Vom persönlichen Tiefpunkt zur musikalischen Befreiung
Die Entstehungsgeschichte von "Blue Morpho" ist eng mit einschneidenden persönlichen Umbrüchen verbunden. Nach dem Erscheinen seines Solodebüts "Earth" im Frühjahr 2020 blickte O’Brien selbstkritisch auf das Material zurück. Er bedauerte, die Lieder wegen des dichten Zeitplans von Radiohead über ein Jahrzehnt lang nicht aufgenommen zu haben, wodurch der ursprüngliche Funke teilweise verloren ging. Als im späteren Verlauf des Jahres 2020 erneute Lockdowns folgten, geriet der Gitarrist in eine schwere Lebenskrise und Depression.Um wieder Halt zu finden, wandte sich O’Brien der Natur, Meditation sowie Atemtechniken nach der Methode von Wim Hof zu. Im heimischen Studio nutzte er sein Instrument als Ventil, um tief sitzende emotionale Prozesse aufzuarbeiten. Ein Ratschlag seines Bandkollegen Thom Yorke diente ihm dabei als Kompass: Dieser hatte ihm einst empfohlen, wie ein umsichtiger Bibliothekar alle aufblitzenden Ideen konsequent zu dokumentieren. Aus ungezwungenen Improvisationen und musikalischen Skizzen erwuchsen über einen Zeitraum von vier Jahren die sieben Stücke des neuen Albums. Eine Zeile des Dichters Wendell Berry begleitete ihn durch diesen Prozess:
Um die Dunkelheit zu kennen, geh in die Dunkelheit.
Vielfältige Einflüsse und namhafte Weggefährten
Ein maßgeblicher Ort für das Schaffen war die walisische Natur. In der Abgeschiedenheit historischer Landschaften fand O’Brien eine neuartige Spiritualität und Inspiration durch Feldaufnahmen. Musikalisch spiegelt "Blue Morpho" eine deutliche Weiterentwicklung wider: Statt klassischer Rockstrukturen prägen psychedelischer Folk, vielschichtige Trip-Hop-Elemente, schwebende Drone-Passagen und atmosphärische Gitarrenteppiche den Sound. Zudem öffnete sich O’Brien verstärkt Einflüssen aus dem Jazz.Produziert wurde das Album gemeinsam mit Paul Epworth, mit dem O’Brien über eine familiäre Bekanntschaft zusammenfand. Die Aufnahmen fanden in Wales sowie im Londoner Studio The Church statt. Zahlreiche Gastmusiker bereichern das Klangbild: Der Jazz-Musiker Shabaka Hutchings spielte auf 432 Hz gestimmte Flöten ein, während Dave Okumu zusätzliche Gitarren beisteuerte. Yves Fernandez und Dan See bildeten das Rhythmusfundament für den Track "Teachers", der durch den Gesang von Eska ergänzt wird. Das Tallinn Chamber Orchestra lieferte Streicherarrangements, die von Tõnu Kõrvits verfasst wurden. Für den finalen Mix zeichnete Ben Baptie verantwortlich, während Produzentenlegende Flood beim Sequenzieren der Stücke unterstützte.
Der Titel des Albums verweist auf den schillernden Blauen Morphofalter, einer Schmetterlingsart, die O’Brien während eines früheren Aufenthalts in Brasilien faszinierte. "Blue Morpho" versteht sich für den Künstler nicht als finaler Endpunkt, sondern als Etappenziel einer fortlaufenden Suche.
Tracklist
- Ed O'Brien - Incantations
- Ed O'Brien - Blue Morpho
- Ed O'Brien - Sweet Spot
- Ed O'Brien - Teachers
- Ed O'Brien - Solfeggio
- Ed O'Brien - Thin Places
- Ed O'Brien - Obrigado


Noch keine Kommentare. Starte die Diskussion!