Eine Rückkehr in die Heimat mit schweren Geheimnissen
Die Handlung führt dich nach Tunesien, genauer gesagt nach Sousse, eine Küstenstadt rund 160 Kilometer südlich der Hauptstadt Tunis. Im Mittelpunkt steht Lilia (gespielt von Eya Bouteraa), die seit einigen Jahren in Paris lebt. Der plötzliche Tod ihres Onkels Daly (Karim Rmadi) zwingt sie zur Rückkehr in ihr Geburtsland, um an den mehrtägigen Trauerfeierlichkeiten der Familie teilzunehmen. Begleitet wird Lilia von ihrer Lebensgefährtin Alice (Marion Barbeau). Allerdings darf Alice nicht im Haus der Familie übernachten, sondern muss in einem nahegelegenen Hotel unterkommen.Der Grund für diese Distanz ist tief in den gesellschaftlichen Realitäten des Landes verwurzelt: Weder Lilias Mutter (Hiam Abbass) noch das übrige Verwandtschaftsumfeld ahnen etwas von der gleichgeschlechtlichen Beziehung. Eine Enthüllung würde nicht nur Schande über die Familie bringen, sondern hat in Tunesien auch direkte strafrechtliche Konsequenzen. Gemäß Artikel 230 des tunesischen Strafgesetzbuchs drohen Menschen, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen, demütigende Untersuchungsmethoden und mehrjährige Haftstrafen.
Während der Trauerphase erfährt Lilia jedoch, dass ihr Onkel keineswegs eines natürlichen Todes gestorben ist, sondern unter äußerst rätselhaften Umständen ums Leben kam. Entschlossen, sich nicht länger vom Versteckspiel und den familiären Zwängen erdrücken zu lassen, beginnt sie auf eigene Faust zu recherchieren. Ihre Nachforschungen führen sie tief in die verborgene queer-subkulturelle Szene Tunesiens. Dabei deckt sie schrittweise ein Geflecht aus Lügen, verdrängter Vergangenheit und gesellschaftlichem Schweigen auf, das weit über die Grenzen ihrer eigenen Familie hinausreicht.
Leyla Bouzid: Regisseurin mit Festivalehre
Für die Filmemacherin Leyla Bouzid stellt das Projekt eine persönliche Auseinandersetzung mit ihrer Heimat dar. Bouzid genoss eine hochkarätige Ausbildung an der renommierten Pariser Filmhochschule La Fémis. Internationale Aufmerksamkeit erlangte sie erstmals 2006, als ihr Kurzfilm „Sbah El Khir“ bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes präsentiert wurde.Auch mit ihren vorherigen Langspielfilmen feierte Bouzid große Erfolge auf dem internationalen Parkett. Ihr Debütfilm „Kaum öffne ich die Augen“ aus dem Jahr 2015 wurde bei den 72. Internationalen Filmfestspielen von Venedig gleich doppelt gewürdig – mit dem Publikumspreis sowie dem „Europa Cinemas Label Award“ als bester europäischer Film. Ihr zweiter Spielfilm „A Tale of Love and Desire“ schloss im Jahr 2021 die renommierte Reihe „Semaine de la Critique“ im Rahmen der 74. Festspiele von Cannes ab. Mit „Mit leiser Stimme“ führt sie ihren erzählerischen Weg konsequent fort und widmet sich erneut den feinen Nuancen zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlichen Fesseln.


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