Wenn aus einer Castingshow plötzlich ein Überlebenskampf wird
Buried Stars stammt von Studio Largo beziehungsweise Line Games und erschien ursprünglich 2020, bevor die PC-Version Ende 2021 folgte. Ausgangspunkt ist das Finale einer Live-Castingshow. Eigentlich sollen die verbliebenen Teilnehmer um den Sieg kämpfen, doch dann stürzt das Gebäude ein. Einige Kandidaten und Mitarbeiter überleben und sitzen anschließend unter den Trümmern fest.Damit wäre bereits genügend Stoff für ein Survival-Drama vorhanden. Doch Buried Stars legt ziemlich schnell nach. Innerhalb der eingeschlossenen Gruppe kommt es zu einem Mord. Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, auf die Rettung zu warten. Einer der Menschen, mit denen Du gerade noch gesprochen hast, könnte etwas mit den Ereignissen zu tun haben.
Eine wichtige Verbindung zur Außenwelt bleibt dabei bestehen: Social Media. Über Smartwatch und Smartphone verfolgen die Eingeschlossenen, wie Zuschauer und Öffentlichkeit auf die Katastrophe reagieren. Kommentare, Gerüchte und Spekulationen verbreiten sich, während sich innerhalb der Gruppe zunehmend Misstrauen entwickelt.
Das ist auch Jahre nach der ursprünglichen Veröffentlichung ein erstaunlich zeitgemäßes Szenario. Buried Stars beschäftigt sich mit öffentlicher Wahrnehmung, medial erzeugten Persönlichkeiten und dem enormen Druck, der entsteht, wenn das eigene Leben permanent von einer anonymen Masse kommentiert wird. Gerade die Verbindung aus klassischem Kriminalfall und moderner Social-Media-Dynamik gibt dem Spiel eine eigene Identität.
Buried Stars macht aus einer Castingshow erst eine Katastrophe und anschließend ein psychologisches Kammerspiel.
Reden, beobachten und zwischen den Zeilen lesen
Spielerisch gehört Buried Stars eindeutig zu den erzählerisch geprägten Adventures. Große Teile der Spielzeit bestehen aus Dialogen. Du sprichst mit den anderen Überlebenden, sammelst Informationen und entscheidest immer wieder, wie Du auf bestimmte Situationen reagieren möchtest.Ein zentrales Element ist der Kommunikationsmodus. Im Verlauf der Handlung erhältst Du unterschiedliche Stichwörter, die anschließend als Gesprächsthemen verwendet werden können. Dadurch erfährst Du mehr über die Situation und vor allem über die Menschen, mit denen Du eingeschlossen bist. Gleichzeitig beeinflussen Gespräche die Beziehungen zwischen den Charakteren.
Das ist wichtig, weil Buried Stars nicht nur eine lineare Geschichte erzählen möchte. Entscheidungen und Beziehungen können den weiteren Verlauf beeinflussen. Mehrere Routen und Enden sorgen dafür, dass ein Durchgang nicht zwangsläufig sämtliche Antworten liefert. Wer wirklich tief in den Fall eintauchen möchte, bekommt deshalb einen guten Grund, nach dem Abspann erneut zurückzukehren.
Besonders gelungen finden wir die Integration der sozialen Netzwerke. Die Timeline ist nicht bloß dekoratives Hintergrundrauschen. Beiträge können Hinweise enthalten und vermitteln gleichzeitig hervorragend, wie absurd schnell sich Gerüchte und öffentliche Urteile entwickeln. Menschen außerhalb des Gebäudes wissen kaum, was tatsächlich passiert, diskutieren aber trotzdem mit größter Überzeugung darüber.
Die vielleicht interessanteste Figur in Buried Stars ist keine einzelne Person, sondern die anonyme Masse vor den Bildschirmen.
Hinzu kommt, dass Buried Stars dem Spieler ziemlich viele Systeme und Informationen zumutet. Beziehungen, mentale Verfassung, Gesprächsthemen, Social-Media-Beiträge und Ermittlungsinformationen wollen im Blick behalten werden. Uns gefällt diese Komplexität grundsätzlich, doch nicht jede Mechanik wird gleichermaßen elegant vermittelt.
Wer ein klassisches Adventure mit vielen Rätseln und permanenter Interaktion erwartet, könnte deshalb enttäuscht werden. Buried Stars ist wesentlich näher an einer Visual Novel und einem interaktiven Thriller. Das eigentliche Spielen besteht häufig darin, Informationen zu bewerten und Entscheidungen zu treffen. Wer genau daran Spaß hat, bekommt allerdings eine spannende Geschichte mit erfreulich viel Substanz.
