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John Carpenter, Cody Carpenter, Daniel Davies – Cathedral Review

Ein imaginärer Carpenter-Film wird Wirklichkeit


18.08.2026  Redaktion  0 Likes  0 Kommentare 
John Carpenter, Cody Carpenter, Daniel Davies – Cathedral Review Bild John Carpenter, Cody Carpenter, Daniel Davies – Cathedral Review Screenshot John Carpenter, Cody Carpenter, Daniel Davies – Cathedral Review Foto

John Carpenter muss seit Jahren keinen Film mehr drehen, um Kino entstehen zu lassen. Schon mit seiner „Lost Themes“-Reihe bewies der Regisseur und Komponist, dass wenige Synthesizer, eine prägnante Melodie und die richtige Atmosphäre ausreichen können, damit im Kopf des Hörers plötzlich dunkle Korridore, flackernde Neonröhren und Dinge entstehen, denen man nachts lieber nicht begegnen möchte. „Cathedral“ geht noch einen Schritt weiter.

Gemeinsam mit Cody Carpenter und Daniel Davies liefert Carpenter diesmal nämlich tatsächlich den Soundtrack zu einer Geschichte – nur eben nicht zu einem Film. Das Album begleitet Carpenters erstes eigenes Graphic Novel gleichen Namens und ist so eng damit verbunden, dass jedes Stück einem Kapitel der Geschichte entspricht. Trotzdem soll die Musik ausdrücklich auch alleine funktionieren.

Das tut sie. Meistens jedenfalls.

John Carpenter dreht wieder einen Film – in unserem Kopf
Die Entstehungsgeschichte könnte kaum besser zu Carpenter passen. Ausgangspunkt war ein lebhafter Traum aus dem Jahr 2024 über eine verlassene Kirche mitten in Los Angeles. Aus dieser Idee entwickelte sich eine Horrorgeschichte um einen Polizistenmord, Ermittlungen in einer lange vergessenen Kathedrale, unterirdische Katakomben und natürlich ein uraltes Böses.

„Cathedral“ klingt entsprechend weniger wie eine gewöhnliche Sammlung instrumentaler Kompositionen und stärker wie eine musikalische Erzählung. Auch ohne das Graphic Novel zu kennen, entsteht eine bemerkenswert klare Dramaturgie.

Carpenters große Stärke war ohnehin nie musikalische Komplexität um ihrer selbst willen. Seine besten Soundtracks funktionieren über Wiederholung, Spannung und diese kleinen melodischen Figuren, die sich irgendwann unangenehm im Kopf festsetzen.

Davon besitzt auch „Cathedral“ reichlich.

Die Gitarren dürfen endlich richtig böse werden
Neu ist vor allem die Härte. Carpenter bezeichnet „Cathedral“ selbst augenzwinkernd als eine Art erstes Heavy-Metal-Album des Trios. Ganz so weit würden wir zwar nicht gehen, aber Daniel Davies bekommt deutlich mehr Gelegenheit, seine Gitarren sprechen zu lassen.

Und die dürfen diesmal richtig drücken.

Schwere Riffs treffen auf jene analogen Synthesizerflächen, die seit Jahrzehnten untrennbar mit Carpenters musikalischer Handschrift verbunden sind. Cody Carpenter erweitert das Ganze um zusätzliche elektronische Schichten, während Davies häufig dafür verantwortlich ist, dass aus unterschwelliger Bedrohung plötzlich handfeste Gefahr wird.

Das funktioniert erstaunlich natürlich. Metal und Carpenter-Synthesizer sind schließlich keine vollkommen fremden Welten. Beide leben von dunklen Klangfarben, repetitiven Motiven und der Erwartung einer bevorstehenden Eskalation.

Atmosphäre schlägt Virtuosität
Technisch könnte dieses Trio vermutlich wesentlich spektakulärere Musik spielen. Gerade Cody Carpenter besitzt genügend instrumentales Können, um sich problemlos in den Vordergrund zu drängen. „Cathedral“ widersteht diesem Impuls jedoch weitgehend.

Die Geschichte bestimmt die Musik.

Dadurch entstehen längere Passagen, die weniger wie klassische Songs funktionieren und vielmehr Räume erschaffen. Synthesizer pulsieren im Hintergrund, Gitarren erscheinen manchmal nur für wenige Akzente und Rhythmen werden bewusst simpel gehalten.

