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Mastodon – Marrow Deep Review

Monumentale Stärke – und dabei verwundbarer denn je


19.08.2026  Redaktion  0 Likes  0 Kommentare 
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Foto: William Lacalmontie. Mehr zum Thema Transparenz.

Manchmal verändern sich Bands, weil sie es wollen. Und manchmal bleibt ihnen schlicht keine andere Wahl. Bei Mastodon liegt hinter den Musikern eine Phase, die kaum nach einem gewöhnlichen Kapitel einer inzwischen 25-jährigen Karriere klingt. Fünf Jahre nach „Hushed and Grim“ erscheint mit „Marrow Deep“ ein Album, auf dem Brann Dailor, Troy Sanders und Bill Kelliher hörbar versuchen, Verlust, Veränderung und die eigene Zukunft miteinander in Einklang zu bringen.

Das Ergebnis ist keine Rückkehr zu irgendeiner bestimmten Mastodon-Ära. Vielmehr klingt „Marrow Deep“ wie die Summe aus vielen davon.

Schwer, progressiv, psychedelisch, gelegentlich wunderschön und dann wieder geradezu erdrückend.

Eine Band nach dem Einschnitt
Unweigerlich schwebt der Schatten von Brent Hinds über diesem Album. Der langjährige Gitarrist war über Jahrzehnte ein elementarer Bestandteil des Mastodon-Sounds. „Marrow Deep“ ist nun das erste Album mit Gitarrist Nick Johnston, während Keyboarder João Nogueira ebenfalls deutlich zum erweiterten Klangbild beiträgt.

Bemerkenswert ist, dass Mastodon diesen personellen Einschnitt nicht dadurch beantworten, besonders aggressiv die eigene Vergangenheit zu beschwören. Stattdessen lassen sie Veränderung zu.

Schon „Barbarians Blood“ macht deutlich, dass die grundsätzliche DNA der Band erhalten geblieben ist. Mächtige Gitarren treffen auf rhythmische Verschiebungen, melodische Passagen auf enorme Schwere. Mastodon besitzen weiterhin dieses seltene Talent, technisch anspruchsvolle Musik so zu schreiben, dass sie nicht wie eine Mathematikaufgabe klingt.

Ein Riff darf kompliziert sein und trotzdem verdammt gut grooven.

Schwere ohne permanente Machtdemonstration
Das zieht sich durch „Marrow Deep“. „Poisonous Weapons“, „Your Ghost Again“ oder „Snakes for Dinner“ zeigen eine Band, die jederzeit gewaltige Klangwände errichten könnte, aber inzwischen sehr genau weiß, wann sie darauf verzichten sollte.

Gerade die ruhigeren Passagen machen die schweren Momente wirkungsvoller.

Hier profitiert das Album von einer bemerkenswert detaillierten Produktion. Mastodon produzierten gemeinsam mit Patrik Berger und Kurt Ballou, während Andrew Scheps den Mix übernahm. Auf dem Papier treffen damit durchaus unterschiedliche musikalische Welten aufeinander – im Ergebnis entsteht aber ein organischer, enorm räumlicher Sound.

Gitarren besitzen Gewicht, ohne alles andere zu verschlucken. Das Schlagzeug von Brann Dailor darf poltern, treiben und explodieren, während Bass, Keyboards und atmosphärische Flächen genügend Platz erhalten.

Das klingt groß. Aber eben nicht künstlich groß.

Mastodon beherrschen inzwischen auch die Zwischentöne
Besonders stark wird „Marrow Deep“ immer dann, wenn die Band nicht sofort auf maximale Wirkung setzt. „Out Like a Lamb“ und „In the Ruins“ lassen Ideen wachsen, statt sie mit Gewalt in klassische Songstrukturen zu pressen. „Golden Spires“ wiederum zeigt jene psychedelische Seite von Mastodon, die über die Jahre immer wichtiger geworden ist.

Darin liegt vielleicht die größte Entwicklung der Band.

Die frühen Mastodon konnten überwältigen. Die heutigen Mastodon können zusätzlich Atmosphäre entstehen lassen.

Das bedeutet keineswegs, dass die Musiker plötzlich zahm geworden wären. Songs wie „They're Coming for You“ besitzen genügend Druck, um daran keinen Zweifel aufkommen zu lassen. Doch Härte ist inzwischen nur noch eine Farbe auf einer erstaunlich umfangreichen Palette.

„Moth and Bone“ und „A Vampire's Demeanor“ unterstreichen diesen Ansatz. Mastodon wechseln zwischen massiven Riffs, melodischen Motiven und progressiven Ausflügen, ohne dass diese Übergänge demonstrativ kompliziert wirken.

