Gemeinsam mit seinem langjährigen Weggefährten Mikkel Mohr entstand ein Album, das eher wie ein Mixtape funktioniert. Psychedelic Pop steht neben Electronica, Folk trifft auf eigenwillige Soundtrack-Momente und zwischendurch schimmern Americana und Indie Rock durch. Dass daraus kein heilloses Durcheinander entsteht, gehört zu den großen Stärken von „Hi Hopes“.
Ein musikalischer Streifzug ohne Scheuklappen
Collberg war stilistisch ohnehin nie sonderlich leicht festzunageln. Seit 2006 veröffentlicht er eigene Musik, hat daneben für Film, Fernsehen und Podcasts komponiert und mit Musikern wie Howe Gelb oder Molly Burch gearbeitet. „Hi Hopes“ treibt diese Offenheit nun besonders weit.Viele Ideen entstanden zunächst allein in Köln als ausgedehnte Jams oder digitale Skizzen, bevor Collberg und Mohr sie in Kopenhagen weiterentwickelten. Diesen Ursprung hört man. Das Album bewahrt etwas Spontanes, manchmal beinahe Skizzenhaftes. Nicht jeder Übergang ist glatt, nicht jede Idee wird bis zur letzten Konsequenz ausformuliert – aber gerade das verleiht der Platte Charakter.
Zwischen Wüste und Großstadt
Spannend ist, wie selbstverständlich unterschiedliche musikalische Welten ineinandergreifen. Collbergs Jahre in Tucson scheinen ebenso durch wie seine heutige Heimat Köln. Mal fühlt man sich in staubige amerikanische Weiten versetzt, wenige Minuten später befindet man sich in einer deutlich urbaneren, elektronisch geprägten Klangwelt.Die Pedal-Steel-Gitarre von Connor Gallaher setzt dabei immer wieder warme Akzente. An anderer Stelle übernehmen Drum Machines, Synthesizer oder psychedelisch verzerrte Sounds. Das erinnert gelegentlich an die experimentierfreudige Leichtigkeit von The Beta Band oder Air, besitzt aber genügend Eigenleben, um nicht wie eine bloße Hommage zu wirken.
Frust als kreativer Treibstoff
So verspielt „Hi Hopes“ musikalisch sein kann, inhaltlich ist die Grundstimmung wesentlich ernster. Collberg verarbeitet seine Wahrnehmung einer Welt, die zunehmend aus den Fugen geraten scheint. Als jemand, der in den USA aufgewachsen ist und mittlerweile in Europa lebt, betrachtet er die Entwicklungen seiner früheren Heimat gleichzeitig aus Nähe und Distanz.Das Interessante daran: Er versteckt diese Gedanken nicht hinter übermäßig kryptischen Texten. Vieles ist erstaunlich direkt formuliert. Trotzdem entsteht kein Album voller musikalischer Kommentare mit erhobenem Zeigefinger. Ironie und Frustration stehen neben echter Hoffnung – und genau dieser Widerspruch macht „Hi Hopes“ glaubwürdig.
Die Produktion lässt den Ideen Luft
Auch klanglich überzeugt das Album. Statt sämtliche unterschiedlichen Stilrichtungen mit Gewalt auf einen einheitlichen Sound zu trimmen, dürfen sie ihren eigenen Charakter behalten. Trotzdem besitzt die Produktion eine erkennbare Handschrift.Das macht „Hi Hopes“ gerade mit Kopfhörern interessant. Kleine elektronische Details, Gitarren, Bassfiguren und atmosphärische Flächen tauchen auf und verschwinden wieder. Die Produktion wirkt sauber, ohne die Musik glattzubügeln. Man entdeckt beim zweiten oder dritten Durchlauf tatsächlich Dinge, die zunächst kaum aufgefallen sind.
Nicht jede Abzweigung führt ans Ziel
Natürlich besitzt diese Herangehensweise auch eine Kehrseite. Vierzehn Stücke und die bewusste stilistische Offenheit führen dazu, dass „Hi Hopes“ gelegentlich etwas zerfasert. Nicht jede Idee hinterlässt denselben Eindruck und manchmal hätte eine etwas strengere Auswahl dem Album gutgetan.Wer einen klar definierten Folk-Pop-Sound erwartet, dürfte ohnehin überrascht sein. Dafür ist diese Platte viel zu neugierig und manchmal auch zu eigensinnig.
Doch selbst die weniger zwingenden Passagen fühlen sich selten beliebig an. Man hört einen Musiker, der ausprobieren möchte und dabei bereit ist, kleinere Unebenheiten in Kauf zu nehmen. Das ist uns allemal lieber als ein Album, das zwölfmal denselben sicheren Song variiert.
Hoffnung mit einem Augenzwinkern
Am Ende steckt schon im Titel die vielleicht schönste Idee des Albums. „Hi Hopes“ funktioniert gleichzeitig als ironischer Kommentar und als ernst gemeinter Blick nach vorne. Trotz Frustration, Unsicherheit und reichlich schwarzem Humor weigert sich Collberg, vollkommen in Zynismus abzurutschen.Und irgendwie passt genau das zu dieser Musik. Sie stolpert manchmal, biegt unvermittelt ab, wird dunkel und findet anschließend doch wieder eine überraschend schöne Melodie. „Hi Hopes“ ist dadurch vielleicht nicht perfekt – aber ausgesprochen menschlich.
- Love Ain't Free I
- Love Ain't Free II
- Hi Hopes / How Many Times Can You Take a Round to the Chest?
- Cold February
- Luxury Apartments
- Why Why Why (mactech 666)
- Hexagonical
- Mensch
- Constellations of Loving You
- Light in the Dark
- Things to Do When Everything’s Fucked Up I
- Things to Do When Everything’s Fucked Up II
- Side to Side
- Everything Is Nothing Is All



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