Gemeinsam mit Cody Carpenter und Daniel Davies liefert Carpenter diesmal nämlich tatsächlich den Soundtrack zu einer Geschichte – nur eben nicht zu einem Film. Das Album begleitet Carpenters erstes eigenes Graphic Novel gleichen Namens und ist so eng damit verbunden, dass jedes Stück einem Kapitel der Geschichte entspricht. Trotzdem soll die Musik ausdrücklich auch alleine funktionieren.
Das tut sie. Meistens jedenfalls.
John Carpenter dreht wieder einen Film – in unserem Kopf
Die Entstehungsgeschichte könnte kaum besser zu Carpenter passen. Ausgangspunkt war ein lebhafter Traum aus dem Jahr 2024 über eine verlassene Kirche mitten in Los Angeles. Aus dieser Idee entwickelte sich eine Horrorgeschichte um einen Polizistenmord, Ermittlungen in einer lange vergessenen Kathedrale, unterirdische Katakomben und natürlich ein uraltes Böses.„Cathedral“ klingt entsprechend weniger wie eine gewöhnliche Sammlung instrumentaler Kompositionen und stärker wie eine musikalische Erzählung. Auch ohne das Graphic Novel zu kennen, entsteht eine bemerkenswert klare Dramaturgie.
Carpenters große Stärke war ohnehin nie musikalische Komplexität um ihrer selbst willen. Seine besten Soundtracks funktionieren über Wiederholung, Spannung und diese kleinen melodischen Figuren, die sich irgendwann unangenehm im Kopf festsetzen.
Davon besitzt auch „Cathedral“ reichlich.
Die Gitarren dürfen endlich richtig böse werden
Neu ist vor allem die Härte. Carpenter bezeichnet „Cathedral“ selbst augenzwinkernd als eine Art erstes Heavy-Metal-Album des Trios. Ganz so weit würden wir zwar nicht gehen, aber Daniel Davies bekommt deutlich mehr Gelegenheit, seine Gitarren sprechen zu lassen.Und die dürfen diesmal richtig drücken.
Schwere Riffs treffen auf jene analogen Synthesizerflächen, die seit Jahrzehnten untrennbar mit Carpenters musikalischer Handschrift verbunden sind. Cody Carpenter erweitert das Ganze um zusätzliche elektronische Schichten, während Davies häufig dafür verantwortlich ist, dass aus unterschwelliger Bedrohung plötzlich handfeste Gefahr wird.
Das funktioniert erstaunlich natürlich. Metal und Carpenter-Synthesizer sind schließlich keine vollkommen fremden Welten. Beide leben von dunklen Klangfarben, repetitiven Motiven und der Erwartung einer bevorstehenden Eskalation.
Atmosphäre schlägt Virtuosität
Technisch könnte dieses Trio vermutlich wesentlich spektakulärere Musik spielen. Gerade Cody Carpenter besitzt genügend instrumentales Können, um sich problemlos in den Vordergrund zu drängen. „Cathedral“ widersteht diesem Impuls jedoch weitgehend.Die Geschichte bestimmt die Musik.
Dadurch entstehen längere Passagen, die weniger wie klassische Songs funktionieren und vielmehr Räume erschaffen. Synthesizer pulsieren im Hintergrund, Gitarren erscheinen manchmal nur für wenige Akzente und Rhythmen werden bewusst simpel gehalten.
Wer ein traditionelles Metal-Album erwartet, dürfte deshalb enttäuscht sein. „Cathedral“ bleibt in erster Linie Filmmusik – nur eben für einen Film, der nicht existiert.
Oder genauer gesagt: für einen Film, den jeder beim Hören selbst inszenieren darf.
Zwischen Lost Themes und Horror-Soundtrack
Im Vergleich zur „Lost Themes“-Reihe besitzt das Album einen entscheidenden Vorteil und gleichzeitig eine kleine Schwäche. Die zugrunde liegende Handlung gibt ihm eine klare Richtung. Man spürt, wie sich Schauplätze verändern, Bedrohungen aufbauen und Situationen eskalieren.Andererseits funktioniert nicht jede dieser musikalischen Szenen außerhalb des erzählerischen Zusammenhangs gleich gut. Einige Passagen wirken isoliert betrachtet eher wie Übergänge als vollständig ausgearbeitete Kompositionen.
Das ist bei einem Soundtrack grundsätzlich kein Problem. Bei einem Album, das ausdrücklich auch eigenständig bestehen möchte, fällt es jedoch auf.
Drei Generationen Carpenter-Sound in einem Raum
Trotzdem ist bemerkenswert, wie organisch die Zusammenarbeit zwischen John Carpenter, seinem Sohn Cody und Daniel Davies inzwischen geworden ist. Nach mehreren „Lost Themes“-Veröffentlichungen und den jüngeren „Halloween“-Scores klingt das Trio längst wie eine richtige Band.Niemand scheint hier bloßer Begleitmusiker zu sein.
John Carpenter liefert das Gespür für minimalistische Spannung, Cody erweitert die elektronische und melodische Palette und Davies bringt eine physische Härte hinein, die „Cathedral“ deutlich von früheren Arbeiten unterscheidet.
Gerade diese Mischung macht das Album interessant. Man erkennt Carpenter nach wenigen Sekunden, bekommt aber trotzdem keine bloße Wiederholung seiner Vergangenheit serviert.
Das Kopfkino funktioniert noch immer
Natürlich wird „Cathedral“ kaum jemanden überraschen, der mit Carpenters musikalischer Welt überhaupt nichts anfangen kann. Wer seine reduzierten Synthesizer-Scores schon immer monoton fand, wird auch hier keine Offenbarung erleben.Für alle anderen ist es faszinierend, wie wenig dieser Mann benötigt, um Atmosphäre zu erzeugen.
Ein pulsierender Bass, ein Synthesizer, ein Gitarrenriff – und plötzlich befindet man sich gedanklich irgendwo unter Los Angeles in einer Katakombe, obwohl man eigentlich nur mit Kopfhörern auf dem Sofa sitzt.
Das ist vielleicht keine musikalische Revolution. Aber es ist eine Fähigkeit, die John Carpenter auch mit 78 Jahren niemand so schnell nachmacht.
- Primeval
- Identity
- Inside Out
- Abandoned Cathedral
- Elevator
- Elevator Two
- Desolation in the Underworld
- The Mapmaker
- The Ferryman
- Lord of the Underground
- Death of the Mapmaker
- Back to Ruins
- Revenge
- Resolution



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