Fallout: New Vegas (PC)

2192 0 1 29. November 2010
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Titel:Fallout: New Vegas
EAN:0093155125117
System:Windows 7
USK:Freigegeben ab 18 Jahren
Label:NAMCO BANDAI Partners Germany GmbH
Release:2010-10-22

Der Glanz und Glamour von Las Vegas und eine kaputte Gesellschaft in der Atom-Wüste. Wie passt das bitte zusammen? Gerade dieser Widerspruch ist aber geradezu ideal für das postapokalytisches Rollenspiel, das vor Satire nur so tropft. Der Nachfolger von Fallout 3 hätte in keiner besseren Kulisse stattfinden können: Der geradezu radioaktive Glanz großer Kasinos, die trotz bröckelnder Fassade mit Lichterketten überzogen sind und vor Besuchern strotzen, werden liebevoll in Szene gesetzt. Doch bevor diese bewundert werden können, tourt man in Fallout: New Vegas erst einmal durch die atomar zerstörte Mojave-Wüste, stößt auf mehrere Fraktionen, Siedlungen, überdimensionale Insekten und unendliche Straßen eines trostlosen Ödlandes. “Ain’t that a kick in the head” – getreu der Ironie trällert wie auch im Vorgänger das spielinterne Radio Sinatra-ähnliche 50er Jahre Musik, während man Banditen, Guhls und Monster mit der rostigen Schrotflinte erlegt.

Die neue Postapokalypse in Sin City

Fallout 3 war die langezogene Suche nach Papi und man schlüpfte dafür extra aus der jahrzehntelangen Sicherheit eines Atomschutzbunkers. Die Geschichte von New Vegas fängt aber direkt mit dem eigenen Tod an, dem man jedoch knapp entrinnt. Eine Amnesie wird statt einer Geburt als Anlass zur Charaktererstellung hergenommen und dient als Motiv, der letzten Erinnerung an den eigenen Mörder auf den Grund zu gehen. Der rote Faden der Handlung ist mit reichlich Nebenmissionen gespickt, deren Sinn und Zusammenhang zur eigentlichen Story aber nicht immer erkennbar ist. Das Questen verkommt streckenweise zum stumpfen Abklappern wie bei einem Online-Rollenspiel mit drei Buchstaben. Trotzdem verläuft das Leben in der Mojave-Wüste alles andere als linear. Viele Quests sind auf mehreren Wegen lösbar und fordern den Spieler auf, sich zu überlegen, wie der Ruf seines Charakter aussehen soll. Man könnte auch das ganze Spiel als Ego-Shooter spielen oder genauso beinahe ganz auf Waffen verzichten, um die ganze Geschichte  mit einem der vier Endszenarien durch zu spielen. Dabei hat man nur ca. knapp die Hälfte aller Orte auf der Karte besucht, wenn die Reise nicht jenseits von Quests verläuft. Ebenso ist für die Abschaffung langer Entdeckungsmärsche zu danken, denn zu den meisten Reisepunkten der äußeren Regionen führen die Quests ohnehin vorbei und die Karte ist sinnvoll kleinerer als die von Washington in Fallout 3. Auch wenn einige unsichtbare Hügelketten das Wandervergnügen zu einer lästigen Rundreise verkommen lassen.

Feinstes Feilen am Charaktersystem

Die eindimensionale Charakterentwicklung vom eindimensionalen gut bis böse wurde sinnvoll erweitert, indem man sich während des Spieles zwischen verschiedenen Fraktionen entscheiden darf, und man fast schon wie im echten Leben zwischen dem einen und anderen Übel abwägen muss. Auch die Beschwerde über den viel zu einfachen Spielverlauf wurde erhört. Erfahrene Spieler können das Spiel nun im Hardcore-Modus bestreiten, der das Überleben in der Wüste anspruchsvoller gestaltet. Man verspürt Bedürfnisse wie Schlaf, Hunger und Durst, verletzte Körperteile können nur mit einem Arzt oder Arzttasche geheilt werden und Stimpacks heilen nicht mehr sofort, sondern nur über einen gewissen Zeitraum. Das neue Talent “Überleben” macht leider nur dann Sinn und ist im “normalen” Modus ganz und gar vernachlässigbar. Trotzdem ist das Charaktersystem eines der besten, das ein Rollenspiel gesehen hat. Der Hardcore-Modus macht das Spiel nicht nur einfach schwerer, sondern auch realistischer und ist somit ein echter Gewinn für Rollenspieler.

