Persona 5 machte selbst das Hauptmenü zur Kunstform
Normalerweise sind Menüs Mittel zum Zweck. Du möchtest deine Ausrüstung wechseln, eine Persona auswählen oder einen Gegenstand benutzen und anschließend möglichst schnell wieder ins eigentliche Spiel zurückkehren. Persona 5 scheint diese Vorstellung beinahe persönlich zu nehmen. Warum sollte ein Menü langweilig sein?Also bewegt sich die Benutzeroberfläche. Schriftzüge kippen, Elemente springen ins Bild, Schwarz, Weiß und Rot kämpfen regelrecht um deine Aufmerksamkeit. Figuren tauchen zwischen Menüeinträgen auf, Übergänge werden zu kleinen Animationen und selbst vergleichsweise banale Informationsfenster tragen dieselbe visuelle Handschrift wie der Rest des Spiels.
Das Entscheidende daran ist allerdings nicht, dass Persona 5 besonders viele Effekte verwendet. Es ist die Konsequenz dahinter. Die Benutzeroberfläche fühlt sich nicht wie eine Ebene an, die nachträglich über das Spiel gelegt wurde. Sie ist ein Bestandteil dieser Welt.
Rot, Schwarz und Weiß wurden zur Identität der Phantomdiebe
Schon die Farbgebung genügt, um Persona 5 zu erkennen. Das aggressive Rot, tiefes Schwarz und hartes Weiß bestimmen Menüs, Zwischensequenzen, Kampfoberflächen und zahlreiche grafische Elemente. Hinzu kommen schräg gesetzte Flächen, comicartige Schriftzüge und bewusst unruhige Kompositionen.Eigentlich widerspricht das einigen klassischen Regeln übersichtlicher Benutzeroberflächen. Persona 5 möchte aber gar nicht neutral sein. Das Interface soll rebellieren. Genau das passt zu den Phantomdieben, die sich gegen korrupte Erwachsene und gesellschaftliche Zwänge stellen.
Dadurch erzählt sogar das Menü etwas über das Spiel. Persona 5 zeigt eindrucksvoll, dass gutes UI-Design nicht zwangsläufig unsichtbar sein muss. Manchmal darf es laut, extravagant und beinahe schon unverschämt selbstbewusst auftreten - sofern Gestaltung und Inhalt dieselbe Sprache sprechen.
Wenn der Soundtrack plötzlich Teil des Alltags wird
Dann wäre da natürlich die Musik. Komponist Shoji Meguro gab Persona 5 einen Sound, der sich deutlich von vielen klassischen Fantasy-Rollenspielen unterscheidet. Jazz, Funk, Acid Jazz und Pop verschmelzen zu einer musikalischen Identität, die erstaunlich gut zu den nächtlichen Straßen Tokios und dem Leben der Phantomdiebe passt.Stücke wie „Last Surprise“, „Beneath the Mask“ oder „Life Will Change“ sind längst weit über das eigentliche Spiel hinaus bekannt. Besonders bemerkenswert ist dabei, wie selbstverständlich Persona 5 Musik in Situationen einsetzt, die in anderen Spielen kaum Aufmerksamkeit bekommen würden.
Du läufst durch die Stadt, sitzt in einem Café, gehst einkaufen oder entscheidest, wie du deinen Nachmittag verbringen möchtest - und im Hintergrund entsteht durch die Musik permanent Atmosphäre. Selbst vermeintlicher Leerlauf bekommt dadurch Charakter.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, weshalb viele Spieler beim Hören des Soundtracks sofort wieder Bilder aus Persona 5 vor Augen haben. Musik begleitet hier nicht einfach das Abenteuer. Sie ist ein Teil seiner Erinnerung.
Joker und die Phantomdiebe machten Rebellion zum Markenzeichen
Auch die Phantomdiebe selbst folgen diesem Konzept. Masken, extravagante Kostüme, Codenamen und das Motiv des Diebstahls verleihen der Gruppe eine Identität, die irgendwo zwischen Superhelden, Gentleman-Gaunern und rebellischen Jugendlichen liegt.Dabei funktioniert Joker als Hauptfigur gerade deshalb so gut, weil sein vergleichsweise zurückhaltendes Auftreten im Alltag einen starken Gegensatz zu seinem Alter Ego bildet. Sobald die Maske fällt und die Phantomdiebe auftreten, darf Persona 5 plötzlich vollkommen überdrehen.
