Zeichnen ohne Stift – kann das funktionieren?
Das Grundprinzip erinnert an klassische Zeichen- und Ratespiele, nur dass Reiss aus das wichtigste Werkzeug einfach wegnimmt. Statt mit einem Stift einen Begriff zu zeichnen, muss dieser ausschließlich mit Papier dargestellt werden. Reißen, falten, drehen und knüllen ist erlaubt, zusätzliche Hilfsmittel bleiben dagegen draußen.Zu Beginn wird eine Aufgabenkarte mit sechs Begriffen ausgewählt. Anschließend bekommt jeder der zwei bis sechs Spieler geheim einen davon zugeteilt und beginnt gleichzeitig mit der Umsetzung. Sind die kleinen Papierkunstwerke fertig, wird geraten, welcher Begriff zu welchem Mitspieler gehört.
Das klingt zunächst beinahe banal. Die eigentliche Genialität steckt allerdings in der Auswahl der Begriffe.
Wenn Waffel und Schachbrett plötzlich ähnlich aussehen
Die Begriffe einer Karte sind nämlich keineswegs vollkommen unterschiedlich. Ganz im Gegenteil: Häufig besitzen sie optische Gemeinsamkeiten, die das Erkennen erheblich erschweren. Wie stellt man beispielsweise Dinge dar, deren wesentliches Merkmal ihre Oberfläche oder Struktur ist?Genau an solchen Aufgaben wächst Reiss aus über seine einfache Grundidee hinaus. Plötzlich sitzt man konzentriert vor einem winzigen Stück Papier und überlegt, welches Detail unbedingt erhalten bleiben muss, damit die anderen erkennen, was gemeint ist. Das ist erstaunlich kreativ und sorgt anschließend bei der gemeinsamen Begutachtung für reichlich Gelächter.
Wer eine größere Herausforderung sucht, kann sich zudem an schwierigeren Begriffen versuchen. Spätestens bei abstrakteren Konzepten zeigt sich, wie viel Kreativität tatsächlich in diesem kleinen Spiel steckt.
Papier wird zur wertvollen Ressource
Einen cleveren Kniff bringt der begrenzte Papiervorrat mit sich. Jeder Spieler erhält nicht einfach für jede Runde ein neues Blatt. Stattdessen muss mit dem vorhandenen Material sparsam umgegangen werden. Wer für sein erstes Kunstwerk enthusiastisch den kompletten Zettel zerlegt, stellt ziemlich schnell fest, dass diese Entscheidung vielleicht etwas voreilig war.Allerdings verschwinden benutzte Papierstücke nicht vollständig. Sie landen in einer Art gemeinsamer Recyclingzone und dürfen später wiederverwendet werden. Dadurch entsteht ein überraschendes kleines Wettrennen um brauchbare Schnipsel. Auf einmal kann ein unscheinbares Stück Papier, das gerade noch Teil eines anderen Kunstwerks war, genau das Element sein, das man selbst dringend benötigt.
Diese Mechanik passt hervorragend zum ansonsten unkomplizierten Spielprinzip und verhindert nebenbei eine unnötige Materialschlacht.
Alle spielen gleichzeitig
Besonders gelungen ist, dass bei Reiss aus kaum Wartezeiten entstehen. Alle basteln gleichzeitig an ihren Begriffen und anschließend versuchen ebenfalls alle, die Werke der anderen richtig zuzuordnen. Richtige Tipps bringen Punkte, während auch der jeweilige Papierkünstler davon profitiert, wenn sein Werk erkannt wird.Ein zusätzlicher Zeitbonus belohnt Spieler, die ihre Kreation besonders schnell fertigstellen. Dadurch entsteht ein schönes Dilemma: Arbeite ich länger an meinem Meisterwerk oder höre ich lieber auf, solange noch ein attraktiver Bonus verfügbar ist?
Nach vier Runden steht regulär der Sieger fest. Allerdings gehört Reiss aus zu diesen Spielen, bei denen die offizielle Rundenzahl schnell nebensächlich werden kann. Eine Partie dauert ungefähr 20 Minuten und gerade deshalb ist ein „Komm, eine Runde noch“ ziemlich wahrscheinlich.
Familien- und Partyspiel mit einer richtig guten Idee
Reiss aus funktioniert bereits ab sieben Jahren und eignet sich dadurch hervorragend als Familienspiel. Gleichzeitig ist das Konzept überhaupt nicht kindlich. Auch Erwachsene können sich prächtig darüber amüsieren, wenn aus dem vermeintlich eindeutigen Kunstwerk etwas vollkommen anderes herausgelesen wird.Am besten funktioniert das Ganze unserer Meinung nach in einer geselligen Runde, in der niemand seine künstlerischen Fähigkeiten allzu ernst nimmt. Man muss nämlich ausdrücklich nicht zeichnen können. Im Gegenteil: Gerade die improvisierten Lösungen und kleinen Katastrophen machen einen erheblichen Teil des Charmes aus.
Zusätzlich gibt es einen kooperativen Modus, wobei der direkte Wettbewerb unserer Meinung nach besonders gut zur Idee passt. Das gegenseitige Raten, der Zeitdruck und natürlich die Schadenfreude über grandios missverständliche Papierkunstwerke sorgen einfach für die stärksten Momente.



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