Foto: Dorothea Bausinger. Mehr zum Thema Transparenz.
Wenn du dich für die deutsche Musikgeschichte der frühen Achtzigerjahre interessierst, kennst du sicherlich die großen Namen der Neuen Deutschen Welle. Doch abseits des kommerziellen Hypes und der Punk-Metropolen gab es faszinierende Nischenprojekte, die ihren ganz eigenen Weg gingen. Eine dieser Perlen ist die Tübinger Formation Ernst. Ihr einziges, schlicht unbetiteltes Album aus dem Jahr 1982 galt jahrzehntelang als extrem rares Sammlerstück. Nun bekommt dieses besondere Werk eine wohlverdiente Neuauflage: Am 30. Oktober erscheint die Platte über Subway Records erstmals wieder digital sowie auf physischen Tonträgern.
Von der Coverband zum kultigen New-Wave-Geheimtipp Die Entstehungsgeschichte von Ernst ist ungewöhnlich für eine Formation der damaligen Zeit. Die Band um Ulrich Beeg, Dorle Bausinger, Jürgen Obermayer und Waldemar Janicki entsprang weder der typischen Punk-Szene noch war sie ein durchgestyltes Produkt der großen Musikkonzerne. Ursprünglich bildeten die vier Musikerinnen und Musiker eine klassische Coverband, die Songs von Rock- und Popgrößen wie den Rolling Stones, Jimi Hendrix, The Police oder Ideal spielte.
Ein Fernsehauftritt der New Yorker Band Talking Heads veränderte jedoch alles. Die von David Byrne angeführte Gruppe und ihre ganz eigene Interpretation von New Wave faszinierten die Tübinger derart, dass sie ihr Konzept radikal umwarfen. Aus der bisherigen Formation wurde Ernst – eine Band mit dem Anspruch, eine eigenwillige und charmante deutsche Antwort auf den amerikanischen New Wave zu liefern.
So fanden gleich mehrere deutschsprachige Coverversionen berühmter Vorbilder ihren Weg auf das Debütalbum. Allen voran die Interpretation des Talking-Heads-Klassikers „Psychokiller“, bei der Bassistin Dorle Bausinger die prägnanten Zeilen sang und für die sogar ein Kinderchor engagiert wurde. Auch Devos „Mongoloid“ wurde neu interpretiert und entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem heimlichen Club-Hit der Szene. Neben diesen Neuinterpretationen überzeugte das Quartett allerdings auch mit starken Eigenkompositionen. Stücke wie „C2H5OH (Alkohol)“, „Autonome Einheit“ oder das als Hommage an den Arcade-Klassiker gedachte „Telespiel Nr. 23a – Phönix“ zeigten das kreative Potenzial der Band.
Do It Yourself und die späte Anerkennung Da die etablierte Musikindustrie mit der speziellen Mischung der Band wenig anfangen konnte und die Hochphase der NDW langsam abebbte, nahmen Ernst das Heft selbst in die Hand. Ganz im Geiste des DIY-Gedankens produzierten und vertrieben sie ihr Album 1982 in Eigenregie – vergaßen dabei allerdings schmunzelnd, eine Kontaktadresse auf der Hülle abzudrucken. In und um Tübingen feierten Fans die Musik auf Konzerten und in den Clubs, während die Platte im lokalen Plattenladen Rimpo wochenlang die Bestsellerlisten anführte. Dennoch blieb der große überregionale Durchbruch damals aus.
Das ändert sich nun mit dem bevorstehenden Reissue. Am 30. Oktober bringt Subway Records das Album frisch remastert und mit aufwendig restauriertem Artwork zurück. Neben der digitalen Verfügbarkeit erscheint das Album erstmals überhaupt auf CD sowie auf farbigem Vinyl. Die LP-Edition ist weltweit auf lediglich 500 Exemplare limitiert. Beide physischen Formate sind mit Linernotes und einem Textblatt ausgestattet. Einen ersten Vorgeschmack liefert die Single-Auskopplung „Psychokiller“, die bereits auf den gängigen Streaming-Plattformen zu hören ist.
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