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Karnivool - In Verses Review

Warten ist manchmal der einzige Weg zu wahrer Größe


06.01.2026  Captain  0 Likes  0 Kommentare 
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Es gibt Bands, bei denen jedes neue Album wie ein Ereignis wirkt. Und dann gibt es Karnivool – eine Gruppe, deren Veröffentlichungen nicht einfach erwartet, sondern herbeigesehnt werden. Mit In Verses brechen die Australier nach Jahren des Schweigens erneut durch die Atmosphäre ihres Genres und liefern ein Werk ab, das genau das tut, was großartige Progressive-Rock-Alben tun sollten: überraschen, fordern, schweben, explodieren und – vielleicht am wichtigsten – emotional nachhallen.

Ein Album wie ein Wiedererwachen
Bereits die ersten Minuten lassen spüren, warum In Verses eine so besondere Stellung einnimmt. Dieses Album klingt nicht wie ein Versuch, an alte Erfolge anzuknüpfen, sondern wie eine Weiterentwicklung, die aus Geduld, Reife und dem Mut zum Experiment geboren wurde. Man hört die Jahre der Suche, des Verwerfens, des Neuanfangs – und genau daraus schöpft In Verses seine Kraft.

Die Zusammenarbeit mit Produzent Forrester Savell – ein kreativer Partner, der den Sound von Karnivool so gut versteht wie kaum ein anderer – hat erneut Früchte getragen. Der Klang ist komplex, mehrdimensional und klar wie eine Filmszene, die sich erst nach mehreren Durchläufen vollständig entschlüsselt. Und doch fühlt das Album sich warm, menschlich und geradezu organisch an. Karnivool zeigen, dass Progressivität nicht bedeutet, möglichst kompliziert zu sein, sondern möglichst ehrlich.

Weitläufige Klangwelten, messerscharfe Präzision
Was Karnivool schon immer auszeichnete, trägt In Verses auf ein neues Niveau: die Fähigkeit, zwischen Weite und Enge zu changieren. Songs wachsen nicht linear, sondern wölben sich, brechen auseinander, setzen sich kaleidoskopartig wieder zusammen. Jeder Track besitzt seinen eigenen Puls, einen inneren Rhythmus, der aufgreift, was bereits im Vorgänger Asymmetry angelegt war.

Die Gitarren wirken gleichzeitig erzählerisch und zurückhaltend, das Schlagzeug jongliert mit ungewöhnlichen Rhythmen, ohne je den Song aus dem Fokus zu verlieren. Manche Passagen erinnern fast an Ambient-Strukturen – fragile, schimmernde Zwischentöne, die plötzlich in einem massiven Ausbruch münden. Andere wiederum tragen diese typische Karnivool-Spannung in sich, die jederzeit bereit ist, in sich selbst zu implodieren.

Ian Kennys Stimme bildet wie gewohnt das emotionale Fundament: hell, verletzlich, klar – aber mächtig, sobald der Song es verlangt. Dieses Zusammenspiel ist es, das In Verses so einzigartig macht: ein Album, das Intuition und technische Brillanz vereint.

Ein Werk voller Höhepunkte – und doch ein geschlossenes Ganzes
Auch wenn sich die Trackliste liest wie eine Reihe potenzieller Favoriten, funktioniert In Verses vor allem als Gesamterlebnis. Ob das schwebende „Ghost“, das dichte „Drone“, das verträumte „Aozora“ oder das meisterhaft aufgebaute „Conversations“ – jeder Song ist ein Fragment eines größeren Mosaiks.

Besonders bemerkenswert ist die Zusammenarbeit mit Gitarrenvirtuose Guthrie Govan in Reanimation. Seine unverwechselbare Ausdruckskraft fügt sich erstaunlich subtil in den Karnivool-Kosmos ein, ohne jemals zum Selbstzweck zu werden. Und ältere Fans entdecken mit Freude die neu interpretierte Version von All It Takes, die sich perfekt in das Albumgefühl einbettet.

Es ist diese Mischung aus Präzision, Emotionalität und kontrolliertem Chaos, die In Verses zu einem echten Ereignis macht.

Die Rückkehr einer Band, die nie wirklich weg war
Karnivool haben weltweit über 300.000 Alben verkauft, unzählige Bühnen bespielt und gelten längst als eine der wichtigsten Progressive-Rock-Bands der modernen Ära. Mit In Verses beweisen sie, dass ihr kreativer Antrieb ungebrochen ist – dass lange Pausen nicht Stillstand bedeuten, sondern manchmal der Dünger für ein Werk, das intensiver klingt als vieles, was derzeit in diesem Genre erscheint.

In Verses ist nicht nur ein Album. Es ist ein Zeichen. Ein Beweis dafür, dass manche Dinge erst dann groß werden, wenn man ihnen Zeit gibt.

Tracklist
  1. Ghost
  2. Drone
  3. Aozora
  4. Animation
  5. Conversations
  6. Reanimation (feat. Guthrie Govan)
  7. All It Takes (2025 Remastered Version)
  8. Remote Self Control
  9. Opal
  10. Salva


In Verses ist ein grandioses Comeback: atmosphärisch, präzise, emotional aufgeladen und voller musikalischer Tiefe. Die Australier erweitern ihren Sound, ohne ihre Identität zu verlieren, und liefern ein Album, das sich wie ein einziger Atemzug anhört – mal still, mal eruptiv, aber immer bedeutsam. Für Progressive-Rock-Fans ist dieses Werk ein Geschenk, für Karnivool selbst ein Triumph.

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