Spieletest: Hatoful Boyfriend (PC)

2931 0 0 20. Februar 2015
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Übersicht
Wie könnte man das Spiel „Hatoful Boyfriend“ (PC) wohl gebührend ansagen. Vielleicht sollte man damit beginnen, um es schonend für diejenigen zu machen, die das Spiel tatsächlich noch nicht kennen, indem man den Titel und die Vorgeschichte erklärt. „Hatoful boyfriend“ (Spiel) ist ein aus Japan stammendes, Anime Dating Spiel für den PC, welches ursprünglich aber für mehrere Plattformen konzipiert war. Eigentlich ausschließlich für den speziellen japanischen Markt entwickelt, reiht es sich, grundsätzlich gesehen, in die Riege der Text-Basierten Dating Games ein. Es geht also darum, fiktive Charaktere in einer mehr oder minder realen Umgebung durch Auswahl von Aktionen für sich zu gewinnen. Man sammelt Charisma- oder Sympathie Punkte, um dann irgendwann den Angebeteten/ die Angebetete für sich zu gewinnen. Bei FSK18 Spielen geht es dann gerne auch mehr zur Sache, in der Regel bleibt es aber beim harmlosen Händchen halten. Solche Games gibt es in Japan wie Sand am Meer mit unterschiedlichen Settings, Charakteren und Variationen, doch das Grundprinzip bleibt immer gleich. Ebenso gleich bleibt der nicht vorhandene Erfolg außerhalb des japanischen Marktes. Außer bei absoluten Fans des Genres oder des Anime Kultes schaffte kaum eine der unzähligen Dating Games den Sprung in eine erfolgreiche, übersetzte Version für den westlichen Markt. „Hatoful boyfriend“ (Spiel) ist hier eine Ausnahme… aus sehr speziellen Gründen…

Die japanische Silbensprache
Der Titel „Hatoful Boyfriend“ (Spiel) ist ein Wortwitz, der leider nur bei Kennern der japanischen Sprache funktioniert. Auf den ersten Blick sieht „hatoful“ aus wie ein japanischer Begriff, doch eigentlich ist es Englisch, der aus der Unvollkommenheit der japanischen Sprache heraus so asiatisch klingt. Im Japanischen gibt es keine freien Konsonanten, daher muss immer wenn ein „k“, „f“ oder „l“ oder ähnliches gesprochen wird, zur Überbrückung ein Vokal dazu gezogen werden. Aus einem „k“ wird zum Beispiel „ka“ oder aus einem „l“ ein „lu“ (gesprichen „ru“). Mit ein bisschen Grübeln kriegt man das eigentlich Englische Wort „hatoful“ auch entziffert. Ein kleiner Tipp: im Japanischen wird es „hatofuru“ gesprochen.
Na? Also?
Hier die Lösung: „hatofuru – hato furu – heart full.“ Also der eigentliche Titel des Spiels lautet „heartful boyfriend“. Ergibt keinen Sinn? Nun gut: Ja, das Wort „heartful“ gibt es im Englischen so nicht, aber hey: Wir Deutschen nehmen auch gerne englisch klingende Begriffe, die aber so nicht in der original Sprache vorkommen. Man denke nur an „handy“.
Wo der Witz liegt?
Das Japanische hat sich also aus dem Englischen ein Wort gebastelt, welches sie gerne als „Heartful“, also „herzlich, liebevoll, fürsorglich“ in der Bedeutung hätten. Gleichzeitig hat das Japanische aber bereits ein Originalwort für „Hato“, nämlich „Taube“. Der Wortwitz ergibt sich aus der Wechselseitigen Bedeutung: Ein „hatoful boyfriend“ kann also entweder ein „herzlicher, liebevoller, fürsorglicher“ fester Freund sein, oder aber eben ein „taubischer“ oder ein „taubiger“ Freund. Na? Na?! Ein Brüller!!

Nun gut…der japanische Humor ist da sehr speziell.

Also was jetzt?
„Aha“, werdet ihr denken. „Also ein japanisches Dating Spiel mit einem mageren Wortwitz als Titel. So what? Dann ist eben gemeint, dass manche feste Freunde wirklich herzlich, liebevoll und so sind und manche eben so dumpf und doof wie eine Taube.“
Nein. Darum geht es nicht. Es ist viel, viel, viel simpler: Alle potentiellen „Boyfriends“ in dem Spiel und alle Charaktere sind Tauben. Also die Vögel. Die „gurr“ „gurr“ und auf Denkmäler machen. Und ihr, als einziger Mensch auf einer Elite Universität von und für Tauben dürft euch dort quasi aus den Hengsten der Lüfte einen aussuchen und ihn umgarnen, damit er vielleicht irgendwann neben euch auf dem Traualtar steht und aus Reflex heraus den geworfenen Reis frisst.
Lasst es kurz sacken… gleich geht’s weiter.

