Review: Open Country

677 0 2 19. Juni 2021
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Survival-Games gibt es schon so einige und dasselbe wird man wohl auch von Jagd-Spielen sagen können. “Open Country” aus dem Hause 505games positioniert sich nun als Survival-Jagd-Erkundungs-Mix, ist für Steam, PS4 und Xbox One erschienen und versucht die Brücke zwischen den Genres zu schlagen. Und wir haben uns aufgemacht herauszufinden, ob es sich denn lohnt die Business-Halbschuhe gegen Outdoor-Stiefel einzutauschen.

Open Country

Genau mit dieser Hintergrundgeschichte beginnt “Open Country”: Mein virtuelles Alter Ego hat nämlich die Schnauze voll vom tristen Büroalltag und sieht auch für die Zukunft keinen Sinn darin weiterhin seinen Lebensunterhalt an einem Schreibtisch zu verdienen. Einfach alles niederreißen und stattdessen ein neues Leben beginnen, unter dem Sternenhimmel, am Busen der Natur, nichts als frische Luft, ein Jagdgewehr und ein knisterndes, wärmendes Lagerfeuer. Dies ist sozusagen die Rahmenhandlung aus der heraus das Spiel Fahrt aufnimmt und so brechen wir einem alten Camping-Bus auf, um irgendwo im Nirgendwo ein neues Leben anzufangen. Wir landen dabei an einer Raststätte und der dortige Barmann bietet uns Verpflegung und Unterkunft an, wenn wir ein paar kleine Aufträge für ihn erfüllen könnten.

Und schon stecken wir mittendrin im Abenteuer, denn während wir zunächst die Grundzüge der Bedienung kennenlernen, während wir erste Boten-Jobs erledigen, lernen wir nun auch den Ranger und weitere Personen in der Gegend kennen, die plötzlich allesamt total froh sind, dass wir da sind, um ein paar Hasen zu erlegen, einen Wapiti auszuspüren oder ähnlich gelagerte Jagd-Aufgaben durchzuführen. Das Prinzip ist dabei stets dasselbe: Wir sprechen mit dem Auftraggeber, anfänglich ist die Bar ein guter Startpunkt, später bekommen wir vom Ranger auch Aufträge über das Walkie-Talkie. Anschließend begeben wir uns via Schnellreise zum Zielgebiet, dort erfüllen wir die Mission und kommen dann zurück, um unsere wohlverdiente Belohnung abzuholen. Durch das Abschließen von Quests erhalten wir Geld und Erfahrungspunkte, mit denen wir unsere Überlebens- und Jagdfähigkeiten verbessern können. Manche Missionen werden sich dabei nicht an einem Tag erledigen lassen, so dass wir recht bald verstanden haben sollten, wie man ein Camp errichtet und ein Lagerfeuer entzündet…

Survival im Walde

Das Crafting-System von “Open Country” ist dabei relativ schnell zu durchschauen und ähnelt Genrevertretern wie “The Forest” oder “Stranded Deep”. Für ein Camp braucht man ein paar Stöckchen, einen Baumstamm und ein funktionierendes Messer als Werkzeug. Kaum hergestellt lässt es sich dann auch schnell platzieren und wie von Zauberhand hat man ein Dach über dem Kopf. Diese Grundbauten lassen sich dann auch noch upgraden, um weitere Funktionen hinzuzufügen. Beispielsweise ist das Lagerfeuer in der ersten Ausbaustufe gerade gut genug, um sich zu wärmen und ein bisschen Nahrung zu grillen. In der zweiten Ausbaustufe lässt sich damit auch Wasser abkochen, was zu einem wichtigen Element des Spiels wird.

Denn “Open Country” legt einen gewissen Wert auf ein realistisches Spielgefühl – aber um es gleich zu sagen: Das ist auch der Knackpunkt, an dem das Spiel kolossal scheitert. Beispielsweise ist das Spiel so realistisch, dass man das Wasser nicht aus stehenden Gewässern trinken sollte. Jeder, der schonmal eines der Abenteuer mit Bear Grylls gesehen hat, der weiß: Ganz dumme Idee. So auch in “Open Country”, denn in stehenden Gewässern finden sich Parasiten und ist man einmal von Parasiten befallen, wird das Spiel zu einem echten Überlebenskampf. Die Grundidee ist dabei löblich: Du trinkst schlechtes Wasser, also bekommst du Parasiten, also kannst du Essen nicht lange bei dei behalten, also musst du dauernd nach neuem Essen suchen. Beeren und Pilze bieten sich da an, also suchst du danach. Beeren können deinen Hunger aber nur bedingt stillen und Pilze sind nahrhafter, wenn mann sie vor dem Verzehr grillt. Aber erstaunlicherweise findet man in den Wäldern von “Open Country” nur wenig Pilze. Und kurze Zeit später bist du tot…

Kein Witz. Game Over. Du kannst natürlich wieder einen Speicherstand laden, aber falls du vergessen haben solltest zu speichern oder zu einem ungünstigen Zeitpunkt gespeichert hast, kann es gut sein, dass du die Story nicht fortsetzen kannst. Es kann dir also durchaus passieren, dass du das Spiel neu starten musst. Leider gibt es auch “nur” fünf Speicherslots – gerade so als wäre Festplattenspeicher heute noch ein limitierender Faktor. Apropos “limitierende Faktoren”: Wer denkt es könne nicht schlimmer kommen: Die Wahrscheinlichkeit, dass du dir Parasiten einfängst mag überschaubar sein, wenn man den Fehler einmal gemacht hat, aber es kommen auch Zerrungen, Knochenbrüche und vieles weitere hinzu, was deinen Elan im Wald durchaus limitieren kann. Zwar gibt es für jedes Weh-Weh-chen auch ein Heilmittelchen, aber du merkst schon: Wenn es blöd läuft, wird es schnell zum Kampf um Leben und Tod. Da braucht es die Wölfe und Bergtiger nicht mal unbedingt, auf die wirst du aber auch schneller treffen, als dir lieb ist.