Im Osten wie im Westen: Gleiches Geballer

Nur das sporadische Feuergefecht ist selbst im Hardcore-Modus immer noch Softcore. Die insgesamt acht Begleiter im Spiel sind recht mächtig und erlegen teilweise Gegner schon bevor man sie zu Gesicht bekommt. Bis zu zwei kräftige Kollegen dürfen mitgenommen werden, die nun auch als Packesel zu gebrauchen sind. Auch integrieren sie sich bestens in die Story, indem sie eigene Questreihen mirbringen. Wie auch im Vorgänger versüßt der V.A.T.S.-Modus die Kämpfe mit Taktik und Tod des Gegners in Zeitlupe. Während Begleiter die Aufmerksamkeit der Gegner auf sich ziehen (auch “tanken” im RPG-neudeutsch genannt), zielt man in aller Ruhe auf kritische Körperteile und genießt die Zeitlupe im Matrix-Stil an.

Lasst den Müll liegen!

Nach wie vor lässt Obsidian das Bauen von Gegenständen in der Sinnfreiheit. Bevor man den ganzen Müll, der gleichzeitig immer Rohstoff ist, aus den Atom-Ruinen trägt, verkauft man lieber die wenigen wertvolleren Sachen. Anschließend kauft bzw. ersammelt man die nützlichen Gegenstände, die für den Trip durch die postatomare Pampa gebraucht werden. Ganz davon abgesehen, dass der wertvollere, schwerere Krempel einen sowieso an chronischer Überladung leiden lässt, ist es schlicht zu umständlich: Viel zu viel Ramsch für viel zu wenig Output zu sammeln.

Zwei Jahre alte Grafik, aber trotzdem noch schön

Im Westen nichts neues: Die Grafik ist mit dem Vorgänger identisch und die Softwareschmiede Obsidian feilte in den zwei Jahren lediglich an die Spielwelt und hat sich Zeit gelassen, um mit den Neuerungen auf die Wünsche der Spieler einzugehen, die mit Mods schon Fallout nach ihren Vorstellungen veränderten. Verbesserte Begleiter, Waffen mit Charme statt Effektivität und unterschiedliche Munitionstypen bringen echte Neuerungen ins Gameplay. Auch wenn andere Spiele längst eine feinere Engine mitbringen, ist die von Fallout 3 noch allemal zeitgemäß.

Fazit

Fallout: New Vegas ist natürlich kein Fallout 4, aber auch etwas mehr als eine einfache Erweiterung zu Fallout 3, die als Download-Content für das Hauptspiel veröffentlicht wurden. Daher werden die Fans des Vorgängers auch nicht von New Vegas enttäuscht sein. Trotzdem ist das Spiel nicht mit Innovationen gespickt. Die Atmosphäre kommt allein mit der detailgetreu gestalteten Umgebung rüber. Geskriptete Ereignisse oder filmische Zwischenszenen, wie sie in anderen Rollenspielen längst vorhanden sind, fehlen auch in New Vegas. Dabei wären diese eine willkommene Abwechslung zur faden Klick-Konversation und so könnte der Flair der schönen, neuen Welt der Postapokalypse besser vermittelt werden. Wirkliche Neuerungen sind ohnehin die Erwartungen an Fallout 4.
Grafik
83%
Sound
87%
Gameplay
93%
Steuerung
91%

Gesamtwertung

89%

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