zuvor.
Tracklist
- Tridentium
- Ascent
- As Seen in the Unseen
- The Qryptfarer
- Ulvgjeld & Blodsodel
- Repository of Divine Transmutation
- Slik Minnes en Alkymist
- Phantom of the Nemesis
- The Exonerated
- Recognizant
- At the Precipice of Convergence
- Shadows of a Thousand Perceptions
- Gjǫll



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