Realismus? Pfff.

Man könnte nun sagen: Hey, im Wald zu überleben ist halt kein Ponyhof. Stimmt, ohne Zweifel. Darauf kontere ich aber dann: Dafür finde selbst ich, der ich zweimal im Jahr 10 Minuten in einem realen Wald spazieren gehe, mehr Stöckchen als in 5 Stunden “Open Country”. Hier schiesst sich das Spiel leider endgültig ins Aus. Für viele Crafting-Rezepte des Spiels braucht man Ressourcen, die man in einem realen Wald alle zwei Meter findet. Stöcke, Steine, Laub. Im Spiel darf man danach sehr angestrengt suchen. Bemerkenswert vor allem ist der Umstand, dass man zwar mit einer Axt ausgestattet ist, aber aus einem Stamm keine Stöcke schlagen kann. Selbst wenn man sie genau vor sich sieht: Keine Chance. Der Rezensent ist einmal auf der Suche nach Stickies gestorben, weil er zwar Pilze im Rucksack hatte, aber keine Stöckchen. Das ist – bei aller Liebe zum Realismus – unfassbar unmotivierend. Denn zu diesem Zeitpunkt kämpfte ich bereits gegen die Parasiten, hatte einen verstauchten Knöchel und war gerade einem Wolf entkommen. Gestorben bin ich dann an Stöckchen-Mangel-Erscheinungen.

Anders gesagt: Es gibt eine Lernkurve und die ist auch vergleichsweise steil, aber es gibt auch Frustrationsmomente. Und auch anhand der Kommentare zu unserem Lets Play merken wir, dass es unserer Community auf Youtube auch so geht. Man muss quasi erst alle Fehler machen – dann erst hat man eine Chance. Unsere ehrliche Meinung: Hat man alle Fehler einmal gemacht, hat man das Spiel weggelegt. Der Frustfaktor ist einfach zu hoch. Zudem: Die gesamte sonstige Handlung, also beispielsweise die Jagd oder die Erkundung, wird bei so viel Überlebenskampf einfach in den Hintergrund gedrängt. “Open Country” ist einfach kein entspannter Roadtrip in den Wald, bei dem man die digital-frische Waldluft atmen und etwas ausspannen kann.

Grafik, Sound und Steuerung

Man könnte dies alles vergessen machen, wenn nun beispielsweise die Optik bahnbrechend wäre. Der Konjunktiv verrät es bereits: Die Optik ist nicht bahnbrechend. Tatsächlich ist “Open Country” grafisch nicht schlecht gelungen, aber eben auch ein gutes Stück von der Spitze entfernt. Das ist noch Luft nach oben, sowohl bei den Animationen der Tiere, wie auch der Umgebung als solcher. Dennoch kann das Spiel die Atmosphäre des Waldes schon ganz ordentlich einfangen, beispielsweise wenn ein Fluß seine Schneise durch den Wald geschlagen hat und wir am Ufer unsere Feldflasche auffüllen. Ärgerlich dann, wie wir uns am Boden liegenden Baumstamm hinter uns dann festbuggen.

Die Soundeffekte sind ganz ordentlich, aber nun eben auch nicht überragend, dasselbe gilt auch für die Steuerung. “Open Country” verfängt sich trotz seiner Einmaligkeit, was den Survival-Jagd-Mix angeht, dann technisch noch im gehobenen Mittelfeld, ohne nennenswerte Akzente bei der technischen Umsetzung liefern zu können.

Fazit

"Open Country" hatte umfassbar viel Potential. Unglücklicherweise hat "Open Country" einige großartige Ideen, aber es mangelt stark an Feinschliff und Ausführung. Die Art und Weise wie man von Seiten der Entwickler einen Survival-Jagd-Erkundungs-Mix angegangen ist, verdient unsere volle Anerkennung, denn hier hat man sich viele gute Gedanken gemacht und ein paar clevere Ideen entwickelt. Leider stellt sich das Spiel am Ende selbst ein Bein. Beim Versuch viele Dinge realistisch abzubilden, ist ein Spiel herausgekommen, das vor Frustrationsmomenten nur so strotzt. Leider gerät vor lauter Überlebenskampf die Jagd und die Erkundung total in den Hintergrund. Die Anhäufung an Verletzungen macht auch motivierte Hobby-Ranger mürbe, das Fehlen von wichtigen und an sich für einen Wald selbstverständlichen Ressourcen wie Stöckchen macht einen wiederum rasend. "Open Country" ist eines jener Spiele, das man weggelegt hat, sobald man es verstanden hat. Bis dahin hat man alle Fehler einmal gemacht und schlicht die Lust verloren.
Grafik
68%
Sound
70%
Gameplay
47%
Steuerung
69%

Gesamtwertung

61%

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