Gernot Blümel im Interview über KI und Menschsein

Warum künstliche Intelligenz unser Selbstbild grundlegend herausfordert



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Was bleibt vom Menschen, wenn Maschinen sprechen, argumentieren und scheinbar denken können? In Die Selbstsetzung des Menschen untersucht Gernot Blümel diese Frage nicht als technische Zukunftsprognose, sondern als Herausforderung für unser Selbstverständnis. Im Interview spricht der Autor über die vierte Kränkung der Menschheit, radikalen Humanismus und die Rolle menschlicher Unvollkommenheit in einer zunehmend automatisierten Welt.

Ihr Buch trägt den ungewöhnlichen Titel Die Selbstsetzung des Menschen. Was bedeutet dieser Begriff einfach erklärt - und warum sollten sich auch Menschen damit beschäftigen, die normalerweise keine philosophischen Bücher lesen?

Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz stellen sich viele Fragen, die wir als Menschheit beantwortet geglaubt haben, radikal neu. Wenn Maschinen sprechen und denken können, betrifft das zwei grundlegende Eigenschaften, die wir eigentlich nur dem Menschen zugeschrieben haben.

Diese Eigenschaften waren in ihrer Exklusivität so wichtig für uns, dass wir daraus die Besonderheit des Menschen gegenüber allen anderen Entitäten auf diesem Planeten abgeleitet haben. Wenn uns künstliche Intelligenz dieses Alleinstellungsmerkmal nun streitig macht, braucht es vielleicht eine neue Definition dessen, was den Menschen wirklich besonders macht.

Vielleicht liegt die Antwort auf diese große Frage aber darin, gar keine Begründung für die Besonderheit des Menschen zu suchen, sondern sich in seiner Übergeordnetheit über alle anderen Entitäten einfach selbst zu setzen. Daher der Begriff, der auch von dem Philosophen Johann Gottlieb Fichte entlehnt ist. Diese Überlegung klingt vielleicht ein wenig theoretisch, betrifft aber uns alle, sofern wir in westlichen Demokratien leben und groß geworden sind.

Viele Menschen fürchten, dass KI Arbeitsplätze vernichtet oder irgendwann außer Kontrolle gerät. Sie sehen die tiefere Herausforderung dagegen in einer Kränkung unseres Selbstbildes. Was nimmt uns KI, das wir bislang für ausschließlich menschlich hielten?

Sowohl die Vorteile als auch die möglichen Nachteile von künstlicher Intelligenz werden intensiv und breit diskutiert. Viele sehen dabei eine Art Apokalypse voraus, für die es bislang zumindest keine empirische Evidenz gibt. Ich habe heute die Frage gestellt, warum es dennoch so viele apokalyptische Stimmen im Chor der KI-Kritiker gibt, und habe mir gedacht, dass diese Art von Warnung eher an eine Neurose erinnert.

Aber das sind faktische Argumente. Es wirkt wie die gekränkte Eitelkeit eines Wesens, das sich bisher als das intelligenteste auf dem Planeten verstanden hat und jetzt Konkurrenz bekommt. In Rückgriff auf Sigmund Freud nenne ich das die vierte Kränkung der Menschheit.

Die erste Kränkung war die kosmologische: Kopernikus bewies uns, dass die Erde nicht im Zentrum des Universums steht, sondern sich um die Sonne dreht. Die zweite, biologische Kränkung fügte uns Charles Darwin zu, indem er belegte, dass der Mensch nicht von Gott geschaffen wurde, sondern vom Affen abstammt. Die dritte, psychologische Kränkung schrieb Freud selbst dem Menschen zu, indem er das Unterbewusste entdeckte und damit zeigte, dass wir nicht einmal Herr in unserem eigenen Kopf und Denken sind.

Die vierte ist nun die technologische Kränkung: KI zeigt uns, dass wir nicht mehr das intelligenteste Lebewesen auf dem Planeten sind.
Die vierte ist nun die technologische Kränkung: KI zeigt uns, dass wir nicht mehr das intelligenteste Lebewesen auf dem Planeten sind.

Sie sprechen von einem neuen, radikalen Humanismus. Was müsste ein Mensch nach der Lektüre Ihres Buches im Alltag anders denken oder tun?

