Musik

Jenseits vom tanzenden Wien: Auner Quartett plant Konzertzyklus

Der Zyklus im Wiener Musikverein beleuchtet verdrängte Kompositionen.



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Wien gilt seit jeher als globale Metropole der klassischen Musik, doch der Glanz von Walzerseligkeit und beschwingten Melodien hat in der Musikgeschichte mitunter den Blick auf Schattenseiten verstellt. Ab dem 25. November 2026 widmet sich das Auner Quartett im traditionsreichen Wiener Musikverein einem vielschichtigen Projekt. Unter dem Titel „Jenseits vom tanzenden Wien“ beleuchtet das Ensemble in vier Abo-Konzerten das Schaffen von Komponistinnen und Komponisten, deren Werke in der österreichischen Hauptstadt verdrängt, vergessen oder während der NS-Diktatur systematisch als „entartet“ gebrandmarkt wurden.

Verdrängung im Schatten der Tanzmusik

Das redaktionelle Konzept des Zyklus greift historische Verdrängungsmechanismen auf verschiedenen Ebenen auf. Der Schattendasein vieler Werkschöpfungen begann keineswegs erst im 20. Jahrhundert: Schon im 19. Jahrhundert verdrängte die enorme Popularität der Walzer- und Tanzmusik rund um die Familie Strauss viele anspruchsvolle Kammermusikwerke aus dem Bewusstsein des Publikums. In den darauffolgenden Jahrzehnten verschärften der zunehmende Antisemitismus und schließlich das NS-Regime die Situation drastisch. Zahlreiche Schaffenstreibende wurden ins Exil gezwungen, ihre Werke wurden verboten.

Als verlässlicher Orientierungspunkt dient in allen vier Konzerten das Schaffen von Alexander Zemlinsky. Der Lehrer und Schwager von Arnold Schönberg gilt als Schlüsselgestalt der Wiener Moderne, musste jedoch 1938 in die USA flüchten und verstarb dort 1942 weitgehend vergessen. Peter Marboe, ehemaliger Wiener Kulturstadtrat und Vorsitzender des Alexander Zemlinsky Fonds, ordnet das Unterfangen folgendermaßen ein:
Was für ein kühnes, spannendes Projekt, in dem das bekannte Auner Quartett Neues erkunden und einen großen Bogen jenseits Wiener Klischees spannen will
Peter Marboe
Neben Zemlinsky rückt die Reihe weitere Persönlichkeiten in den Fokus, darunter die Violinistin und Komponistin Mary Dickenson-Auner (1880–1965). Die gebürtige Irin, die an der Royal Academy of Music in London ausgebildet wurde, prägte 1922 die österreichische Erstaufführung von Béla Bartóks Erster Violinsonate. Im Jahr 1938 wurde ihr aufgrund ihrer britischen Staatsbürgerschaft das Unterrichten und Aufrufen in Wien untersagt. Da ein Großteil ihrer Streichquartette nur in Handschriften überliefert ist, werden diese Werke für den Zyklus eigens neu aufbereitet. Eine besondere Verbindung besteht auch beim Instrumentarium: Primarius Daniel Auner spielt im Rahmen der Reihe auf der originalen Violine von Mary Dickenson-Auner. Er ist mit ihr familiär verwandt und nutzt ansonsten eine Guadagnini-Violine als Dauerleihgabe der Oesterreichischen Nationalbank.

Das 2013 gegründete Auner Quartett, das 2018 den Eugène-Ysaÿe-Wettbewerb in Lüttich gewann und bereits als NASOM-Kulturbotschafter fungierte, kooperiert für die vom Kammermusikforum Wien veranstaltete Reihe mit namhaften Gästen aus Kultur und Musik.

Die Termine im Überblick

Die vier Konzertabende verbinden musikalische Aufführungen mit Lesungen und moderierenden Beiträgen:
  • 25. November 2026, 20:00 Uhr: Irene Suchy liest aus der Autobiografie „Mein Musikleben“ von Mary Dickenson-Auner. Auf dem Programm stehen Werke von Franz Schubert, Mary Dickenson-Auner, Johannes Brahms und Alexander Zemlinsky.
  • 17. Februar 2027, 20:00 Uhr: Schauspieler Wolfgang Böck liest aus Arthur Schnitzlers Novelle „Leutnant Gustl“. Musikalisch interpretiert werden Werke von Anton Webern, Johann Strauss, Alexander Zemlinsky und Alban Berg.
  • 17. März 2027, 19:30 Uhr: Star-Bariton Thomas Hampson präsentiert ein ausgewähltes Liedprogramm mit Werken von Hugo Wolf, Arnold Schönberg und Alexander Zemlinsky.
  • 22. Mai 2027, 20:00 Uhr: Christoph Wagner-Trenkwitz befasst sich mit Fritz Kreislers „Bekenntnis zu Wien“, ergänzt durch Kompositionen von Johann Strauss, Egon Wellesz, Alexander Zemlinsky und Fritz Kreisler.

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