Das kommt nicht von ungefähr. The Pineapple Thief wollten diesmal stärker festhalten, was die Band inzwischen auf der Bühne ausmacht. Nach vielen gemeinsamen Tourkilometern und inzwischen rund einem Jahrzehnt mit Gavin Harrison am Schlagzeug hat sich die Dynamik innerhalb der Gruppe verändert. Anstatt im Studio jede verfügbare Spur mit zusätzlichen Gitarren und Gesangsschichten zu füllen, wurden die Arrangements bewusst reduziert.
Die Idee dahinter ist verblüffend einfach: Wenn auf der Bühne nur eine bestimmte Zahl von Musikern steht, warum sollte eine Studioproduktion plötzlich so klingen, als würden dort zwanzig Leute spielen?
Far and Wide klingt deshalb nicht einfacher als frühere Alben von The Pineapple Thief - sondern unmittelbarer.
New World Order setzt sofort ein Zeichen
Schon New World Order macht deutlich, wohin die Reise geht. Der Opener baut zunächst jene dunkle Atmosphäre auf, die man von The Pineapple Thief kennt, entwickelt aber zunehmend körperlichen Druck. Bruce Soords Gitarren dürfen knurren, während Gavin Harrison einmal mehr zeigt, warum er zu den interessantesten Schlagzeugern des modernen Progressive Rock gehört.Dabei ist es gerade Harrisons Spiel, das Far and Wide immer wieder zusätzliche Ebenen gibt. Er muss nicht permanent mit technischen Kabinettstückchen auf sich aufmerksam machen. Kleine Akzente, ungewöhnliche Übergänge und scheinbar beiläufig verschobene Rhythmen reichen aus, um selbst vergleichsweise geradlinige Passagen interessant zu halten.
Hold The Ashes nimmt anschließend etwas Tempo heraus, ohne die Spannung zu verlieren. Still Living führt die Platte wiederum stärker in jene melancholische Klangwelt, die Bruce Soord über viele Jahre perfektioniert hat. Seine Stimme besitzt weiterhin diese eigentümliche Mischung aus Distanz und Verletzlichkeit, durch die selbst große Arrangements erstaunlich persönlich wirken können.
Progressive Rock muss nicht kompliziert klingen
God Knows gehört zu den Stücken, an denen sich die neue Herangehensweise besonders gut nachvollziehen lässt. Statt jede musikalische Idee bis ins letzte Detail auszuschmücken, lässt die Band bewusst Luft zwischen den Instrumenten. Jon Sykes am Bass und Steve Kitch an den Keyboards bekommen dadurch ebenso ihren Raum wie die Gitarren und das Schlagzeug.This Empty Space wirkt anschließend bereits durch seinen Titel wie die passende Fortsetzung. Die Band spielt mit Dynamik und Leerräumen, statt permanent neue Schichten aufzutürmen. Gerade über Kopfhörer macht es Spaß, darauf zu achten, wie einzelne Instrumente auftauchen und wieder verschwinden.
Die eigentliche Komplexität von Far and Wide steckt nicht in der Anzahl der Noten, sondern darin, wann The Pineapple Thief sie eben nicht spielen.
Through The Noise setzt diesen Weg fort und gehört zu den atmosphärisch dichtesten Momenten des Albums. Wie schon auf dem Vorgänger It Leads To This beschäftigt sich die Band auch diesmal mit einer Welt, die zunehmend unruhig und schwer durchschaubar erscheint. Far and Wide ist dabei kein klassisches Konzeptalbum. Vielmehr ziehen sich gesellschaftliche Unsicherheit, persönliche Verluste und die Suche nach gemeinsamen Grundlagen wie ein loser roter Faden durch die Platte.
Eine Band, die inzwischen genau weiß, was sie kann
Who Wants It entwickelt gegen Ende noch einmal ordentlich Druck. Besonders interessant ist dabei, wie selbstverständlich The Pineapple Thief inzwischen zwischen atmosphärischem Art Rock und deutlich härteren Passagen wechseln. Es gibt keinen Moment, an dem plötzlich jemand den imaginären Progressive-Rock-Schalter umlegt. Die Übergänge entstehen organisch.No Exceptions beendet die reguläre Albumfassung schließlich ausgesprochen konsequent. Nach neun Songs bleibt vor allem das Gefühl zurück, eine Band gehört zu haben, die sich nach vielen Jahren erstaunlicherweise noch immer weiterentwickelt.
Natürlich besitzt Far and Wide auch Eigenschaften, die nicht jeden überzeugen werden. Bruce Soords melancholische Grundstimmung zieht sich sehr konsequent durch das Album und wer auf wirklich große stilistische Überraschungen hofft, bekommt sie nur selten. Die Reduktion der Arrangements bedeutet zudem nicht automatisch, dass plötzlich radiotauglicher Rock entstanden wäre. The Pineapple Thief bleiben eine Band, der Du ein wenig Aufmerksamkeit schenken solltest.
Genau darin liegt aber der Reiz. Far and Wide funktioniert beim ersten Durchlauf bereits erstaunlich gut, offenbart seine Feinheiten aber erst nach und nach. Besonders das Zusammenspiel zwischen Soord und Harrison profitiert davon, dass die Produktion nicht jede freie Stelle zustellt.
Nach 16 Studioalben wäre es für The Pineapple Thief ziemlich einfach gewesen, einfach ein weiteres gutes Progressive-Rock-Album abzuliefern. Stattdessen hinterfragt die Band zumindest teilweise ihre eigene Arbeitsweise. Weniger Gitarrenspuren, weniger überladene Gesangsharmonien und mehr Konzentration auf das Zusammenspiel der tatsächlichen Musiker erweisen sich als richtige Entscheidung.
Far and Wide zeigt eine erfahrene Progressive-Rock-Band, die verstanden hat, dass Weiterentwicklung manchmal nicht bedeutet, etwas hinzuzufügen - sondern etwas wegzulassen.
Tracklist
- New World Order
- Hold The Ashes
- Still Living
- God Knows
- This Empty Space
- Scattering Like Flies
- Through The Noise
- Who Wants It
- No Exceptions



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