Dieser Kontrast steckt im gesamten Spiel. Schule und Metaverse. Alltag und Abenteuer. Anpassung und Rebellion. Schüler und Phantomdieb. Persona 5 lebt davon, permanent zwischen diesen Welten zu wechseln.
Ein Rollenspiel, in dem selbst der Kalender spannend sein kann
Dabei besteht ein erstaunlich großer Teil des Spiels gar nicht aus Kämpfen. Du lernst für Prüfungen, triffst Freunde, gehst arbeiten, besuchst Geschäfte, wäschst Kleidung oder sitzt einfach im Café Leblanc herum. Auf dem Papier klingt das nicht unbedingt nach dem Stoff, aus dem spektakuläre Rollenspiele gemacht werden.Doch Persona 5 macht aus Zeit eine Ressource. Ein Tag besitzt nur eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten und plötzlich wird selbst die Frage interessant, ob Du heute einen Freund treffen, deine Fähigkeiten verbessern oder doch lieber einen Palace besuchen möchtest.
Damit schafft das Spiel eine ungewöhnliche Verbindung zwischen großen Abenteuern und vollkommen gewöhnlichem Alltag. Vielleicht bleiben einem deshalb nicht nur die spektakulären Bosskämpfe im Gedächtnis. Man erinnert sich genauso an Shibuya, an Leblanc oder an verregnete Abende, an denen „Beneath the Mask“ im Hintergrund läuft.
Zehn Jahre später sieht Persona 5 noch immer nach Persona 5 aus
Das dürfte letztlich das größte Kompliment sein, das man dem Spiel zum zehnten Geburtstag machen kann. Technisch ist seit 2016 natürlich viel passiert. Konsolen wurden leistungsfähiger, Auflösungen höher und Spielwelten größer. Doch technische Entwicklung ist nicht dasselbe wie gestalterische Alterung.Ein Spiel mit einer starken künstlerischen Handschrift kann länger frisch wirken als ein Titel, der zu seiner Veröffentlichung lediglich technisch beeindruckend war. Persona 5 ist dafür beinahe ein Musterbeispiel.
Du musst heute keinen Vergleich der Polygonzahlen anstellen, um zu verstehen, weshalb das Spiel noch funktioniert. Sein Design wollte nie möglichst realistisch sein. Es wollte möglichst sehr Persona 5 sein.
Und genau deshalb funktioniert es noch immer.
Vom japanischen PS3 - und PS4 -Spiel zum weltweiten Phänomen
Als Persona 5 am 15. September 2016 in Japan erschien, war es zunächst ein Titel für PlayStation 3 und PlayStation 4 . Rund acht Jahre waren damals seit Persona 4 vergangen. Schon der Veröffentlichungstermin hatte zudem eine gewisse Symbolkraft: Die Persona-Reihe feierte 2016 ihr 20-jähriges Jubiläum.Was danach folgte, machte aus Persona 5 weit mehr als nur den fünften großen Serienteil. Mit Persona 5 Royal erschien eine erweiterte Fassung, hinzu kamen unter anderem Persona 5 Strikers, Persona 5 Tactica, Anime-Umsetzungen, Manga, Merchandise und zahlreiche Gastauftritte. Joker schaffte es sogar als Kämpfer in Super Smash Bros. Ultimate.
Aus einer Gruppe fiktiver Phantomdiebe wurde innerhalb weniger Jahre eine der bekanntesten Marken des modernen japanischen Rollenspiels.
Happy Birthday, Phantom Thieves
Zehn Jahre sind in der Welt der Videospiele eine ziemlich lange Zeit. Spiele, die 2016 technisch beeindruckten, können heute deutlich ihr Alter zeigen. Persona 5 besitzt dagegen einen Vorteil, den keine leistungsfähigere Grafikkarte und keine neue Konsolengeneration einfach erzeugen kann: Persönlichkeit.Vielleicht ist das sogar die eigentliche Lektion dieses Jubiläums. Technische Perfektion altert. Eine wirklich gute Idee nicht unbedingt.
Persona 5 wusste ganz genau, was es sein wollte. Die Farben, die Musik, die Menüs, Joker, die Phantomdiebe, Tokio und selbst die kleinen Animationen zwischen zwei Bildschirmen folgen derselben Vision. Zehn Jahre später genügt deshalb noch immer ein einziger Blick.
Rot. Schwarz. Weiß. Ein paar schräge Buchstaben. Vielleicht die ersten Takte von „Beneath the Mask“.
Und Du weißt sofort: Die Phantomdiebe sind wieder da.





Noch keine Kommentare. Starte die Diskussion!