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22 Bahnen Review

Zwischen Pflicht und Freiheit – ein Leben im Takt der Bahnen


24.01.2026  Jacqueline  0 Likes  0 Kommentare 
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22 Bahnen erzählt die Geschichte von Tilda, einer jungen Frau, deren Alltag kaum Raum zum Atmen lässt. Studium, Nebenjob, Fürsorge für die kleine Schwester, das Aushalten einer alkoholabhängigen Mutter – ihr Leben ist ein eng geschnürtes Paket aus Verantwortung und Verzicht. Der Film basiert auf Caroline Wahls gefeiertem Bestseller und findet eine eigene, sehr intime Tonalität, die weder kitschig wirkt noch künstlich dramatisiert. Stattdessen spürt man von der ersten Minute an die ständige Spannung, die Tilda begleitet: den inneren Wunsch nach Freiheit und die äußeren Umstände, die sie festhalten.

Ein Film, der seine Figuren ernst nimmt
Regisseurin Mia Maariel Meyer inszeniert Tildas Welt mit viel Ruhe, Beobachtungsgabe und einem beeindruckenden Gespür für Zwischentöne. Nichts wirkt überzeichnet. Jeder Konflikt, jeder Blick, jede noch so kleine Bewegung hat Gewicht. Die Kamera bleibt nah bei Tilda, oft fast zu nah – so nah, dass man den Druck spürt, der auf ihr lastet. Der Film verzichtet bewusst auf große Gesten, um die alltäglichen Herausforderungen umso deutlicher zu machen. Besonders stark gelingt ihm, was viele Coming-of-Age-Filme verfehlen: Er romantisiert die Armut nicht. Er verklärt Alkoholismus nicht. Er zeigt einfach, wie es ist, wenn ein Mädchen zu früh erwachsen werden muss.

Das Schwimmen als Herzschlag des Films
Die titelgebenden 22 Bahnen sind mehr als nur Ritual – sie sind Tildas Zufluchtsort, ihr Weg, die Kontrolle über ein chaotisches Leben nicht völlig zu verlieren. Der Rhythmus des Schwimmens, das Ein- und Ausatmen, das Eintauchen und Auftauchen – all das spiegelt ihre emotionale Reise. In den Wasserszenen gelingt dem Film eine besonders poetische Wirkung: Sie sind klar, ruhig, fast meditativ. Hier findet Tilda zu sich selbst, auch wenn sie den Rest des Tages um jeden Zentimeter Selbstbestimmung kämpfen muss. Die Schwimmbahnen werden zur Metapher für ihr inneres Gleichgewicht – und für die Frage, wie lange man es halten kann, bevor das Wasser zu kalt, der Druck zu groß oder die Verantwortung zu schwer wird.

Starke Darstellerinnen – allen voran Luna Wedler
Luna Wedler trägt den Film mit einer stillen, erstaunlich reifen Präsenz. Ihre Tilda ist weder Heldin noch Opfer – sie ist ein Mensch in einer permanenten Überforderung, der trotzdem nicht aufgibt. Wedler spielt sie mit viel Zurückhaltung, was die emotionalen Momente umso kraftvoller macht. Zoë Baier überzeugt als Ida durch Natürlichkeit und eine kindliche Direktheit, die oft das Herz des Films bildet. Laura Tonke als alkoholabhängige Mutter liefert eine erschütternde, aber nie reißerische Darstellung. Und Jannis Niewöhner bringt als Viktor eine Mischung aus Wärme und Unruhe mit, die Tilda spürbar aus der Bahn bringt – im besten, aber manchmal auch im schwierigsten Sinne.

Ein Coming-of-Age-Film, der wehtut – und gerade deshalb wirkt
22 Bahnen erzählt von zerrütteten Familien, verlorenen Chancen und der Sehnsucht nach einem anderen Leben. Doch statt melodramatischer Wendungen setzt der Film auf feine Beobachtung. Er zeigt, wie schwer es ist, loszulassen, wenn niemand da ist, der auffängt. Wie sehr man sich nach Nähe sehnt, wenn man ständig funktionieren muss. Und wie tief verwurzelt die Angst sein kann, zu scheitern – oder erfolgreich zu sein und damit jene zurückzulassen, die man liebt.

22 Bahnen ist ein feinfühliges, emotional starkes Drama über Verantwortung, Loslassen und das Ringen um eine Zukunft, die sich richtig anfühlt. Der Film erzählt ohne Übertreibungen, aber mit großer Intensität – getragen von starken Darstellerleistungen, poetischen Bildern und einer sehr menschlichen, berührenden Geschichte. Ein Coming-of-Age-Film, der nicht perfekt ist, aber tief trifft und lange nachhallt. Ein verdienter 72-Punkte-Film: gut, intensiv, sehenswert.

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