Die drei Schicksalsgöttinnen als roter Faden
Inhaltlich kreist das Album um Leben, Tod, Verlust und die Frage, wie viel Kontrolle der Mensch überhaupt über seinen Weg besitzt. Als konzeptionelle Inspiration dienen die Moiren der griechischen Mythologie: Klotho spinnt den Lebensfaden, Lachesis bemisst ihn und Atropos durchtrennt ihn schließlich.

Es ist ein starkes Bild für ein Mastodon-Album dieser Phase.

Entsprechend bekommt „Marrow Deep“ insbesondere im letzten Drittel eine beinahe existenzielle Schwere. „The Vanishing“ bereitet schließlich den Weg für das fast achtminütige „The Three Fates“.

Und Mastodon wären nicht Mastodon, wenn sie einen solchen Titel lediglich als gewöhnlichen Abschluss behandeln würden.

„The Three Fates“ wirkt vielmehr wie der Endpunkt dessen, was die vorherigen elf Stücke vorbereitet haben. Progressive Strukturen, Atmosphäre und monumentale Gitarrenarbeit verdichten sich zu einem Finale, das dem Album die notwendige Größe gibt.

Danach möchte man nicht sofort zum nächsten Album wechseln.

Zwölf Songs verlangen Aufmerksamkeit
Allerdings besitzt „Marrow Deep“ auch eine Kehrseite. Zwölf überwiegend fünf- bis achtminütige Songs sind kein beiläufiger Snack. Das Album verlangt Zeit und Aufmerksamkeit, und nicht jede Passage entwickelt dieselbe Faszination.

Hier und da verlieren sich Mastodon etwas zu lange in ihrer eigenen Klangwelt. Manche Idee hätte durch eine etwas strengere Kürzung sogar an Wirkung gewinnen können. Wer mit den progressiveren Seiten der Band ohnehin wenig anfangen kann, dürfte sich deshalb auch diesmal nicht bekehren lassen.

Doch diese Sperrigkeit gehört gleichzeitig zum Reiz der Platte.

„Marrow Deep“ ist kein Album, das nach zwei Durchläufen vollständig entschlüsselt wäre. Kleine Gitarrenfiguren, Hintergrundmelodien, Rhythmuswechsel und Keyboardflächen treten teilweise erst später hervor. Gerade mit guten Kopfhörern offenbart die Produktion eine beeindruckende Tiefe.

Eine neue Ära, ohne die alte zu verleugnen
Das vielleicht größte Kompliment lautet deshalb: Mastodon klingen weiterhin nach Mastodon.

Nicht nach einer Band, die verzweifelt versucht, wieder so zu klingen wie 2004. Und auch nicht nach Musikern, die ihre Vergangenheit abschütteln müssen, um relevant zu bleiben.

„Marrow Deep“ trägt die Spuren dessen, was diese Band erlebt hat. Man hört Melancholie und Wut, aber ebenso die Entschlossenheit, weiterzumachen. Dass ausgerechnet ein Album über Vergänglichkeit und Schicksal derart lebendig klingt, besitzt eine gewisse Ironie.

Nach mehr als zwei Jahrzehnten haben Mastodon jedenfalls noch immer etwas zu erzählen.

Und vor allem haben sie noch immer eine verdammt eindrucksvolle Art, es zu erzählen.

Tracklist
  1. Barbarians Blood
  2. Poisonous Weapons
  3. Your Ghost Again
  4. Snakes for Dinner
  5. Out Like a Lamb
  6. In the Ruins
  7. They're Coming for You
  8. Golden Spires
  9. Moth and Bone
  10. A Vampire's Demeanor
  11. The Vanishing
  12. The Three Fates

Unser Fazit

Monumentale Stärke – und dabei verwundbarer denn je

„Marrow Deep“ ist ein großes, schweres und emotionales Mastodon-Album, das Veränderungen nicht kaschiert, sondern zum Bestandteil seiner Identität macht. Nick Johnston und João Nogueira erweitern den Klang, während Dailor, Sanders und Kelliher weiterhin jene eigenwillige Mischung aus Progressive Metal, Sludge, psychedelischen Momenten und gewaltigen Melodien beherrschen, die kaum eine andere Band auf diese Weise hinbekommt. Die enorme Spielzeit und einige ausufernde Passagen verlangen Geduld. Wer sie aufbringt, bekommt dafür ein Album, das mit jedem Durchlauf wächst und gerade in seinem letzten Drittel enorme Wirkung entwickelt. „Marrow Deep“ ist keine sentimentale Rückschau auf bessere Zeiten, sondern der überzeugende Beginn eines neuen Mastodon-Kapitels.

Redaktion (Spielemagazin.de)

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Spielemagazin-Wertung: 88%

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