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The Holy Boy Review

Ein stiller, verstörender Film über Glauben, Manipulation und die Sehnsucht nach Erlösung


13.04.2026  Redaktion  0 Likes  0 Kommentare 
The Holy Boy Review Bild The Holy Boy Review Screenshot The Holy Boy Review Foto

The Holy Boy beginnt wie ein klassisches Drama über einen Neuanfang. Sergio, ein psychisch angeschlagener Lehrer, zieht sich nach einem traumatischen Erlebnis in ein abgelegenes Alpendorf zurück. Doch schnell wird klar: Hier stimmt etwas nicht. Die Menschen wirken zu zufrieden, zu ausgeglichen, fast unnatürlich ruhig. Diese scheinbare Idylle bekommt eine beunruhigende Dimension, als Sergio erfährt, dass ein Junge namens Matteo für das emotionale Gleichgewicht des Dorfes verantwortlich sein soll. Wer ihn umarmt, wird von negativen Gefühlen befreit. Was zunächst wie ein Wunder klingt, entpuppt sich als düsteres System aus Abhängigkeit und Ausnutzung.

Ein Junge zwischen Heiligkeit und Überforderung
Im Zentrum des Films steht nicht Sergio, sondern Matteo. Gespielt von Giulio Feltri, wird er zur tragenden Figur einer Geschichte, die sich weniger für äußere Handlung als für innere Zustände interessiert. Feltri verkörpert den „Holy Boy“ mit beeindruckender Zurückhaltung. Seine Darstellung ist leise, verletzlich und gleichzeitig von einer unterschwelligen Unruhe geprägt. Man weiß nie genau, ob Matteo tatsächlich etwas Besonderes ist – oder ob er einfach ein Junge ist, der in eine Rolle gedrängt wurde, die ihn überfordert.

Diese Ambivalenz macht den Film so interessant. Matteo ist Projektionsfläche für die Hoffnungen eines ganzen Dorfes, gleichzeitig aber auch Opfer eines Systems, das ihn benutzt. Die Beziehung zwischen ihm und Sergio entwickelt sich dabei vorsichtig, fast tastend, und wird zum emotionalen Kern der Geschichte.

Atmosphäre statt Effekthascherei
Regisseur Strippoli setzt bewusst auf Ruhe. Die Kamera verweilt lange, beobachtet, lässt Räume wirken. Die Alpenlandschaft ist nicht nur Kulisse, sondern Teil der Erzählung – schön, aber auch isolierend, fast erdrückend. Rituale, Blicke, kleine Gesten: All das baut langsam eine Spannung auf, die sich nicht laut ankündigt, sondern unterschwellig wächst.

Gerade diese Zurückhaltung ist eine der größten Stärken des Films. Es gibt keine übertriebenen Wendungen, keine lauten Ausbrüche. Stattdessen entsteht ein Gefühl permanenter Unruhe, als würde jederzeit etwas kippen. Und genau dieses Gefühl trägt den Film über weite Strecken.

Zu viele Ideen, zu wenig Fokus
Doch hier liegt auch das Problem von The Holy Boy. Der Film will viel: eine Charakterstudie, eine Kritik an religiösen Strukturen, ein psychologisches Drama und gleichzeitig eine Art Mystery-Erzählung sein. Dabei verzettelt er sich. Nebenfiguren bleiben oberflächlich, ihre Motivationen werden nur angedeutet. Das Dorf als Gemeinschaft wirkt zwar interessant, bekommt aber nicht genug Raum, um wirklich greifbar zu werden.

Man spürt, dass hinter vielen Figuren und Handlungssträngen mehr steckt – doch der Film nimmt sich nicht die Zeit, diese Ebenen auszubauen. Gerade deshalb entsteht der Eindruck, dass das Material vielleicht besser als Serie funktioniert hätte, um die einzelnen Aspekte ausführlicher zu beleuchten.

Ein Finale ohne echten Überraschungseffekt
Wenn sich die Handlung ihrem Ende nähert, wird klar, dass der Film weniger auf Schock als auf Konsequenz setzt. Die Entwicklung ist nachvollziehbar, fast unausweichlich – aber eben auch vorhersehbar. Das Finale wirkt dadurch weniger wie ein Höhepunkt und mehr wie eine Bestätigung dessen, was sich lange angedeutet hat. Emotional funktioniert das bis zu einem gewissen Grad, doch der große Impact bleibt aus.

Ein Film, der im Gefühl stärker ist als in der Geschichte
The Holy Boy lebt nicht von seiner Handlung, sondern von seiner Stimmung. Von diesem leisen Unbehagen, das sich durch jede Szene zieht. Von der Frage, wie weit Menschen gehen, um an etwas zu glauben, das ihnen Halt gibt. Und von der Tragik eines Jungen, der nie gefragt wurde, ob er diese Rolle überhaupt tragen will.

The Holy Boy ist ein atmosphärisch dichtes, fein gespieltes Drama, das durch seine ruhige Inszenierung und eine starke zentrale Performance überzeugt. Gleichzeitig verliert der Film an Kraft, weil er zu viele Themen gleichzeitig behandeln will, ohne ihnen genug Raum zu geben. Ein sehenswerter, aber nicht vollends ausgereifter Film, der vor allem durch seine Stimmung im Gedächtnis bleibt. Verdiente 70 Punkte.

Punktewertung

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