Vielleicht hilft uns künstliche Intelligenz dabei, den Wert des Menschen neu zu entdecken, indem wir unter dem Vorzeichen von KI über die Besonderheit unserer Spezies nachdenken. Was macht uns eigentlich aus, was macht uns besonders? Was ist am Menschen wertvoll?

Es ist nicht zu optimistisch anzunehmen, dass diese Gedanken zu einer Verbesserung des Alltags führen.

KI wird meist daran gemessen, wie gut sie Menschen nachahmen kann. Müssten wir nicht auch fragen, wie sehr wir Menschen uns längst der Logik von Maschinen angepasst haben?

Das ist ein guter Ansatz. Vielleicht ist ja die Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz und ihren Fähigkeiten genau das, was uns dazu bringt, den Menschen auf etwas genuin Menschliches und Besonderes zurückzuführen - und weniger sein Heil darin zu suchen, so zu werden wie etwas anderes, zum Beispiel Maschinen.

Sie beschreiben das persönliche Gegenüber als etwas, das eine Maschine nicht vollständig ersetzen kann. Was geschieht, wenn Menschen ein stets geduldiges und niemals verletzendes KI-Gegenüber dem anstrengenden Kontakt mit anderen Menschen vorziehen?

Ich glaube, dass diese Gefahr tatsächlich besteht. Bereits der Philosoph Günther Anders hat gesagt:
Der Mensch ist dem Menschen ein Ärgernis.
Günther Anders
Die Widerständigkeit und Widerspenstigkeit des anderen haben den Menschen aber wesentlich zu dem gemacht, was wir sind. Insofern stellt sich die Frage, ob es klug wäre, uns nur mit wohlmeinenden Maschinen zu umgeben, oder ob wir damit nicht einen wesentlichen Aspekt des Menschseins verlieren würden.

Könnte echte menschliche Aufmerksamkeit dadurch irgendwann zu einem Luxusgut werden?

Vielleicht nicht zu einem Luxusgut, aber jedenfalls wird die persönliche Beziehung in der Wirtschaft eine monetäre Aufwertung erfahren. Alles, was nicht über künstliche Intelligenz reproduzierbar, produzierbar oder ersetzbar ist, sondern bei dem die direkte Beziehung zu einem anderen Menschen bei der Erbringung einer Leistung eine wesentliche Rolle spielt, wird neue Berufsfelder eröffnen.

Demokratie ist langsam, widersprüchlich und oft ineffizient. Sollten wir an einer möglicherweise schlechteren menschlichen Entscheidung festhalten, wenn eine KI eines Tages nachweislich bessere politische Ergebnisse berechnet?

Ein ganz klares Nein dazu. Ein widerspenstiges, vielleicht manchmal unverständliches, aber jedenfalls menschliches Gegenüber ist wesentlich für die Entwicklung von Menschen und Gesellschaften.

Wir legen in manchen Bereichen wesentlich mehr Wert auf die Ineffizienz oder Inkompetenz von Menschen als auf Perfektion. Denken Sie an Sport, Fußball oder Olympische Spiele. Bei all diesen Tätigkeiten ist wesentlich, dass sie ein Mensch als Mensch verrichtet. Kein Roboter. Selbst Doping ist verboten.

Warum verbieten wir Doping im Sport, wenn wir gleichzeitig dem schnellsten Läufer, Rennfahrer, Skifahrer oder dem Fußballer mit den meisten Toren zujubeln? Es geht nicht um Effizienz. Es geht darum, dass ein Mensch etwas tut, dem wir zujubeln können.

Ähnlich verhält es sich in der Demokratie. Es ist wesentlich, dass ich mich mit einem anderen Subjekt als Mensch austauschen, meine Meinung sagen, mich mit ihm auseinandersetzen und dann hoffentlich zu einer Lösung finden kann.

Angenommen, eine zukünftige KI liest Ihr Buch und darf Ihnen eine einzige Frage stellen: Welche würde Ihnen am meisten Sorge bereiten?

Die Frage würde lauten:
„Beweisen Sie mir, dass Sie selbst keine Maschine sind.“

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