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England zitterte sich gegen Argentinien kurz vor dem Ziel ins Verderben. Doch wer die Schuld am dramatischen WM-Aus jetzt komplett beim deutschen Coach sucht, macht es sich viel zu einfach.
Das bittere Drama kurz vor dem Finale Stell dir vor, du stehst mit anderthalb Beinen im Finale der Weltmeisterschaft und plötzlich bricht in den letzten Minuten alles in sich zusammen. Genau dieses emotionale Trümmerfeld haben die englischen Fans und ihre "Three Lions" im Halbfinale gegen Argentinien erlebt. Bis zur 85. Minute sah eigentlich alles nach einem taktischen Geniestreich aus. Nach der verdienten Führung durch Anthony Gordon verteidigte England leidenschaftlich und hielt die Südamerikaner vom eigenen Tor fern. Doch dann folgten die bitteren Minuten, die das ganze Land in Schockstarre versetzten: Enzo Fernández und Lautaro Martínez machten den Traum vom Titel eiskalt zunichte. Was bleibt, ist eine riesige Wutwelle – und die entlädt sich jetzt fast komplett auf Thomas Tuchel. Aber trifft der Zorn hier wirklich den Richtigen?
Taktischer Kniff oder verhängnisvolles Signal? Natürlich lässt sich im Nachhinein leicht darüber streiten, ob Tuchels In-Game-Coaching die richtige Entscheidung war. Mit der Einwechslung von Defensivkräften wie Ezri Konsa und später Dan Burn wollte er sichtlich die Lufthoheit sichern und den wütenden Sturmlauf der Argentinier im Keim ersticken. Dass dafür Offensiv-Stars wie Bukayo Saka oder Ollie Watkins komplett auf der Bank versauerten, schmeckt den englischen Medien natürlich überhaupt nicht.
Die kritischen Punkte der Schlussphase im Überblick:
Die Auswechslung des Torschützen Anthony Gordon in der 72. Minute nahm spürbar den offensiven Entlastungsdruck von der argentinischen Abwehr.
Die extrem späte Einwechslung von Marcus Rashford erst in der sechsten Minute der Nachspielzeit wirkte eher wie ein verzweifelter Akt der Hilflosigkeit.
Die defensive Fünferkette drängte das gesamte englische Team viel zu tief in den eigenen Strafraum zurück.
Doch zur Wahrheit gehört auch: Bis zur 85. Minute ging Tuchels Defensivplan voll auf. Es war am Ende nicht die taktische Grundordnung, die versagte, sondern das kollektive Verhalten der Mannschaft auf dem Platz.
Ein böses Déjà-vu: Die Geister von Madrid holen Tuchel ein Erinnerst du dich noch an den 8. Mai 2024? Damals stand Thomas Tuchel mit dem FC Bayern München im Halbfinale der Champions League gegen Real Madrid. Die Parallelen zum gestrigen WM-Drama der Engländer sind geradezu unheimlich und zeigen, dass sich die Fußballgeschichte manchmal eben doch wiederholt. Auch damals führte Tuchels Team im Rückspiel bis kurz vor Schluss mit 1:0 durch ein Tor von Alphonso Davies. Und genau wie gestern gegen Argentinien reagierte Tuchel mit extrem defensiven Wechseln, um den kostbaren Vorsprung über die Zeit zu retten: Er brachte den Verteidiger Kim Min-jae für Leroy Sané und nahm wenig später sogar seine Schlüsselspieler Jamal Musiala und Harry Kane vom Platz.
Die Parallelen im direkten Vergleich:
In beiden Spielen führte Tuchels Mannschaft mit 1:0 und stand kurz vor dem ganz großen Finaleinzug.
Sowohl im Bernabéu als auch gestern läuteten defensive Wechsel des Trainers die dramatische Schlussphase ein.
Beide Male drehte der Gegner das Spiel in den allerletzten Atemzügen komplett um (Joselu 2024 traf in der 88. und 90. Minute, Argentinien gestern in der 85. und 90.+2 Minute).
Damals wie heute hagelte es im Anschluss heftigste Kritik für seine defensiven Entscheidungen. Während er sich beim FC Bayern jedoch mit verletzungsbedingten Ausfällen und muskulären Problemen seiner Stars wie Kane oder Musiala rechtfertigen musste, war es gestern die pure, kollektive Passivität der Engländer, die den K.o. herbeiführte. Für Tuchel ist es ein verdammt bitteres Déjà-vu auf der ganz großen Weltbühne.
Wenn den Stars auf dem Platz die Nerven versagen Es ist ein altbekannter Reflex im Profifußball: Wenn ein großes Team scheitert, muss der Trainer als Sündenbock herhalten. Doch das greift hier viel zu kurz. Sobald die Argentinier nach dem Gegentreffer wütend anrannten, zeigten die englischen Stars genau das, was ihnen schon in der Vergangenheit oft im Weg stand: eine mangelnde mentale Resilienz. Anstatt den Ball mutig in den eigenen Reihen zu halten, verfiel das Team in eine passive Schockstarre. Wenn selbst Kapitän Harry Kane nach dem Abpfiff zugibt, dass man keinen Druck mehr gegen den Ball aufgebaut und nicht nach vorne verteidigt hat, liegt das Problem tiefer als bei den reinen Wechseln. Die Mannschaft hat auf dem Platz schlicht die Nerven verloren und sich erdrücken lassen. Den ausgepowerten Three Lions fehlte in der Crunchtime die nötige Cleverness und Kraft, um der Wucht des Gegners standzuhalten.
Kopf hoch und nach vorne blicken Thomas Tuchel hat nach dem Abpfiff sofort die volle Verantwortung für das Ausscheiden übernommen und sich vor seine Spieler gestellt. Das zeigt Charakter. Dennoch wird der mediale Druck auf ihn in den kommenden Wochen gigantisch sein, denn ein deutscher Coach auf der englischen Bank bietet im Misserfolgsfall immer die perfekte Angriffsfläche. Wenn sich die Gemüter jedoch erst einmal abgekühlt haben, wird man anerkennen müssen, dass Tuchel diese Mannschaft unglaublich nah an den ganz großen Wurf herangeführt hat. Die eigentliche Baustelle liegt nicht auf seiner Taktiktafel, sondern im mentalen Bereich der Spieler, wenn es in den absoluten Schlüsselmomenten um alles geht.
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