Anthrax - Cursum Perficio Review

Anthrax entfesseln ihr wuchtiges Thrash-Metal-Comeback



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Foto: Travis Shinn. Mehr zum Thema Transparenz.

Zehn Jahre sind im Metal eine halbe Ewigkeit. So viel Zeit ist seit For All Kings vergangen, dem bislang letzten Studioalbum von Anthrax. Am 18. September 2026 endet nun die ungewöhnlich lange Wartezeit: Cursum Perficio wird das zwölfte Album der New Yorker und soll nach den zurückliegenden schwierigen Jahren zugleich Rückkehr, Standortbestimmung und Aufbruch sein. Da die vollständige Platte aktuell noch nicht veröffentlicht ist, basiert diese Vorab-Einordnung vor allem auf den bereits erschienenen Singles. Die lassen allerdings kaum Zweifel daran, dass Anthrax nicht leise in ihr 45. Bandjahr gehen.

Cursum Perficio beendet eine lange Durststrecke

Die Arbeiten am Album reichen mehrere Jahre zurück und wurden durch die Pandemie erheblich verzögert. Erst ab 2022 konnten Scott Ian, Charlie Benante, Frank Bello, Joey Belladonna und Jonathan Donais wieder ernsthaft gemeinsam an dem Material arbeiten. Ein großer Teil der Aufnahmen entstand im Studio 606 von Dave Grohl in Los Angeles. Für die Produktion zeichneten erneut Jay Ruston und die Band selbst verantwortlich. Diese Zusammenarbeit hatte bereits For All Kings einen druckvollen und zugleich transparenten Klang verliehen.

Der lateinische Albumtitel lässt sich sinngemäß mit „Ich vollende meine Reise“ übersetzen. Nach Abschied klingt das zunächst durchaus, Anthrax verstehen den Satz jedoch nicht als Ankündigung ihres Endes. Vielmehr beschreibt er den langen und teilweise beschwerlichen Weg bis zur Fertigstellung dieses Albums. Das passt, denn Cursum Perficio soll unterschiedliche Phasen der Band zusammenführen und zeigen, was die Musiker aus mehr als vier Jahrzehnten Thrash Metal mitgenommen haben.

It's For The Kids schlägt ohne Umwege zu

Mit It's For The Kids eröffneten Anthrax den musikalischen Vorlauf zum Album ausgesprochen direkt. Der Song ist ein knapp bemessener Thrash-Angriff mit schneidenden Gitarren, einem unruhig nach vorne drängenden Rhythmus und einem Refrain, der trotz aller Härte sofort hängen bleibt. Charlie Benante treibt das Stück mit hoher Geschwindigkeit an, während die Gitarren zeitweise deutlich geradliniger arbeiten. Aus diesem Gegensatz entsteht eine Spannung, die den Song permanent unter Strom setzt.

Joey Belladonna zeigt sich dabei in erstaunlich kraftvoller Verfassung. Sein Gesang sitzt klar über dem dichten Instrumentalfundament und bringt jene melodische Komponente ein, durch die Anthrax seit jeher aus dem klassischen Thrash-Metal-Feld herausragen. Der Titel mag zunächst etwas harmlos klingen, ist inhaltlich aber als Liebeserklärung an die Menschen gedacht, die der Band über Jahrzehnte die Treue gehalten haben. Nostalgie spielt also eine wichtige Rolle, ohne dass die Nummer wie eine lustlose Kopie alter Erfolge wirkt.

Mehr als eine Rückkehr zu alten Thrash-Tugenden

The Edge of Perfection schlägt eine epischere Richtung ein und zeigt, dass Cursum Perficio nicht allein aus kurzen Hochgeschwindigkeitsattacken bestehen wird. Der Song baut seine Wirkung geduldiger auf, wechselt zwischen schweren Passagen und melodischen Öffnungen und lässt vor allem Belladonna viel Raum. Anthrax wirken hier kontrollierter, aber nicht weniger wuchtig. Das Stück erinnert eher an die ausladenderen Kompositionen der jüngeren Bandgeschichte als an die knappen Abrissbirnen der Achtzigerjahre.

Everybody's Got A Plan wiederum setzt stärker auf Groove. Scott Ians charakteristisch trockenes Rhythmusspiel und Frank Bellos präsenter Bass verleihen dem Song ein robustes Fundament, über dem sich die Gitarren festbeißen können. Der Refrain besitzt erneut den notwendigen Wiedererkennungswert, während die Strophen kantig und angriffslustig bleiben. Gerade diese Verbindung aus Härte, Groove und melodischer Verständlichkeit beherrschen Anthrax nach wie vor ausgesprochen gut.

Die drei Singles zeigen damit bereits eine vernünftige Bandbreite. It's For The Kids bedient den schnellen Thrash Metal, The Edge of Perfection erweitert den Rahmen und Everybody's Got A Plan bringt einen massiven Groove ins Spiel. Gleichzeitig bleibt alles unverkennbar Anthrax. Experimente, die den charakteristischen Klang grundsätzlich infrage stellen, solltest du also nicht erwarten. Die Band scheint vielmehr darauf bedacht zu sein, ihre verschiedenen Stärken in möglichst konzentrierter Form zusammenzubringen.

Zwischen Among The Living und moderner Produktion

Scott Ian zieht selbst eine Verbindung zu Among The Living, dem bis heute wohl prägendsten Album der Band. Eine solche Aussage weckt natürlich enorme Erwartungen. Die bisher bekannten Songs erreichen nicht durchgehend dessen ungestüme Frische, müssen sich aber auch nicht hinter der Vergangenheit verstecken. Vor allem die Spielfreude fällt auf. Nach der langen Zwangspause klingen Anthrax hungrig und erstaunlich wenig abgeklärt.

Rustons Produktion verleiht den Instrumenten reichlich Gewicht, ohne Belladonnas Stimme unter den Gitarren zu begraben. Lediglich die sehr saubere Verdichtung nimmt dem Material gelegentlich etwas von jener schmutzigen Gefahr, die alte Thrash-Aufnahmen auszeichnete. Dafür erhältst du einen modernen, körperlich spürbaren Metalsound, der sowohl über Kopfhörer als auch auf einer großen Anlage funktionieren dürfte.

Tracklist

  1. Persistence of Memory
  2. The Long Goodbye
  3. It's For The Kids
  4. Everybody's Got A Plan
  5. The Edge of Perfection
  6. Infectious
  7. NYC93
  8. Cursum Perficio
  9. T.O.M.B
  10. Watch It Go
  11. My Victory

FAZIT

Cursum Perficio deutet sich als kraftvolles Comeback an, das die klassischen Trademarks von Anthrax mit der ausladenderen Handschrift ihrer jüngeren Alben verbindet. Die bisher veröffentlichten Songs überzeugen durch scharfe Riffs, starke Melodien, abwechslungsreiche Tempi und einen hervorragend aufgelegten Joey Belladonna. Ganz an die rohe Dringlichkeit der größten Klassiker reicht das Material bislang nicht heran, doch nach zehn Jahren Pause klingt die Band bemerkenswert vital.

Danilo (Spielemagazin.de)

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