Neue Klangwelten zwischen Exotica, Dub und Vorstadt-Protest
Seit ihrer Gründung Ende der 1990er-Jahre haben Clinic kaum Interesse daran gezeigt, auf eingefahrenen Bahnen weiterzumachen oder sich auf früheren Erfolgen auszuruhen. Statt den Sound bekannter Vorgängerwerke wie „Internal Wrangler“, „Visitations“ oder „Free Reign“ lediglich zu reproduzieren, schlägt das Duo auf „Wild in the Streets“ erneut eine neue Richtung ein. Musikalisch führt die Haltung von Blackburn und Hartley diesmal zu einer intensiven Beschäftigung mit ganz unterschiedlichen Genres und Einflüssen: Elemente aus Exotica und Dub-Reggae treffen auf Einflüsse der Post-Punk-Pioniere Cabaret Voltaire und den rohen Geist des frühen Rock ’n’ Roll.Für das Klangfundament greifen die beiden Musiker tief in die meisterhaft vollgepackte Werkzeugkiste. Bunte Percussion, exotische Keyboards, prägnante Gitarren, ungewöhnliche Panflöten und klapprige Rhythmen bilden das musikalische Gerüst der Produktion. Viele der zwölf Titel bleiben dabei bewusst unter der Marke von drei Minuten Spieldauer. Diese stilistische Entscheidung verleiht dem Album eine spürbare Dringlichkeit und eine erfrischend ungeduldige Dynamik, die keine Längen duldet.
Inhaltlich zeigt sich das Duo gewohnt unberechenbar und vielschichtig. Während der Titelsong „Wild in the Streets“ auf eine wilde Jugendzeit in den Vorstädten zurückblickt, greift „Back to Nature“ das Thema Protest und gesellschaftlichen Aufbegehrens auf. In „Model Citizen“ wiederum erzählen Clinic von Täuschungsmanövern, politischen Leerformeln und leblosen Pappfiguren in Schaufenstern. Ade Blackburn ordnet diesen Titel als eine vielschichtige Charakterstudie im Geiste der Kinks ein.
Als ersten Vorgeschmack auf das kommende Album ist ab sofort die Single „You and I“ verfügbar, die von einem eigenen Visualizer begleitet wird. Der Song erweist sich dabei als augenzwinkernde Abrechnung mit der eigenen Branche. Sänger Jonathan Hartley stimmt darin die Zeile
Es gibt kein Geschäft wie das Showgeschäft, wie kein Geschäft, das ich kenne
Knapp drei Jahrzehnte nach der Bandgründung macht das neue Material deutlich, dass die kreative Verbindung zwischen Ade Blackburn und Jonathan Hartley weiterhin intakt ist. „Wild in the Streets“ führt die Karriere einer Formation konsequent fort, die ihren festen Platz seit jeher lieber am eigensinnigen Rand als in der angepassten Mitte der Musikwelt sucht.


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