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Sassy 009 - Dreamer+ Review

Zwischen Hyperpop-Nebel, Grunge-Flair und fiebrigen 90s-Visionen


06.01.2026  Captain  0 Likes  0 Kommentare 
Sassy 009 - Dreamer+ Review Bild Sassy 009 - Dreamer+ Review Screenshot Sassy 009 - Dreamer+ Review Foto
Foto: Mikaela Kautzky. Mehr zum Thema Transparenz.

Mit Dreamer+ legt die norwegische Produzentin und Sängerin Sassy 009 ihr bislang ambitioniertestes Werk vor – und zugleich das erste, das sich wirklich wie ein Debüt anfühlt. Obwohl Sunniva Lindgård schon seit 2017 unter diesem Namen veröffentlichte, markiert Dreamer+ den Moment, in dem sie zum ersten Mal komplette kreative Kontrolle übernimmt. Vier Jahre Arbeit stecken in diesem Album, vier Jahre Konstruktion eines Klanguniversums, das nicht chronologisch, sondern emotional erzählt wird. Ein Märchen – aber eines, das brennt, flimmert und manchmal beunruhigt.

Ein Pop-Album wie ein Fiebertraum
Schon der Opener Butterflies gibt die Richtung vor: verzerrte Breakbeats, ein Motorgeräusch wie aus einem nächtlichen Tunnel, Vocals, die gleichzeitig nah und geisterhaft wirken. Das ist Pop – aber keiner, der gefallen will. Es ist Pop als Vision, als fragmentierte Erinnerung, als flackernde Selbstreflexion. Dreamer+ beruht auf einem fiktionalen Gerüst, einem düsteren Märchen über Verlust, Liebe, moralische Entscheidungen und eine Protagonistin, die in einer verzerrten Traumwelt gefangen ist.

Diese erzählerische Struktur macht das Album nicht nur atmosphärisch, sondern auch ungewöhnlich kohärent: Jeder Song ist ein Fenster in den gleichen Traum, in das gleiche flirrende Universum, in dem Identität und Realität ineinander übergehen.

Zwischen Grunge, Shoegaze und Hyperpop – ein Klang, der sich selbst widerspricht
Sassy 009 arbeitet hier mit einer faszinierenden Mischung aus Genres:
– Grunge-Gitarren, die wie Schatten durch den Mix wandern
– Shoegaze-Texturen, die sich wie Nebel ausbreiten
– 90er-Breakbeats, die alles antreiben und gleichzeitig auseinanderreißen
– Hyperpop-Schimmer, der zwischen den Zeilen aufleuchtet

Diese Kombination ergibt einen Sound, der nicht perfekt sein will, sondern lebendig. Und manchmal schmerzhaft. Sunnivas verzerrte Vocals werden zum erzählerischen Werkzeug: mal unruhig, mal hypnotisch, mal fragil.

Was Dreamer+ am deutlichsten auszeichnet, ist die Fähigkeit, sich ständig zu verwandeln, ohne die Grundstimmung zu verlieren. Jeder Track ist ein anderer Spiegel – aber alle zeigen dasselbe Gesicht.

Freischwimmen als Produzentin – und als Figur in der eigenen Geschichte
Ein starker Aspekt dieses Albums ist die Produktion selbst. Lindgård hat in Interviews betont, dass sie sich erstmals richtig „in der Rolle der Produzentin“ gefühlt habe. Und das hört man. Die Songs sind weniger überladen als frühere Werke, klarer strukturiert, aber emotional dichter. Statt sich in 200 Spuren zu verlieren, hat sie Musik gedacht, geschrieben und produziert, als würde eine Live-Band dahinter stehen.

Den Abschluss bildet Ruins of a Lost Memory, ein Stück, das eine alte Melodie ihrer Eltern sampelt. Hier wird das Märchen plötzlich persönlich – ein leiser Abspann, der die Traumwelt für einen Moment transparent macht.

Ein mutiges, aber nicht perfektes Debüt – und gerade deshalb spannend
Dreamer+ ist kein glattgebügeltes Popalbum. Es ist anspruchsvoll, manchmal sperrig, gelegentlich sogar verwirrend. Einige Songs wirken wie Skizzen, andere wie komplette Welten. Doch genau aus dieser Unschärfe entsteht ein Reiz, der lange nachwirkt.

Das Album fordert Aufmerksamkeit und belohnt mit Atmosphäre, Emotion und einem Sound, der sich kaum kategorisieren lässt. Für Hörerinnen, die Air, Yves Tumor, Boards of Canada oder hyperpop-nahe Kunstmusik mögen, ist Dreamer+ eine faszinierende Entdeckung. Für andere könnte es zu fragmentiert wirken.

Aber: Es ist mutig. Und es klingt nach einer Künstlerin, die gerade ihre eigene Sprache gefunden hat – und noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten ist.

Tracklist
  1. Butterflies
  2. Edges
  3. In The Snow
  4. RIP Time and Thought
  5. Dreamer
  6. Sleepwalker’s Pendulum (feat. BEA1991)
  7. Someone
  8. Mirrors (feat. Yuné Pinku)
  9. Tell Me (feat. Blood Orange)
  10. My Candle
  11. Enemy
  12. Ruins of a Lost Memory


Dreamer+ ist ein komplexes, atmosphärisches Pop-Märchen voller Nebel, Brüche und emotionaler Intensität. Kein perfektes Album – aber eines mit starkem Charakter und einer klaren künstlerischen Vision. Es fühlt sich an wie ein Blick in ein Tagebuch, das im Traum geschrieben wurde: fragmentiert, schön, irritierend.

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