Everybirdie
Nachdem man den ersten Schock verdaut und sich damit abgefunden hat, dass man versucht Sodomitische Gedanken mit Tauben anzustreben, muss man sich mit der Eigenart des Genres „dating game“ anfreunden. Denn klassisch hat so ein Spiel weder eine Spielwelt, noch Figuren oder bewegliche Pixel in irgendeiner Weise. Im Grunde ist es ein animiertes Buch, welches man sich zu Gemüt führt. Es gibt Charaktere mit jeweiligen Hintergrundgeschichten, einen Handlungsrahmen und gelegentlich müsst ihr euch in Multiple Choice Manier entscheiden, ob ihr zu Mathe, Sport oder Musik geht, um dort entweder euren Körper zu stählen, euer Charisma auszubauen oder eure Intelligenz zu steigern. Wie im echten Leben also. Ein gewisser Wert in einem der drei Parametern eröffnet euch neue Interaktionsmöglichkeiten mit bestimmten Typen. Wer sich besonders Sportlich macht wird beliebt bei den Jungs aus dem Sport Klub, wer intelligent ist wird sich mit dem schüchternen Außenseiter in der Bibliothek anfreunden können und so weiter. Wer hierbei große Überraschungen oder Kopfzwirbler erwartet der sei enttäuscht, es ist wirklich alles sehr linear und vorhersehbar. Aber mit Tauben. Gurr…Gurr…

Warum?!
Warum also macht sich eine Firma die Mühe so ein Spiel zu übersetzen, es auf einer Plattform wie Steam anzubieten und sogar noch Geld dafür zu verlangen? Wie kann es sein, dass gerade dieses Spiel unter all den Dating Spielen den Sprung in die Englische Sprache macht? Warum ist es unter Kennern so ein Geheimtipp?
Die Antwort: weil es glorreich ist!
Das Spiel weiß, wie Sinn und spaßlos solche Dating Games sind und gerade deshalb ist es eine Parodie von sich selbst. Es nimmt sich selbst absolut nicht ernst und zieht viele Genre Kollegen durch den Kakao, indem es die Austauschbarkeit jedes einzelnen dieser Spiele veranschaulicht. Unter den Unmengen solcher Games, die aber alle verlautbaren sie seien anders schreit „Hatoful boyfriend“ (Spiel) : „Hallo! Ihr könntet sogar Tauben daten und es wäre genau das gleiche!“.
Das Spiel zieht das Konzept mit den Tauben so konsequent und bieder ernst durch, dass man als Spieler nicht weiß ob es Ironie, Sarkasmus, Zynismus oder was auch immer ist, was man gerade da vor sich sieht. Da erscheint eine rassige Taube mit weißem Federkleid als Foto und daneben die „menschliche Projektion“ dazu, als ein schmieriger Schönling und er sagt „ich bin Franzose!“ – glorreich! Oder das Spiel tanzt um die Skurrilität im Stile eines Theaterstücks: da es keine bewegten Bilder gibt, geschieht die meisten Aktion durch Beschreibungen von Zuschauern. Das diese Beschreibungen gar keinen Sinn ergeben und völlig absurd wären, wären sie echt krönt die Situation zum skurrilukum skurillis und den skurilika: „Die Zwei springen ins Wasser und schwimmen um die Wette. Mein Gott, wer hätte gedacht, dass ihr fürs Fliegen konstruierter Körper im Wasser so schnell und elegant sein kann. Mit ihren Flügen zischen sie durch das Nass und es entsteht ein Schnabel an Schnabel rennen.“
Stellt euch bitte genau diese Situation in einem Schwimmbad vor. Herrlich!

Technische Aspekte
Nun…ja…keine bewegten Bilder, keine Animationen, keine Figuren, keine Maps, keine Grafik, kein Hintergrund…hm…was soll man da also viel dazu beurteilen?
Der Soundtrack ist genauso skurril, wie die Geschichte und die Zeichnungen im typischen Anime Stil. Man muss sich eben darauf einlassen…
Fazit
„Hatoful boyfriend“ (Spiel) ist vollgepackt mit Szenen, die absurd, skuril und genau dadurch unglaublich unterhaltsam sind. Das Spiel reitet auf der Sarkastischen Wildsau, oder sollte man sagen Taube herum und zieht sich selbst, das Genre, die Anime stereotypen und im Grunde fast den Großteil der japanischen Jugendkultur durch den Kakao. Es symbolisiert die Austauschbarkeit jedes einzelnen und untermalt die Retorten Produktion von Charakteren in Animes, Filmen, Serien und Games. Es gibt den „Klugen“ den „Sportler“ den „Beliebten“ und so weiter. Mit viel trockenem Humor, der sich wohl nur mit einem guten Glas Scotch richtig genießen lässt, schießt „hatoful boyfriend“ (Spiel) nur so um sich mit Situationskomik und Futter für das Kopfkino. Wer natürlich keinen entsprechenden Humor hat, oder wem die Phantasie nach jahrelangem Ego-Shooter Geballere flöten gegangen ist, der wird das Spiel unglaublich langweilig finden. Denn es passiert faktisch nichts und auch als Spieler kann man an sich kaum etwas machen, außer lesen und sich die Situationen vorstellen.
Die einen werden es als „bestes Spiel in der Geschichte der Spiele über Tauben“ ansehen, die anderen als „größter Blödsinn auf Steam. Die sollen mal lieber den 123. Teil von Call of Medal Heros Blast Nuke Kill Fraktion raus bringen.“

In diesem Sinne „gurr gurr gurr“.

Fazit

Ein Spaß für everybirdie mit Vorstellungskraft und Sinn für skurrilen Humor!
Grafik
20%
Sound
67%
Gameplay
20%
Steuerung
20%

Gesamtwertung

57%

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