Ohne den Begriff des Intervalls lässt sich weder die Struktur von Tonleitern noch der Aufbau von Akkorden adäquat beschreiben. Die Erforschung und Klassifikation von Tonabständen reicht von den physikalischen Grundlagen der Akustik über die historische Harmonielehre bis hin zur modernen Musikproduktion. Daher gehört das Intervall zu den zentralen Grundbegriffen der Musikwissenschaft und der praktischen Musikerziehung.
Einteilung und Systematik der Intervalle
Die Benennung der Intervalle erfolgt traditionell nach lateinischen Zahlwörtern, welche die Anzahl der Tonleiterstufen angeben, die vom tiefsten bis zum höchsten Ton eingeschlossen werden. Das kleinste Intervall ist die Prime, bei der zwei identische Töne zusammengespielt werden. Es folgen Sekunde, Terz, Quarte, Quinte, Sexte, Septime und die Oktave, welche das Intervall zwischen acht Tonstufen beschreibt. Über die Oktave hinausgehend existieren weitere Abstände wie die Nonne, Dezime oder Undezime, die als erweiterte Intervalle bezeichnet werden.Innerhalb dieser Grundbezeichnungen unterscheidet die Musiktheorie zwischen verschiedenen Feinbestimmungen. Intervalle können rein, groß, klein, übermäßig oder vermindert sein. Die Prime, Quarte, Quinte und Oktave gelten als reine Intervalle. Bei Sekunde, Terz, Sexte und Septime wird hingegen zwischen einer kleinen und einer großen Variante unterschieden. Wird ein reines oder großes Intervall um einen Halbtonschritt erweitert, entsteht ein übermäßiges Intervall, während die Verringerung um einen Halbtonschritt zu einem verminderten Intervall führt.
Ein weiteres wichtiges Unterscheidungskriterium ist die Ausführungsart. Werden zwei Töne nacheinander gespielt, spricht man von einem melodischen beziehungsweise sukzessiven Intervall. Erklingen beide Töne exakt gleichzeitig, liegt ein harmonisches oder simultanes Intervall vor. Diese Unterscheidung ist besonders für die Stimmführung und die Kontrapunktlehre von entscheidender Bedeutung, da sukzessive Töne eine melodische Bewegung erzeugen, während simultane Töne eine Klangverbindung im Raum herstellen.
Klangwirkung, Harmonielehre und historische Bedeutung
Die subjektive Wahrnehmung sowie die physikalische Beschaffenheit von Intervallen führen zur Einteilung in Konsonanzen und Dissonanzen. Konsonante Intervalle werden vom menschlichen Gehör als wohlklingend, stabil und ruhend empfunden. Dazu zählen die vollkommenen Konsonanzen wie Oktave, Quinte und Quarte sowie die unvollkommenen Konsonanzen wie Terz und Sexte. Dissonante Intervalle hingegen, darunter die Sekunde, die Septime sowie der Tritone, erzeugen eine klangliche Spannung, die nach einer Auflösung in eine Konsonanz verlangt. Das Wechselspiel zwischen Spannung und Entspannung bildet den Motor der abendländischen Harmonielehre.In der Kompositionspraxis dienen Intervalle als Schablone für den Akkordaufbau. Ein klassischer Dreiklang besteht beispielsweise aus der Schichtung von zwei Terzen über einem Grundton. Je nachdem, ob zuerst eine große und dann eine kleine Terz geschichtet wird oder umgekehrt, entsteht ein Dur- oder ein Moll-Akkord. Somit prägt die spezifische Intervallstruktur nicht nur einzelne Wendungen, sondern legt den gesamten tonalen Charakter eines Musikstücks fest. Auch in der Atonalität und der Zwölftonmusik spielen Intervalle eine Schlüsselrolle, da hier klassische Hierarchien aufgehoben, die spezifischen Abstände zwischen den Tönen jedoch als prägendes Strukturmerkmal beibehalten werden.
Die Auffassung darüber, welche Intervalle als wohlklingend gelten, hat sich im Laufe der Musikgeschichte stark gewandelt. In der Antike und im frühen Mittelalter basierte das Musiksystem weitgehend auf pythagoreischen Zahlenverhältnissen, bei denen ausschließlich Prime, Oktave, Quinte und Quarte als rein und harmonisch akzeptiert wurden. Die Terz galt lange Zeit als dissonant und setzte sich erst in der Renaissance als vollwertiges Konsonanzintervall durch. Mit der Entwicklung der gleichstufig temperierten Stimmung im Barock wurde es schließlich möglich, sämtliche Intervalle in allen Tonarten gleichmäßig nutzbar zu machen, was den Weg für die komplexe Harmonik der Klassik und Romantik ebnete.


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