Kissin’ Dynamite – Kissin’ Dynamite Review

Abschied und Aufbruch zugleich



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Foto: Holger Fichtner. Mehr zum Thema Transparenz.

Kissin’ Dynamite“ markiert das Ende einer Ära: Es ist das letzte Album mit Hannes Braun als Sänger der schwäbischen Hard-Rock-Band. Ganz verschwinden wird er glücklicherweise nicht, denn als Songwriter, Produzent und kreativer Kopf soll er Kissin’ Dynamite erhalten bleiben.

Das macht diese Platte automatisch emotional. Statt daraus jedoch eine schwermütige Abschiedsveranstaltung zu machen, drehen Kissin’ Dynamite noch einmal richtig auf.

Ein Abschied ohne Trauerflor

Dass dieses Album überhaupt entstanden ist, geht maßgeblich auf die Fans zurück. Nachdem Braun 2025 seinen Rückzug vom Mikrofon angekündigt hatte, wurde der Wunsch nach einem letzten gemeinsamen Studiowerk offenbar so laut, dass die Band ihre ursprünglichen Pläne überdachte.

Das Ergebnis ist eine interessante Mischung: Sechs komplett neue Songs treffen auf sieben Stücke der frühen Bandgeschichte, die neu aufgenommen wurden. Gerade Letzteres ergibt Sinn. Die Originalversionen stammen aus einer Zeit, in der Kissin’ Dynamite noch eine sehr junge Band waren und Braun teilweise noch mit entsprechend jugendlicher Stimme zu hören war.

Die Neuaufnahmen wirken deshalb weniger wie Bonusmaterial als wie eine Neubewertung der eigenen Vergangenheit.

Arena Rock mit eingebautem Größenwahn

Musikalisch gibt es keine Revolution. Kissin’ Dynamite machen weiterhin genau das, was sie hervorragend können: großen, melodischen Hard Rock irgendwo zwischen Glam Metal, Heavy Metal und Stadionhymne.

Gitarren müssen drücken, Refrains müssen spätestens beim zweiten Durchgang sitzen und wenn sich irgendwo noch ein Chor unterbringen lässt, wird diese Gelegenheit natürlich nicht ausgelassen. Zurückhaltung war noch nie das große Thema dieser Band.

Das funktioniert auf „Kissin’ Dynamite“ ausgesprochen gut. Die Produktion besitzt ordentlich Druck, bleibt dabei aber transparent genug, damit Melodien und Gesang nicht unter den Gitarren begraben werden. Alles klingt groß – aber erfreulicherweise nicht künstlich aufgeblasen.

Hannes Braun zeigt noch einmal seine Klasse

Dass der Abschied von Hannes Braun eine deutliche Lücke hinterlassen wird, hört man diesem Album permanent an. Seine Stimme ist schlicht eines der wichtigsten Erkennungsmerkmale der Band.

Braun kann kraftvoll nach vorne gehen, besitzt aber gleichzeitig genügend melodisches Feingefühl für die emotionaleren Passagen. Gerade auf einem Album, das so stark von Freundschaft, Vergangenheit, Abschied und Neubeginn geprägt ist, funktioniert diese Mischung hervorragend.

Natürlich wird dabei stellenweise ziemlich dick aufgetragen. Aber mal ehrlich: Wer bei Kissin’ Dynamite musikalischen Minimalismus erwartet, ist vermutlich ohnehin bei der falschen Band gelandet.

Alte Songs mit neuem Selbstbewusstsein

Besonders spannend ist die Idee, Material der ersten beiden Alben neu einzuspielen. Normalerweise können solche Aktionen schnell nach Resteverwertung aussehen. Hier besitzen sie jedoch eine nachvollziehbare Funktion.

Man hört eine Band, die inzwischen zwei Jahrzehnte Erfahrung besitzt und ihre frühen Kompositionen mit den heutigen Möglichkeiten noch einmal interpretiert. Vor allem Brauns gereifte Stimme gibt diesem Material eine andere Wirkung.

Gleichzeitig entsteht dadurch beinahe automatisch ein Rückblick auf die Entwicklung der Band. Das selbstbetitelte Album ist deshalb halb neues Studioalbum und halb musikalisches Fotoalbum – nur eben mit deutlich mehr Gitarren.