Wer ein traditionelles Metal-Album erwartet, dürfte deshalb enttäuscht sein. „Cathedral“ bleibt in erster Linie Filmmusik – nur eben für einen Film, der nicht existiert.

Oder genauer gesagt: für einen Film, den jeder beim Hören selbst inszenieren darf.

Zwischen Lost Themes und Horror-Soundtrack
Im Vergleich zur „Lost Themes“-Reihe besitzt das Album einen entscheidenden Vorteil und gleichzeitig eine kleine Schwäche. Die zugrunde liegende Handlung gibt ihm eine klare Richtung. Man spürt, wie sich Schauplätze verändern, Bedrohungen aufbauen und Situationen eskalieren.

Andererseits funktioniert nicht jede dieser musikalischen Szenen außerhalb des erzählerischen Zusammenhangs gleich gut. Einige Passagen wirken isoliert betrachtet eher wie Übergänge als vollständig ausgearbeitete Kompositionen.

Das ist bei einem Soundtrack grundsätzlich kein Problem. Bei einem Album, das ausdrücklich auch eigenständig bestehen möchte, fällt es jedoch auf.

Drei Generationen Carpenter-Sound in einem Raum
Trotzdem ist bemerkenswert, wie organisch die Zusammenarbeit zwischen John Carpenter, seinem Sohn Cody und Daniel Davies inzwischen geworden ist. Nach mehreren „Lost Themes“-Veröffentlichungen und den jüngeren „Halloween“-Scores klingt das Trio längst wie eine richtige Band.

Niemand scheint hier bloßer Begleitmusiker zu sein.

John Carpenter liefert das Gespür für minimalistische Spannung, Cody erweitert die elektronische und melodische Palette und Davies bringt eine physische Härte hinein, die „Cathedral“ deutlich von früheren Arbeiten unterscheidet.

Gerade diese Mischung macht das Album interessant. Man erkennt Carpenter nach wenigen Sekunden, bekommt aber trotzdem keine bloße Wiederholung seiner Vergangenheit serviert.

Das Kopfkino funktioniert noch immer
Natürlich wird „Cathedral“ kaum jemanden überraschen, der mit Carpenters musikalischer Welt überhaupt nichts anfangen kann. Wer seine reduzierten Synthesizer-Scores schon immer monoton fand, wird auch hier keine Offenbarung erleben.

Für alle anderen ist es faszinierend, wie wenig dieser Mann benötigt, um Atmosphäre zu erzeugen.

Ein pulsierender Bass, ein Synthesizer, ein Gitarrenriff – und plötzlich befindet man sich gedanklich irgendwo unter Los Angeles in einer Katakombe, obwohl man eigentlich nur mit Kopfhörern auf dem Sofa sitzt.

Das ist vielleicht keine musikalische Revolution. Aber es ist eine Fähigkeit, die John Carpenter auch mit 78 Jahren niemand so schnell nachmacht.

  1. Primeval
  2. Identity
  3. Inside Out
  4. Abandoned Cathedral
  5. Elevator
  6. Elevator Two
  7. Desolation in the Underworld
  8. The Mapmaker
  9. The Ferryman
  10. Lord of the Underground
  11. Death of the Mapmaker
  12. Back to Ruins
  13. Revenge
  14. Resolution


„Cathedral“ ist irgendwo zwischen Soundtrack, Konzeptalbum und musikalischem Graphic Novel angesiedelt. Gemeinsam mit Cody Carpenter und Daniel Davies verschiebt John Carpenter seinen bekannten Synthesizer-Sound deutlich in Richtung schwerer Gitarren, ohne dabei jene minimalistische Spannung zu verlieren, die seine Filmmusik seit Jahrzehnten auszeichnet. Nicht jede der 14 Kompositionen funktioniert losgelöst von der dazugehörigen Geschichte gleichermaßen gut, und wer tatsächlich ein Heavy-Metal-Album erwartet, sollte seine Erwartungen etwas korrigieren. Dafür besitzt „Cathedral“ eine dichte, bedrohliche Atmosphäre und erzeugt erstaunlich wirkungsvolles Kopfkino. Man braucht das Graphic Novel nicht zwingend dazu – aber vermutlich bekommt man nach dem Album ziemlich große Lust darauf.

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