2D und 3D ergeben eine ungewöhnlich starke Bühne
Die Präsentation gehört zu den größten Stärken von Buried Stars. Statt ausschließlich auf klassische Visual-Novel-Hintergründe zu setzen, verbindet Studio Largo detaillierte 2D-Charakterillustrationen mit dreidimensionalen Umgebungen. Dadurch wirkt das Geschehen deutlich dynamischer als bei vielen Genrevertretern.Die Charaktere besitzen einen markanten Anime- beziehungsweise Manhwa-Stil und werden durch unterschiedliche Gesichtsausdrücke und Posen lebendig. Gleichzeitig verändert das Spiel immer wieder Kameraperspektiven und Bildausschnitte. Gerade weil sich große Teile der Handlung innerhalb des zerstörten Gebäudes abspielen, ist diese visuelle Dynamik wichtig.
Das Ergebnis funktioniert ausgesprochen gut. Buried Stars muss keine aufwendigen Actionsequenzen präsentieren, um Spannung zu erzeugen. Ein veränderter Blickwinkel, ein neuer Gesichtsausdruck oder ein plötzlich eingeblendeter Social-Media-Beitrag können vollkommen ausreichen, um eine Szene unangenehm werden zu lassen.
Auch die Benutzeroberfläche fügt sich gut in das moderne Szenario ein. Smartphone, Timeline und Kommunikation wirken nicht wie nachträglich aufgesetzte Menüs, sondern gehören zur Welt und zur Erzählweise des Spiels.
Buried Stars beweist, dass eine Visual Novel nicht statisch aussehen muss, um ihren Figuren genügend Raum zu geben.
Entscheidungen statt Fingerakrobatik
Bei der Steuerung bleibt Buried Stars seinem Genre entsprechend unkompliziert. Dialoge werden weitergeschaltet, Antworten ausgewählt, Menüs geöffnet und gesammelte Informationen beziehungsweise Social-Media-Beiträge untersucht. Eine besonders anspruchsvolle mechanische Bedienung gibt es nicht.Das ist vollkommen in Ordnung. Die Herausforderung soll schließlich nicht darin bestehen, komplizierte Tastenkombinationen zu beherrschen. Stattdessen musst Du entscheiden, mit wem Du sprichst, welche Themen Du ansprichst und welche Reaktion in einer bestimmten Situation sinnvoll erscheint.
Gerade dabei kann Buried Stars allerdings auch etwas sperrig werden. Die vielen Informationen und Kommunikationsmöglichkeiten sorgen gelegentlich dafür, dass man länger durch Menüs navigiert oder Gespräche führt, deren spielerischer Mehrwert überschaubar bleibt. Das Problem liegt also weniger in der eigentlichen Eingabe als in der Struktur einzelner Abläufe.
Controller werden auf dem PC unterstützt und passen gut zum entspannten Grundtempo. Da ohnehin keine schnellen Reaktionen verlangt werden, lässt sich Buried Stars problemlos mit unterschiedlichen Eingabemethoden spielen.
Wichtiger als die physische Steuerung ist letztlich die Kontrolle über die Geschichte. Entscheidungen verändern Beziehungen und können Auswirkungen auf den Verlauf haben. Das sorgt dafür, dass selbst einfache Dialogauswahlen eine gewisse Bedeutung bekommen und man häufiger darüber nachdenkt, welche Antwort man tatsächlich geben möchte.
Starke Stimmen tragen das Drama unter den Trümmern
Auch akustisch macht Buried Stars einen überzeugenden Eindruck. Besonders hervorzuheben ist die umfangreiche Sprachausgabe. Das Spiel bietet sowohl koreanische als auch japanische Stimmen und hat für beide Fassungen zahlreiche erfahrene Sprecher verpflichtet.Gerade die koreanische Vertonung passt hervorragend zum Schauplatz und zur Herkunft des Spiels. Emotionale Auseinandersetzungen, Unsicherheit und zunehmendes Misstrauen profitieren enorm davon, dass die Figuren nicht lediglich über Textfenster miteinander kommunizieren.
Die Musik arbeitet wesentlich zurückhaltender. Statt permanent Aufmerksamkeit einzufordern, unterstützt sie die Stimmung und wird vor allem dann wirkungsvoll, wenn sich eine zunächst ruhige Unterhaltung zunehmend zuspitzt. Zusammen mit den Umgebungsgeräuschen des beschädigten Gebäudes entsteht eine angenehm bedrückende Atmosphäre.
Der Hauptsong Be Honest fügt sich ebenfalls gut in die Inszenierung ein und unterstreicht den etwas ungewöhnlichen Charakter des gesamten Projekts. Buried Stars fühlt sich eben nicht wie eine japanische Visual Novel an, die zufällig von einem koreanischen Studio entwickelt wurde. Die eigene kulturelle Herkunft bleibt erkennbar.
Das ist für uns durchaus ein Pluspunkt. Gerade in einem Genre, das häufig von sehr ähnlichen ästhetischen und erzählerischen Mustern geprägt wird, besitzt Buried Stars dadurch eine angenehm eigene Handschrift.





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