Freunde kommen zur Abschiedsparty

Passend dazu hat die Band zahlreiche Weggefährten eingeladen. Saltatio Mortis, Amaranthe, Primal Fear, Anna Brunner von League of Distortion und Exit Eden sowie Dragonforce-Gitarrist Sam Totman gehören zu den Gästen. Auch Eklipse sind vertreten.

Erfreulicherweise wirkt das nicht wie der verzweifelte Versuch, möglichst viele prominente Namen auf die Rückseite der Verpackung zu bekommen. Vielmehr unterstreichen die Gastbeiträge den Charakter einer Platte, bei der es auch um die gemeinsame Reise der vergangenen Jahre geht.

Zwischen Nostalgie und Zukunft

Die vielleicht größte Stärke von „Kissin’ Dynamite“ liegt darin, dass das Album trotz seines Abschiedscharakters erstaunlich positiv klingt. Natürlich steckt Melancholie darin. Trotzdem dominiert nicht das Ende, sondern die Freude darüber, was gemeinsam erreicht wurde.

Das passt hervorragend zu einer Band, deren Vorgänger „Back With A Bang!“ 2024 erstmals Platz eins der deutschen Albumcharts erreichte. Kissin’ Dynamite verabschieden ihren Sänger also nicht während eines schleichenden Niedergangs, sondern in einer Phase, in der die Band größer ist denn je.

Dazu passt auch der nächste Schritt: Das Album erscheint erstmals vollständig in Eigenregie über Kissin’ Dynamite Records. Während vorne eine Ära endet, beginnt hinter den Kulissen bereits die nächste.

Nicht revolutionär – aber verdammt effektiv

Wer mit dem hochglanzpolierten Arena Rock der Schwaben grundsätzlich nichts anfangen kann, wird auch diesmal kaum bekehrt werden. Einige Refrains sind geradezu schamlos auf maximale Wirkung ausgelegt und gelegentlich kratzt das Pathos an der Grenze zum Kitsch.

Aber genau dort fühlen sich Kissin’ Dynamite eben wohl.

Und wenn eine Band ihre eigene Formel derart sicher beherrscht, darf man ihr durchaus zugestehen, dass sie das Rad nicht bei jedem Album neu erfinden muss. „Kissin’ Dynamite“ besitzt Melodien, Energie und vor allem Herz. Für einen Abschied könnte man sich kaum mehr wünschen.
  1. Glory Days
  2. I Salute You
  3. Heart Attack
  4. Night Is Calling
  5. Out in the Rain
  6. Love Me Hate Me
  7. Lie for Me
  8. I’ll Be
  9. Steel of Swabia
  10. Against the World
  11. Nothing Breaks Like a Heart
  12. Only the Good Die Young
  13. Good in Goodbye

FAZIT

Kissin’ Dynamite“ ist ein ungewöhnliches Album, weil Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Band gleichzeitig darin stecken. Die Kombination aus sechs neuen Songs und sieben neu aufgenommenen Klassikern funktioniert überraschend gut und ergibt im Kontext des Abschieds von Hannes Braun sogar ausgesprochen viel Sinn. Musikalisch bleiben die Schwaben ihrem Erfolgsrezept treu: große Gitarren, große Refrains, große Emotionen. Manchmal ist das eine Spur zu glatt, manchmal vielleicht auch ein bisschen zu pathetisch. Doch es wäre fast enttäuschend, wenn Kissin’ Dynamite ihren langjährigen Sänger plötzlich mit zurückhaltendem Alternative Rock verabschieden würden. Vor allem aber hört man fünf Musiker, die nach rund zwei Jahrzehnten gemeinsamer Geschichte noch einmal feiern, was sie zusammen aufgebaut haben. Hannes Braun bekommt damit einen würdigen Abschied vom Mikrofon – emotional, laut und selbstverständlich mit einem Refrain, den auch die letzte Reihe mitsingen kann.

Redaktion (Spielemagazin.de)

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Spielemagazin-Wertung: 84%
Abschied und Aufbruch zugleich

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